Die gute Stube

Das Haus in einer dunklen Seitengasse alt und verwittert, gänzlich unsaniert. Die Eingangstür aus dem Baumarkt, Sprelacart. Mit Kunstharz bezogene Schichtstoffplatten, Kiefer furniert, Made in GDR. Ein Schritt durch diese Tür und ich bin in einer Zeit vor 30 Jahren. Ein Schankraum. Die Holztäfelung an den Wänden, Naturholz und die vergilbte Raufasertapete sind das einzig Helle. Die dunkelbraune Decke mit dem einen halben Meter in den Raum gezogenen Rand macht aus dem mindestens fünf Meter hohen Raum eine Hutzenstube. Vor 30 Jahren war das modern und gleichzeitig Inbegriff der Gemütlichkeit eines Arbeiter- und Bauernstaates. Die gute Stube des Ostens, rauchgeschwängert und leer. An vier Tischen sitzen fünf Personen, alle rauchen. Der Qualm zieht wie ein Zeitschleier durch meinen Kopf, wabert herum. Es ist, als hätte mir jemand den Boden unter den Füßen weggezogen, als gäbe es die letzten 30 Jahre nicht, als gäbe es nur diesen Raum und mich. Ich schrumpfe auf Kindergröße.
Eine Kellnerin weist mir den Weg in den Saal. Auch hier: alles braun. Holzverkleidung, Sprelacart-Möbel, praktische Kargheit. Selbst die großblumigen Malimo-Gardinen in gelbbraunlila werden von der Farbe Braun dominiert. Nur die handgedrechselte Eckbank mit dem geschnitzten Ornamentmuster erinnert an etwas Lebendiges. Das Holz dieser Bank war schließlich einmal ein Baum.

Der Blickfang im Saal ist eindeutig ein handgemaltes Bild vom Watzmann, im Goldrahmen. Der berggewordene König, dessen größte Freude die Qual seiner Mitmenschen war. Ich setze mich links neben ihn auf die Eckbank, an einen großen runden Tisch mit Glasplatte. Die handgeklöppelte Tischdecke unter der Glasplatte fällt mir auf, als die Kellnerin meinen Grog auf die Tischplatte stellt. Am heißen Glas wärme ich meine Hände.
Den Blick auf das vergilbte Klöppelwerk gerichtet, überlagern sich in mir die Zeiten. Aus der Wirtschaft „Weißes Roß“ in Leipzig wird der „Goldene Hirsch“ in Rohrbach, Erzgebirge. In der holzvertäfelten braunen Gemütlichkeit sitze ich im Kreise der nächsten Verwandten: Vater, Mutter, Brüder und die Wirtsleute. Es ist Silvester. Jedes Jahr am selben Ort, dasselbe Spiel. Vor mir ein Teller mit Kartoffeln und einem halben Karpfen blau, schon kalt. Sein trübes Auge starrt mich an. Ich sehe die noch immer schimmernden Schuppen, den abgespreizten Kiemendeckel. Durch den Tod ausgetrocknet. Kein Sauerstoff wird hier mehr aufgenommen.
„Iss endlich!“ dröhnt die Stimme meines Vaters in meine Überlegungen.
Die anderen am Tisch sind mit ihrem Kaffee fertig, meinem Vater reißt der Geduldsfaden. Er nimmt meine Gabel, hackt auf dem Karpfen herum, bis ein Stück davon an der Gabel hängen bleibt. Die Gabel mit dem Fisch kommt meinem Mund bedrohlich nahe. Ich weiche mit dem Kopf zurück, seine linke Hand packt mich im Nacken, mit der Rechten zwingt er den Fisch in meinen Mund. Über Lippen und Zunge breitet sich Fischgeschmack aus. Ich schlucke, ich würge.

Hirschgeweihe. Das ist es. Das ist der Unterschied. Hier im „Weißen Roß“ gibt es keine Hirschgeweihe. Ich nehme einen Schluck vom inzwischen kalten Grog, zünde mir eine Zigarette an und hoffe, es möge für lange Zeit die Letzte unter einem Bild vom Watzmann sein.
Ich zahle. Ich gehe. Die Tür zum Schankraum schließt sich hinter mir, ich kann wieder durchatmen.

© Sylvia Tornau, 2010


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Der Beitrag wurde am 22. März 2011 um 22:16 veröffentlicht und wurde in der Kategorie Prosa gespeichert. Du kannst Kommentare zu diesem Eintrag durch den RSS 2.0 Feed verfolgen. Du kannst einen Kommentar schreiben, oder einen TrackBack auf deiner Seite einrichten.