Die Tagung

Guten Abend!
Mein Name ist Maria Storer. Als Diplom Kriminolgin habe ich den Auftrag, Ihnen, den praktizierenden  Kriminalisten, heute etwas über das Phänomen Rache zu erzählen. Die Definition von Rache folgt auch in unserer modernen, westlichen Gesellschaft den alten Prämissen von Zerstörung und Primitivität. Sie erlauben, dass ich meine geschätzten Psychologen-Kollegen Böhm und Kaplan zitiere, deren erst kürzlich erschienener Band „Rache – Zur Psychodynamik einer unheimlichen Lust und ihrer Zähmung“ im Ankündigungstext Rache „als primitive, destruktive Kraft“ beschreiben, „die allen Individuen, Gruppen und Gesellschaften innewohnt – ein zerstörerisches Potenzial, das sich unter bestimmten Umständen mit Macht den Weg an die Oberfläche bahnt.“ Böhm und Kaplan identifizieren die dem Phänomen innewohnenden Motive als psychologische „Verknüpfung von Vorurteilen, Verfolgung, Rassismus und Gewalt.“ So weit, so gut.Rache ist in unserer Kultur also noch immer Etwas Verpöntes. Ich erzähle Ihnen gewiss nichts Neues und gehe in diesem Punkt auch mit meinen geschätzten Kollegen konform, wenn ich behaupte, dass allein der Gedanke an Rache eine große Macht hat. Allerdings gehe ich, entgegen der allgemeinen Betrachtungsweise, davon aus, dass Rache die Seele nicht vergiftet, sondern Rache reinigt. Keiner darf es, aber jeder will es.

Um Ihnen meine Haltung nahe zu bringen und zu verdeutlichen, werde ich Ihnen jetzt die Geschichte einer Frau vorlesen, deren psychisch verstörtes Leben einzig durch den Rachegedanken ein für sie sinnvolles Leben wurde:

„Wann immer die Vergangenheit mich durchflutet wie ein vergifteter Fluss, spüre ich diesen Sog ins Nichts. Diese Stimme im Kopf, die mir flüstert „Du hässliches, nutzloses Ding“. Ich lebe schon so viele Jahre mit dieser Stimme, konnte sie nicht aus meinem Kopf vertreiben, aber inzwischen weiß ich, dass ich ihr keinen Raum mehr geben darf, sich in mir auszubreiten. Deswegen ziehe ich mir heute, sobald ich diese Stimme höre, meine Waldjacke über und pfeife nach den Hunden.

Als Erster steht Elias, der Retriever, neben mir. Tänzelt auf weichgoldenen Pfoten. Müde, die Vorderläufe eingeknickt, streckt sich Toni, der Labrador, auf seinem Schlafplatz im Flur. Wie Geschwister kommen sie mir vor, müssen ständig miteinander rangeln. Wenn nicht um meine Aufmerksamkeit oder den Futternapf, dann darum wer wen als nächstes Bespringen darf.

Im Spiegelbild hängt mir eine Strähne grauen Haares ins Gesicht. 45 musste ich werden, um dieses Gesicht zu mögen. Trotz der Lachfalten an den Augen, der Gramfalten in den Mundwinkeln, trotz schlaffer werdender Haut am Hals. Bernhardinerwangen werd ich mal bekommen, wissen Sie, so wie die Merkel. Meine Therapeutin sagt, es sei viel besser, mich mit der mächtigsten Frau im Land zu vergleichen, als mich mit den verletzenden Meinungen der Hochglanzmagazine zu identifizieren. Aber egal. Elias ist jedenfalls immer der Erste der mich hört. Er springt an mir hoch. Ein zugeneigter Hundekuss gepaart mit egoistischer und ziemlich feuchter Hundeungeduld. Soll wohl heißen „Quatsch nicht, komm lieber!“. Ich wische den Hundesabber ab, packe die Leinen, die Dummies, ziehe das Basecap ins Gesicht.

Die Erde dampft und glänzt vom Regen der Nacht, während die Morgensonne die Nässe gierig aufsaugt. Nebelschwaden in der Straße. Ein seltener Anblick, selbst zu dieser frühen Stunde. Drei Straßenzüge weiter endet die Stadt. Beginnt der Wald mit seinem Duft nach Pilz und Moos und Nässe. Die Jungs jagen sich gegenseitig ein Stück morsches Holz ab.  Ich atme Erde, Wasser, Licht und Luft.

Drei Kilometer von der Wohnung entfernt, auf einer Lichtung im Hauserwald, apportieren Toni und Elias die Dummies, die ich wieder und wieder in das Dickicht des Unterholzes werfe. Wer ihn mir bringt, bekommt ein Leckerli. Das motiviert sie weiterzusuchen, auch wenn die empfindlichen Nasen abgelenkt werden, von der aufsteigenden Fäulnis verwesender Kleintiere.
Eineinhalb Stunden dauert dieses tägliche Ritual. Im Anschluss machen wir Picknick. Es gibt Kekse für die Jungs, Kaffee aus der Thermoskanne und eine Zigarette für mich.
Toni und Elias dösen. Ich liege mit dem Kopf auf Tonis Flanke und stelle mir vor wie es wäre, könnte ich mich wie ein normaler Mensch verhalten. Normal.
Gaus`che Kurve, kennen Sie doch. Normal ist alles im Mittelbereich der Kurve. Ich stelle mir vor, da wäre einer, von dem könnte ich mich berühren lassen, könnte lachen mit ihm, könnte vielleicht vertrauen. Manchmal sehne ich mich so sehr nach Berührung und Nähe, dass mir die Haut davon schmerzt.  Aber in meinem Leben gab es bisher nur flüchtige Begegnungen. Mir fehlt der Mut, über etwas anderes zu sprechen, als über die Jungs. Er würde sowieso wieder alles zerstören. Seit zwanzig Jahren habe ich ihn nicht gesehen und trotzdem höre ich seine Stimme.
Egal wie oft ich dieses therapeutische Mantra aufsage „Du bist erwachsen, er kann dir nichts mehr tun, hat keine Macht mehr über Dich!“ es gibt keine Sicherheit, kein Selbstvertrauen. Das gibt mir nur die andere Stimme, die Starke. Sie sagt: ‚Erst wenn Einer von Euch von dieser Erde verschwindet, wenn ihr nicht mehr die gleiche Luft atmet, erst dann wirst Du wirklich Frieden haben’.
Wissen Sie, diese Stimme ist der Grund dafür, dass wir jeden Tag auf diese Lichtung gehen.

Denken Sie nicht auch manchmal, dass das Böse vernichtet gehört. Und dass Sie, wenn niemand außer Ihnen das Böse sehen will, die Dinge eben selbst in die Hand nehmen müssen?
Ich weiß nicht, ob ich meinen Plan jemals umsetzen werde, aber allein die Vorbereitung gibt mir eine Energie, wie ich sie vorher nie gespürt habe. Ich gebe zu, Toni und Elias sind dabei meine unfreiwilligen Helfer.  Und das ist mein Traum:
Er wird schon noch erfahren, was aus seiner Maria geworden ist, aus seinem Gottesgeschenk. Ich werde das Böse aus seiner Höhle locken. Auch wenn ich mich dafür noch einmal  seinen giftigen Worten und seinen fleischigen Händen aussetzen muss. Ich werde ihn letztes, ein hoffentlich tödliches Mal umarmen. Die reuevolle Tochter werde ich spielen, die in den Schoß der Familie heimkehrt. Die Tochter, die endlich zugibt, dass sie sich nur wichtig machen wollte mit ihren erfundenen Geschichten, ihren Lügen über ihn. Die heimkehrende Tochter, die scheinbar willig seine verborgenen Träume wahr werden lässt.

Toni und Elias haben schon genug Material gesammelt. Wussten Sie, dass eine Zecke ohne Futter 7 Jahre überleben kann? Ich habe schon zwanzig Tupperbüchsen voll davon. Stehen alle im Keller. Den Tieren geht es gut da. Ich habe Zweige und Gras in die Büchsen getan, damit sie sich nicht so fremd fühlen. Wenn ich alle Tiere auf ihn loslasse, liegt sein Risiko zu sterben bei zwei bis fünf Prozent. Obwohl, sterben muss er gar nicht. Er muss nur unschädlich gemacht werden. Bewegungsunfähig, vom Leben abgeschnitten. Leiden soll er, so wie ich leiden musste.

Wissen Sie, ich habe zehn Jahre gebraucht, ihn mir vom Leib zu halten, obwohl ich doch längst den Kontakt zu ihm abgebrochen hatte. Noch zehn Jahre danach hab ich jede Nacht seine suchende Hand auf meinen Schenkeln gespürt. Heute, also wenn er jetzt im Traum da ist, dann kommt er mir zwar nah, aber er kann mich nicht mehr berühren. Ich trickse ihn aus. Ich wache einfach auf und weg ist er!

Ich habe gelernt Geduld zu haben, auch wenn ich manchmal aufwache, nachts, voller Panik und nass wie ein Baby. Dann fühle ich mich wie ein Adrenalinjunkie auf der Rückreise von einem Horrortrip. Wenn ich erwache aus solchen Träumen, lausche ich dem Atem der Hunde. Atme mich mit ihnen in Gleichklang. Öffne meine Augen erst, wenn ich mich beruhigt habe.
Wenn ich erwache, wachen auch Toni und Elias auf. Es ist, als würden sie spüren, dass ich ihre Nähe und ihren Schutz brauche. Niemand wagt es, sich mir zu nähern, wenn die Jungs zähnefletschend und ins Dunkel knurrend neben mir wachen. Manchmal denke ich, sie als können ihn spüren, obwohl er doch nur ein geträumter und erinnerter Schlafstörer ist. ‚Die Vertreibung des bösen Geistes’ nenne ich das.
In diesen Momenten ist es sehr hilfreich, an die Büchsen im Keller zu denken. Ich stelle mir vor, wie ich, im enganliegenden Kostüm, mit roten Highheels an den Füßen, den Trenchcoat lässig über den Arm geworfen, in Ramsau aus dem Bus steige.
Ramsau, das ist irgendwo im Berchtesgadener Land, da wohnt er. Den Ort stelle ich mir vor wie eine verkitschte Postkartenidylle. Von Pflanzen überwucherte Balkone, fette Kühe auf grünen Weiden und im Hintergrund, dunkel, die schneebedeckten Weltenwächter.
Versunken in den Anblick der weißen Bergmützen im strengen Himmelsblau, werde ich warten auf den Augenblick, in dem sich alles entscheidet.
Dann, wenn kein „würde, könnte, hätte“ mich mehr bremst, werde ich mir sein Leben holen. Auge um Auge, das sagt schon seine Bibel.

Vor dem Gartentor der Berningerstraße 28 werde ich mir ordnend durchs Haar streichen. Atmen. Klingeln. Lächeln.
Da steht er dann. In der Tür. Graue Haare wird er haben und die merkwürdige Straffheit der Haut hält sicher noch immer seinen prallen Körper fest. Ein in die Jahre gekommener Hengst. Unverkennbar.
Papa wird so tun, als hätten wir uns erst gestern gesehen. Anblaffen wird er mich „Willste Wurzeln schlagen oder kommste rein?“ und genau in dem Moment werden meine letzten Zweifel ausgeräumt.
„Die verlorene Tochter kehrt zurück in den Schoß der Familie“ wird er sagen und das kleine Wörtchen Schoß mit einem schmierigen Lächeln ausspucken. Er wird mich in seine Arme nehmen. Das wird der entscheidende Augenblick. Ich darf nicht erstarren wie das Kaninchen, muss die Übelkeit ignorieren. Kotzen kann ich später.
Ich werde seine Umarmung erwidern, mich sanft an ihn schmiegen, ihm übers Haar streichen. Werde die Zecken auf ihm verteilen, ihm ins Hemd, in die Hose schütten. Auf seine Handtücher, ins Bett, sie auf dem Sofa verteilen.
Wenn ich sein Haus verlasse, wird es die neue Heimstatt tausender von Zecken sein. Meine Zeckenpest wird über ihn kommen.

So klein und hungrig wie die Tiere sein werden, wird es eine Weile dauern, bis er sie bemerkt. Jedes dieser Tiere trägt die Möglichkeit eines schnellen Todes oder langjähriger körperlicher Gebrechen in sich. Eines wird ihn brechen.
Der Gedanke an sein Leiden bereitet mir körperliches Wohlbehagen. Seine langsame Erkenntnis. Ja, seine Krankheit wird mein Abschiedsgeschenk. Und weil sein Sprachzentrum so gelähmt sein wird wie der Rest seines Körpers, kann er seiner Wut nicht einmal Ausdruck geben.“

Meine Damen und Herren, die Quintessenz dieser mich faszinierenden Geschichte lautet: Rache ist Etwas sehr Befreiendes und genau dies macht sie so gefährlich und genau damit sorgt das Phänomen Rache dafür, dass Sie liebe Kriminalisten und Kriminalistinnen nicht arbeitslos werden.
Ich danke Ihnen für Ihre Aufmerksamkeit.
Begleitet vom erst verhaltenen, dann stärker werdenden Beifall, verlässt Maria Storer die Bühne. Sie strebt, umringt von einer Gruppe der anwesenden Kriminalisten, in ein angestrengtes Gespräch mit ihnen verwickelt, dem Ausgang entgegen. Einzig Martin Hitzinger, Kriminalkommissar aus Traunstein, Berchtesgadener Land, sitzt, nach Ende des Vortrages, noch lange nachdenklich auf seinem Platz.

© Sylvia Tornau, 2010


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Der Beitrag wurde am 22. März 2011 um 22:20 veröffentlicht und wurde in der Kategorie Prosa gespeichert. Du kannst Kommentare zu diesem Eintrag durch den RSS 2.0 Feed verfolgen. Du kannst einen Kommentar schreiben, oder einen TrackBack auf deiner Seite einrichten.