Von Eitelkeiten, Schmerz und dem wilden Leben


Cornelia Becker: Die Unsterblichkeit der Signora Vero

Vielen Romanen werden von Autoren Zitate anderer Autoren vorangestellt. Meist wohlklingend und inhaltsschwer erschließt sich der Leserin nicht immer der Zusammenhang. Warum steht dieses Zitat an dieser Stelle? Anders ist dies beim vorliegenden Roman von Cornelia Becker. „Die meisten Menschen leben in den Ruinen ihrer Vergangenheit.“ Dieses Zitat von Jean Cocteau ist Programm. In einem Satz fasst es zusammen, worum es in diesem Roman geht: unterschiedlichen Formen von Verhaftet-Sein im Vergangenen. Signora Vero, Lebedame und Weltenbummlerin kehrt des Lebens müde, zum Sterben bereit an den Ort ihrer Kindheit zurück, eine Insel, irgendwo in Sardinien. Des Lebens überdrüssig ist sie auf der Suche nach einem Menschen, der ihr beim Sterben behilflich ist. Die Signora, reich, stolz und eigenwillig ist unter den Einheimischen nicht heimisch. Zu lange war sie unterwegs, zu anders, freizügig lebt sie ihr Leben. Als Sterbehelferin auserkoren hat sie sich die ebenfalls ‚Andere‘, weil nicht einheimische Cordula Pasini. Eine gebürtige Deutsche, Autorin und Übersetzerin, deren italienischer Ehemann Gaetano, genannt Tano, an Krebs erkrankt und verstorben war. Gaetano ließ seine Frau und die gemeinsame Tochter Anna mit einem Berg Schulden zurück. Cordula versteht nicht, wie Tano ihr das antun konnte und wird immer wieder, vor allem nachts, von Sehnsucht und Trauer überwältigt. Ihre Phantasie gaukelt ihr dabei die Anwesenheit Tanos vor, mit dem sie regelmäßig Gespräche führt. Tagsüber versucht Cordula alles, mit einem Halbtagsjob im Tourismusbüro der Insel und mit Übersetzungen, um das alltägliche Leben zu finanzieren und Schulden abzutragen. Das geht nicht immer und ist nicht einfach. Vor allem nicht einfach zu verstehen für die dreizehnjährige Anna. Sie ist geprägt vom Verlust des Vaters und versucht neben der Trauer der Mutter ihren Platz zu finden. Gleichzeitig fühlt sie sich hin und her gerissen zwischen der Loyalität zur Mutter und dem Drang, sich das Leben anzueignen. Zu entdecken was ihr noch unbekannt ist, mit Freunden zu feiern, Grenzen auszutesten und zu überschreiten und die Vergangenheit endlich hinter sich zu lassen.
In diese Lebenssituation von Cordula und Anna hinein platzt die exzentrische und egozentrische und gleichzeitig atemberaubend faszinierende Signara Vero. Sie macht Cordula ein Angebot: Verhilf mir zum Tod und wirst erben, was ich besitze. Cordula ist entsetzt von diesem Angebot. Lehnt ab. Ist aber von den Erinnerungen und Erzählungen der Signora derart angetan, dass sie dieser anbietet, ihre Biografie zu schreiben. Die Signora stimmt zu und erklärt sich bereit, Cordulas Arbeit finanziell zu unterstützen. Diese erleichtert das Leben von Mutter und Tochter ungemein. Cordula ermöglicht dies ein komplettes Eintauchen in das Leben der Signora. Währenddessen verschwindet Anna zunehmend aus Cordulas Welt und wird von der Vero in ihrem Drang nach Freiheit und Unabhängigkeit bestärkt und so zunehmend von der Mutter entfremdet.

In diesem Roman geht es um Leidenschaften und Liebe. Die Liebe zwischen bestimmten Menschen, aber auch um die Liebe zum Leben. Es geht um Verlust und Trauer, um Entscheidungen und es geht um das Thema Sterbehilfe. Wer entscheidet sich aus welchen Gründen dafür oder dagegen? Wann darf ein Mensch einen anderen um diese Hilfe bitten? Darf er das? Darf der andere diese Hilfe gewähren? Darf er sie ausschlagen? Wenn sie dem anderen gewährt wurde, was macht das mit dem Überlebenden?
Dies sind nicht die vordergründigen Fragen, die dieser Roman aufwirft, aber es sind Fragen, die sich der Leserin unweigerlich stellen. Würde ich oder würde ich nicht? Was, wenn ich es wäre, die krank ist, oder des Lebens überdrüssig?

Cornelia Becker ist mit ihrer ruhigen, unprätentiösen Erzählweise ein großartiger Roman gelungen, eine Geschichte, von der ein Sog ausgeht. Jedes Mal, wenn ich das Buch aus den Händen legte, fand ich mich kurze Zeit später wieder in einer Ecke hockend, das Buch in der Hand. Die Geschichte von Cordula und der Signora Vero nahm mich gefangen. Und das ist es schließlich, was ich von einem guten Buch erwarte: dass es wie von selbst immer wieder in meinen Händen landet, bis ich die letzte Zeile gelesen habe. Komplett gefesselt.

Meine Empfehlung: Kaufen. Setzen. Lesen.

Cornelia Becker: Die Unsterblichkeit der Signora Vero. LangenMüller Verlag, 192 Seiten, 18 €


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Der Beitrag wurde am 28. Februar 2015 um 02:34 veröffentlicht und wurde in der Kategorie Rezensionen und Literaturtips gespeichert. Du kannst Kommentare zu diesem Eintrag durch den RSS 2.0 Feed verfolgen. Du kannst einen Kommentar schreiben, oder einen TrackBack auf deiner Seite einrichten.