Ein Hoch auf die ungeliebte Angst

„Ich möchte alles aufschreiben, was ich über Angsthaben weiß, aber dann hätte ich sicherlich keine Zeit mehr, um über etwas anderes zu schreiben. Angst hat ein Land, das uns bei Geburt Pässe aushändigt und hofft, dass wir das Bürgerrecht nicht auch anderswo suchen. Das Gesicht der Angst verändert sich ständig, und ich muss mit dieser Veränderung rechnen. Ich muss leicht und schnell reisen und eine Menge Gepäck zurücklassen. Stückgut.“
Audre Lorde, Auf Leben und Tod: Krebstagebuch.

Angst. Kaum ein anderes, so häufig genutztes Wort gibt es. Liebe vielleicht. Doch im Alltäglichen überflügelt häufig die Angst die Liebe. In meinem bisherigen Leben war das so. In den von mir in erlebten Begegnungen war das so. Ich kenne keinen Menschen, der sich vor nimmt Angst zu haben. Im Gegenteil, wir ersehnen ein Leben ohne Angst. Oder wir behaupten, wir hätten keine Angst, geben uns Angstfrei. Was ist der Unterschied zwischen einer manifestierten Angst und einer identifizierbaren Bedrohung. Was geschieht, wenn wir der identifizierbaren Bedrohung dauerhaft ausgesetzt sind? Manifestiert sich so die Angst?

Was also ist Angst? Angst ist eines der Grundgefühle. Gefühle entstehen als Produkt der Verarbeitung von Reizen. Unsere Sinnesorgane nehmen etwas wahr, leiten es an unser Gehirn weiter. Dort werden diese Wahrnehmungen, Reize abgeglichen mit allem was in uns ist, was wir bisher im Innen und Außen erlebt haben. Gefühle vermitteln uns damit ein Bild von der uns umgebenden Welt, aber auch von Vorgängen unseres eigenen Körpers. Das heißt, sie sind nicht nur Ausdruck äußerer Tatsachen, sondern auch der Bedeutung, die wir ihnen subjektiv geben. Gefühle lassen sich somit zwar kategorisieren – Lust, Schmerz, Freude, Angst – aber sie sind immer individuell, entstanden auf im Kontext genetischer Vorbedingungen und persönlicher Erfahrungen. So lässt sich ganz wunderbar über dieses Gefühl erzählen ohne wirklich etwas darüber zu sagen.
Ich erlebe Angst selten als etwas Vordergründiges. Eher so wie den Boden, die Substanz auf der mein Leben aufgebaut ist. Alles vom Moment der Geburt an, strebt dem Tode zu. Das verdrängen wir gern, leben, als hätten wir nichts zu verlieren, als stünden uns Ewigkeiten zur Verfügung, nicht nur kleine Zeitfenster. Mit der Vergänglichkeit, dem Sterben (müssen) setzen wir uns nur ungern auseinander, es sei denn, wir werden damit konfrontiert. In Form von Krankheit und Siechtum, sei es bei uns selbst, oder bei Menschen die uns nahe sind. Der Tod lässt uns nicht unberührt, auch wenn wir ihn gern verschweigen oder gar so tun als ginge er uns nichts an. Wir entwickeln verschiedene Ängste, von denen jeder so etwas wie ein kleiner Tod zu sein scheint. Die Angst vor dem Altwerden, Angst vor Krankheiten, Angst vor der Liebe, Angst den Job zu verlieren, Angst das Gesicht zu verlieren (ich frage mich, wie ich ohne Gesicht aussehen würde), Angst vor Spinnen, Angst vor Höhe, Angst vor Gewalt, Angst vor politischen Entwicklungen, Angst vor dem Untergang der Welt, sei es durch einen Meteoriten, sei es durch den von Menschen verursachten Klimawandel. Manche Menschen entwickeln sogar eine Angst vor dem Leben: Wenn ich doch sowieso sterben muss, warum soll ich mich dann einlassen auf etwas, dass ich am Ende sowieso verliere?
Angst ist aus meiner heutigen Sicht das am häufigsten missverstandene Gefühl. Taucht sie auf, verlieren wir uns in ihr oder weigern uns anzuerkennen, dass sie da ist. Fürchten, andere könnten sie bemerken. Lassen uns dazu hinreißen, ein Leben zu leben, welches von der Angst dominiert wird, die wir doch nicht haben wollen. Die Angst als ständiger Begleiter, mal mehr, mal weniger intensiv. Nur als eines sehen wir die Angst nicht oder nur selten – abgesehen von ein paar Wissenschaftler*innen, Psycholog*innen und Erleuchteten – als Lehrerin, Wegbegleiterin, Warnerin. Sie hat uns immer etwas zu sagen, wir müssen nur lernen auf sie zu hören. Mit dem Zuhören verlor ich die Angst vor der Angst und mein Leben wurde um ein vielfaches leichter und freier. Das Anerkennen der Angst als einer Wegweiserin, die mich dahin schauen ließ, wo ich nicht hinschauen wollte, half mir fortan, bessere Entscheidungen zu treffen und mit meinen Entscheidungen nicht mehr zu hadern, sondern sie anzuerkennen als Entscheidungen, die ich notfalls revidieren könnte.

Ich war ein ängstliches Kind, vor fast allem und jedem hatte ich Angst. Von der anhaltenden Bedrohung, die nicht nur real in Persona des Vaters existierte, sondern auch alles andere überschattete. Atmete ich zu laut? Kaute ich zu laut? Würde der Fleck auf meinem Kleid seine Aufmerksamkeit auf mich lenken? Würde ich seinen Zorn zu spüren bekommen, seine Hand, seinen Schuh, seinen Gürtel? Daneben musste ich darauf achten, so unauffällig wie nur möglich durch das Haus zu laufen. Ihm nicht in die Augen sehen, nicht seine Aufmerksamkeit auf mich ziehen. Vor der Schule hatte ich weniger Angst, ich lernte gern, aber schlechte Noten verstärkten den Knoten im Bauch. Ich hatte Angst vor meinen Brüdern, Angst vor den Kindern in der Schule. Ihre derben Spiele und Worte schreckten mich ab, so wurde ich zu einer Einzelgängerin. Trotzdem war ich lieber in der Schule als zu Hause. Die Angst war in der Schule nicht so präsent, war eher so eine Art Grundrauschen, übertönt von der aufregenden Melodie des Lernens. Die Angst ließ mich wachsam werden. Angst schärfte meine Sinne.
Erst viel später in meinem Leben habe ich verstanden, wie viel ich in dieser Zeit gelernt, welche Fähigkeiten ich daraus entwickelt habe. Aus meiner von Angst geschulten Wahrnehmung, aus der Sensibilität für die Schwingungen und Stimmungen anderer Menschen machte ich einen Beruf. Ich wurde erst Sozialarbeiterin, später Therapeutin.

Mit dem Auszug aus dem Elternhaus änderten sich die Ängste. Ich besaß eine Matratze, ein paar Bücher und kleine Jobs, die mich gerade so ernährten. Mit meiner Matratze zog ich von Wohnung zu Wohnung, in WGs zu Freund*innen, in besetzte Häuser. Ein Buch kaufen war manchmal wichtiger als Essen. Ich war arm und fühlte mich so frei wie nie. Das Grundrauschen der Angst machte sich vor allem dann bemerkbar, wenn ich dabei war mich zu verlieben. Verlieben hat etwas mit Einlassen zu tun, mit Vertrauen. Vertrauen hatte ich keines. In mich nicht und auch nicht in Andere. Ich ließ die Enden meiner Beziehungen entweder zu lose, ich blieb unverbindlich, oder zu fest, ich begab mich in Abhängigkeiten, die ich nicht wollte und meinem Gegenüber zum Vorwurf machte. Die Angst rauschte jetzt in einem anderen Ton: Ich bin nicht beziehungsfähig. Jene die behaupteten mich zu liebten, stieß ich vor den Kopf. Mit denen, denen ich offensichtlich egal war, verbrachte ich aufregende Momente. Wieder einmal lernte ich von meiner Angst. Lernte mich durchzusetzen. Lernte die eigene Stimme kennen. Lernte, dass ich, die Rebellin, auch dazu gehören wollte, zu einer Gemeinschaft, zu einem anderen Menschen.

Immer, wenn sich das Grundrauschen meiner Angst änderte, lernte ich etwas über mich. Die Angst zeigte mir den roten Faden in meinem Leben. Sie zwang mich, mich mit den Themen auseinander zu setzen, die für mich in dieser Phase wichtig waren, auch wenn ich sie am liebsten ignoriert hätte. Die Angst nicht lieben zu können, klärte sich mit dem Wachsen meines Bauches. Soviel Angst ich auch vor der Verantwortung hatte und vor dem, was da kommen würde, wenn ich die Hand auf meinen Bauch legte und die Bewegungen des in mir heranwachsenden Lebens spürte, durchströmte mich ein bis dahin nicht gekanntes Glücksgefühl. Ich trieb durchs Leben, strandete mal hier, mal dort, zog weiter. War Vagabundin und Clochard in einem. Dass ich so nicht weitermachen konnte, war mir klar. Mit einem Kind konnte ich nicht mal hier, mal dort leben. Oder vielleicht doch? Vielleicht hätte ich es gekonnt, aber ich habe mich nicht getraut. Ich musste lernen Verantwortung zu übernehmen. Verantwortung für mich und mein Kind. Das hieß: ein Dach über dem Kopf, Essen im Kühlschrank, saubere Kleidung, ein einigermaßen geregelter Tagesablauf. Würde ich eine gute Mutter sein können? Dieser neue Grundton meiner Angst war verstörend. Ich beschloss, mich nicht damit zu beschäftigen, was eine gute Mutter ausmacht, ich wollte meinen eigenen Weg finden. In meinem Leben war Authentizität ein wesentlicher Wert und so wollte ich auch als Mutter sein. Mein Kind sollte wissen wer und wie ich bin, damit es mich einschätzen kann, damit ich eine verlässliche Größe im Leben meines Kindes werde. Ich war gewillt, dafür Sorge zu tragen, dass meine Tochter sich sicher und geliebt fühlt und sich freier entwickeln kann und im Leben nicht so viele Ängste aushalten muss. Das mit der Angst ist mir leider nicht gelungen. Auch das Leben meines nunmehr erwachsenen Kindes wird von sich ändernden Grundtönen der Angst begleitet. Im Unterschied zu mir, versteht meine Tochter ihre Ängste schneller, bearbeitet die Themen eher und hat weit weniger Angst vor der Angst, als ich in jungen Jahren.

Heute bezieht sich meine Angst viel mehr auf gesellschaftliche Themen, auf den gesellschaftlichen Rollback. Der Rassismus und die rassistisch motivierte Gewalt steigen an, nicht nur in Deutschland, sondern in der gesamten westlichen Welt. Die Armutspyramide wächst, die Umweltkatastrophen werden von Jahr zu Jahr mehr. Die Demokratie in Europa ist in Gefahr sich selbst abzuschaffen – Menschenrechte gelten nur noch für die in Europa lebenden, für das Sterben auf dem Mittelmeer fühlt sich Europa nicht verantwortlich. Die demokratischen Volksparteien hecheln den rechten Parteien hinterher und nehmen deren faschistoide Haltung zum Machterhalt in Kauf. Was macht der Kapitalismus mit uns? Was die Religionen. Warum durchbrechen wir nicht endlich den Kreislauf, dass auf den Fortschritt immer der Rückschritt folgt. Heute zählt, wer etwas tut und etwas hat. Einfach nur Da-zu-sein ist auf unserer Welt nicht genug. Genau darum sollte es doch gehen. Ist nicht das Leben an sich das Wesentliche?

Die höchsten Töne meiner Angst beschäftigen sich momentan mit dieser Diskrepanz zwischen dem Dasein und den Wertigkeiten, die wir diesem Dasein geben. Wenn ich die radikalisierten, ganzkörpertätowierten Männer auf den Straßen sehe, die bei rechten oder linken Demonstrationen auch ihre Gewaltbereitschaft offen zur Schau stellen, das macht mir Angst. Wenn die Versorgung der Alten, Kranken, Behinderten, der Alleinerziehenden, der Asylbewerber*innen immer wieder angegriffen und als zu hoch eingestuft werden, dann macht mir das Angst. Vor allem auch, weil ich all diesen Themen als Einzelperson recht hilflos gegenüber stehe. Warum habe Menschen es so bitter nötig, sich andere untertan machen zu müssen? Warum brauchen Menschen das Gefühl, mehr wert zu sein – mehr Macht, mehr Besitz, mehr Recht auf Leben, Boden, Kultur – als ihre Nachbarn?
In Kerneuropa führen wir seit vielen Jahren keine Kriege mehr gegeneinander, aber die Kriege dieser Welt werden zu einem Großteil mit Waffen geführt, die wir in Kerneuropa produzieren und verkaufen. Heißt, wir alle profitieren auch von diesen Kriegen und trotzdem tun wir so, als gingen uns diese nichts an.  Der Mensch, dieses Wunder der Natur, ist sich selbst der größte Feind und wird es dadurch für alles Lebendige um ihn herum. Wenn wir dort ansetzten, dass der Mensch Wege findet, sich nicht länger selbst der größte Feind zu sein und es dadurch auch für sein Gegenüber und die Umwelt nicht mehr ist, dann besteht langfristig gesehen Hoffnung. Der Mensch wird sich zum Feind, wenn er sich nicht hinterfragt, wenn er nicht erkennt, was seine Gefühle ihm mitteilen, wenn er den Fokus permanent auf die Außenwelt richtet und sich dabei aus den Augen verliert, seine Lebendigkeit und seine Vergänglichkeit.

Letztendlich ist die Angst nicht mehr, aber auch nicht weniger als ein Gefühl. Gefühle kommen und gehen, lassen sich analysieren, aussitzen. Sie begleiten uns ein Leben lang. Gefühle sind nicht unser Feind. Sie wollen nur nicht bewertet werden in gute und schlechte Gefühle. Lust, Freude und Liebe sind dabei meist positiv besetzt, Angst, Wut und Einsamkeit sind eher negativ besetzt. Im Grunde genommen nehmen wir unsere Gefühle so, wie sie kommen und gehen. Wir lernen nicht, mit Gefühlen umzugehen, sondern empfinden uns oft genug als deren Spielball. Das ist der Hauptgrund, warum ich gern Therapeutin bin. Weil ich anderen Menschen dabei behilflich sein kann, zu lernen, mit ihren Gefühlen umzugehen. Darauf zu hören, was sie zu sagen haben, aber sich davon nicht einschüchtern zu lassen. Gefühle nicht zu bewerten ist aus meiner Sicht das Schwerste, was wir Menschen leisten können. Sie anzunehmen, ihre Botschaft zu entschlüsseln, ist mit Arbeit und Selbstreflexion verbunden. Der Lohn dieser Arbeit könnte unser aller Leben verändern. Freie, lebendige und verantwortungsbewusste Menschen aus uns machen, die das Leben und unsere Welt als Geschenk betrachten und den Kreislauf von Werden und Vergehen als Verständlichkeit ansehen. Der Lohn sind Menschen die ihren Wert kennen und sich nicht in Frage stellen (lassen), unabhängig wie viel sie besitzen oder nicht besitzen, was sie tun oder nicht tun.

„Wir alle sind, jede für sich, auf bestimmte Art gesegnet, ob wir uns unserer Segnungen bewusst sind oder nicht. Und jede von uns muss sich irgendwo in ihrem Leben innerhalb dieser Segnung einen freien Raum schaffen, wo sie sich der jeweils erreichbaren Quellen bedienen kann im Namen dessen, was getan werden muss… Wenn nur eine einzige schwarze Frau, die ich nicht kenne, aus meiner Geschichte Hoffnung und Kraft schöpft, dann war sie die Mühe des Erzählens wert.“ (Audre Lorde)

 

 

 

 

 

 

 

 


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Der Beitrag wurde am 6. November 2019 um 18:13 veröffentlicht und wurde in der Kategorie Nachdenken gespeichert. Du kannst Kommentare zu diesem Eintrag durch den RSS 2.0 Feed verfolgen. Du kannst einen Kommentar schreiben, oder einen TrackBack auf deiner Seite einrichten.