„ZwischenLand“ ein Roman von Kathrin Wildenberger

In ZwischenLand erzählt Kathrin Wildenberger von einer Zeit in der Träume entstehen und sterben, Hoffnungen ebenso schnell wachsen wie Ängste vor all dem was die Zukunft mit sich bringen wird. Sie erzählt von einer Zeit, in der eben noch gefeierte Revolutionäre plötzlich mit leeren Händen dastanden. Sie erzählt von Liebe und Enttäuschung, von Vertrauen und Verrat. Lässt uns teilhaben am politischen Geschehen einer Zeit, die längst vergangen ist und doch Leben prägte. Auch in dieser Zeit wurden Haare gefärbt, Partys gefeiert. Es wurde im Privaten ebenso gestritten, wie im Politischen. Aus einstigen Mitschülern wurden fast über Nacht Nazis. Schwestern veränderten sich, Freundschaften auch. Die eigene Zukunft war trotz allem Beteiligt-sein ein klein wenig wichtiger, als das politische Geschehen. In ihrem neuen Roman lässt uns die Autorin teilhaben am Leben junger Menschen in einer bewegten Zeit. Genauer gesagt handelt der Roman in dem kurzen Zeitfenster von März 1990 bis zum 3. Oktober, dem Tag der Deutschen Vereinigung

ZwischenLand ist der mittlere Teil der Montagsnächte-Triologie. Die „Montagsnächte“ (Erstveröffentlichung 2007 im Plöttnerverlag, Neuauflage 2017 im duotincta Verlag) nehmen die Leser*innen mit in den Herbst 1989 und lassen sie teilhaben an dem bewegten Aufbruch der DDR Gesellschaft aus der Sicht von Heranwachsenden. (Hier meine Rezension zu den Montagsnächten von 2009).

In ZwischenLand begegnen wir den Protagonistinnen und Akteuren um Ania Hochlinger wieder. Dieser Roman ist ein Entwicklungsroman und er ist doch noch so vieles mehr. Neben Anias Geschichte konzentriert sich die Autorin auf die Geschichten von Suse, Anias Freundin, und Brit, Anias jüngere Schwester. So verwoben die einzelnen Erzählstränge auch miteinander sind, so erzählt doch jeder einzelne Strang die Entwicklungsrichtung seiner Protagonistin. Gemeinsam ist den drei jungen Frauen im Verlauf des Romans der Verlust einer Liebe. Doch die Schwerpunkte der Erzählstränge sind andere. Geht es bei Ania um die Verarbeitung der Trauer über den Verlust der ersten Liebe, liegt der Schwerpunkt bei Suse auf dem Aspekt der Zukunftsorientierung. Wie will ich leben? Was will ich erreichen? sind die bei der Figur Suse zugrunde liegenden Fragen. Mit Brit wiederum erleben wir das auf und ab der Pubertät, die Suche nach der eigenen Identität, mit allen Wirrungen und Verirrungen, die eine pubertäre Identitätssuche in sich birgt. In diese drei Entwicklungsgeschichten, die an sich schon Material genug für einen Jugendroman bieten, webt die Autorin geschickt die politischen und gesellschaftlichen Entwicklungen jener Zeit ein. Der Blick der Jugendlichen auf die Zeit in der sie leben, ihr Beteiligt-sein, ihr Mittendrin sein, lässt diese Zeit für die Leser*innen lebendig, fühlbar und aus der Distanz versteh-bar werden. Zeitgeschichte wird in diesem Roman zum Leben erweckt.

Der Roman beginnt mit einer Kundgebung am 14. März 1990 auf dem damals noch Karl-Marx-Platz, heute Augustusplatz, in Leipzig. Bundeskanzler Helmut Kohl warb vor der Oper Leipzig für die Wiedervereinigung. Spätestens an diesem Tag starb die Hoffnung auf eine andere, freiere DDR. Spätestens an diesem Tag erlebten jene, die mit ihren Montagsdemonstrationen lange vor dem Oktober 1989 den Stein der Veränderung ins Rollen brachten, dass sie eine kleine Minderheit waren. Plötzlich wurden die, die da wirklich viel riskiert hatten, zur Seite gedrängt, herumgeschubst. Die „Helmut! Helmut!“ Rufer*innen wollten zu diesem Zeitpunkt längst nur noch das eine: den schnellen Anschluss an die Bundesrepublik, an die so geliebte D-Mark und damit freien Zugang zu den Lockungen des Marktes. Ohne Wertung und dennoch sehr eindrücklich wird dies von Kathrin Wildenberger in einer Szene geschildert, in der Ania auf dem Platz sich ihre DDR-Fahne um die Schulter legt, angepöbelt, an den Rand gedrängt und bedroht wird.

Ebenfalls sehr lebendig schildert die Autorin die damalige Hausbesetzerszene. Für die wenigsten Hausbesetzer*innen war das Häuser besetzen damals ein politischer Akt. Für die meisten der jungen Menschen war es eine Notwendigkeit. Im Alter der Protagonistinnen und Akteure des Romans wohnten die meisten jungen Menschen damals entweder zu Hause bei den Eltern, oder sie wohnten, wenn sie zur Ausbildung in einer anderen Stadt waren, in einem Internat. Wohnraum für junge Menschen ohne Kind war nicht vorgesehen. Ein Zusammenleben in einer WG schon gar nicht. Den jungen Menschen, die endlich eigenständig, der Kontrolle durch Erwachsene entzogen, leben wollten, blieb oft gar nichts anderes übrig, als Häuser zu besetzen. Daraus entwickelt sich eine freie und lustvolle Lebensart, neben all den Unannehmlichkeiten und Gefahren, die es durchaus gab – schließlich waren die Häuser damals durchaus auch vom Einsturz gefährdet und das unfreiwillige Zusammenleben mit Mäusen und Ratten wurde in Kauf genommen. Freund*innen informierten einander, sobald sie mitbekamen, hörten, dass irgendwo eine Wohnung frei geworden war. In der Zeit der Ausreise und kurz nach der Maueröffnung war es keine Seltenheit, dass Menschen einfach in den Westen verschwanden und alles stehen und liegen ließen, durchaus auch den Müll und die Reste der letzten Mahlzeit. All das schildert die Autorin eher nebenbei, es prägt sehr eindrücklich als Lokalkolorit die Stimmung des Romans.

Kathrin Wildenberger gelingt es mit ihrem Roman diese kurze Zeitspanne zwischen Maueröffnung und Wiedervereinigung lebendig werden zu lassen.
Wer es selbst erlebt hat, wird hineingezogen in den Sog der Erinnerung. Steht neben Ania auf dem Karl-Marx-Platz, zieht sich mit ihr in der Kabine der Badeanstalt um. Sitzt mit Ania und Brit in Alex Café, auf einem Connewitzer Hinterhof. Spürt noch einmal die Vorfreude auf das The-Cure-Konzert, weiß plötzlich wieder, wie die Stimmung am Tag der Währungsunion war, spürt die aufsteigende Panik bei der Erinnerung einer eigenen Begegnung mit den Glatzen.
Wer es nicht selbst erlebt hat, wird hineingezogen in diese intensive, von Hoffnung und Verunsicherung zugleich geprägte Zeit. Kathrin Wildenberger gelingt, was selbst einem Dokumentarfilm nur schwer gelingt: über Ania, Brit, Suse, Alex, Sascha, Wolfgang und all die anderen, haben wir die Möglichkeit uns zu identifizieren und 341 Seiten lang gemeinsam mit ihnen diese Zeit zu erleben, und mit all ihren Widersprüchlichkeiten zu erfühlen.

Auch wenn die Protagonistinnen und Akteure dieses Romans Jugendliche sind, ist dieses Buch weit mehr als ein Entwicklungsroman. Es ist eine Art fiktives Zeitzeugnis einer Generation, die das alles erlebte, für die das alles real war und die doch noch jung genug war, diese Veränderungen nicht als Bruch der eigenen Biografie zu erleben, sondern die sich als Teil der Veränderung verstehen konnte. Das alles war furchtbar ernst, aber es war gleichzeitig auch ein großes Abenteuer und es ist nur ein Stück der eigenen Biografie auf dem Weg ins Erwachsenenleben.
Danke an Kathrin Wildenberger für diesen gelungenen Roman, der auch der Roman meines Lebens in dieser Zeit sein könnte.

Kathrin Wildenberger, ZwischenLand, Verlag duotinca, Berlin 2018, 344 Seiten, 17 €

 

 

 

 


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Der Beitrag wurde am 14. Juli 2018 um 20:08 veröffentlicht und wurde in der Kategorie Rezensionen und Literaturtips gespeichert. Du kannst Kommentare zu diesem Eintrag durch den RSS 2.0 Feed verfolgen. Du kannst einen Kommentar schreiben, oder einen TrackBack auf deiner Seite einrichten.