Vom Reisen, vom Lesen und von der Hoffnung


Anja Liedtke: Stern über Europa

Ein wenig Anlauf braucht die politisch uninformierte Leserin, wenn sie sich auf diesen Roman einlässt, aber es braucht nicht lange und dann steckt sie mitten drin in der Geschichte von Hanna und will unbedingt wissen, wie diese Geschichte weitergeht.

Hanna ist eine Journalistin die rund um den Globus reist und noch immer, auch wenn sie dies nach außen schon lange nicht mehr äußert, von der Motivation getrieben wird, aus der heraus sie den Beruf einmal erlernt hatte: „…weil das Leid anderer Lebewesen sie in ihrem Wohlbefinden störte und gegen ihr Rechtsempfinden verstieß. Insbesondere, wenn Menschen gedemütigt und in ihrer Gesundheit gefährdet wurden, und wenn ihnen ihre Lebensgrundlage, die Erde genommen wurde.“

Neben Hanna gibt es noch den Fotografen Jens. Die Beziehung der beiden geht weit über eine Arbeitsbeziehung hinaus und hangelt sich irgendwo zwischen Freundschaft und Liebe entlang. Auf den vielen gemeinsamen Reisen haben sie einander besser kennengelernt, als sich die meisten Paare kennen. Sie akzeptieren die jeweiligen Macken des Anderen und können sich in Ruhe lassen, wenn einer Ruhe benötigt. Jens ist ein Ästhet, dessen Augen das Licht messen und den jeweils passenden Bildausschnitt finden. Hanna ist getrieben von Neugier. Sie will wissen, wie die Welt beschaffen ist und wie sie sich verändern, verbessern lässt. Beide haben in Deutschland, Essen nicht nur eine Redaktion für die sie unterwegs sind, sondern auch ihre Lieben.Jens liebt Karin und Karin will nicht, dass Jens allein, sprich ohne Karin, in der Welt unterwegs ist. Hanna liebt Sebastian, aber wirklich nah fühlt sie sich ihm meist nur, wenn sie viele tausend Kilometer von ihm entfernt ist.

Dieses Beziehungsgeflecht zwischen Hanna und Jens, Jens und Karin, Hanna und Sebastian, Sebastian und Karin bildet den Rahmen dieses Romans, das Gerüst, welches die Handlung zusammen hält. Dazwischen gibt es knallhartes politisches Wissen. Die Weltwirtschaft und der Kapitalismus auf der einen Seite, Agenda 21 und Utopien von bürgerlicher Mitgestaltung und Mitbestimmung auf der anderen Seite.

Der Roman nimmt die Leserin mit auf die Reise. Es geht von Marokko nach Essen und von Essen nach Sotschi am Schwarzen Meer. In Marokko suchen Hanna und Jens den alten Spanienkämpfer Pablo Aventura. Er lebt versteckt irgendwo in den Bergen, möchte kein Aufsehen auf sich ziehen. Hanna und Jens nehmen einiges auf sich, um den Mann, von dem sie nicht einmal wissen, ob er noch am Leben ist, zu interviewen. Mehr durch Zufall und vielleicht auch, weil er von Hanna gefunden werden will, begegnen sie sich. Der alte Kämpfer, der von den wenigen Monaten einer ‚bis heute in Europa einzigartigen, vollkommenen Demokratie‘ zu berichten weiß und von den vielen Jahren seiner Flucht. Ein Mann, der sich trotz all seiner Erfahrungen und Enttäuschungen, Würde bewahrt hat. (Anmerkung der Rezensentin: und von der Autorin so liebevoll und glaubwürdig gezeichnet wurde, dass er zu meiner Lieblingsfigur in diesem Roman avancierte.)
Die Figur des Pablo Aventura und seine Lebenserfahrungen, sein Wissen über gelebte Demokratie, ihr Entstehen und die gefährlichen Widerstände denen sie ausgesetzt ist, zieht sich wie ein Orientierungsfaden durch den Roman. Anhand seiner Geschichte und der Geschichte des Spanischen Bürgerkrieges knüpft die Autorin Faden für Faden die Utopie eines achtsamen Miteinanders, welches die Umwelt schont und die Erde nutzt ohne sie zu zerstören, was letztendlich einem langsamen, von den Bürgern getragenen Ausstieg aus dem Kapitalismus bedeutet.

Unterstützt von ihrem großen Chef, dem durch die Überlebenskämpfe der Printmedien gebeutelten und trotzdem integren Herausgeber der Essener Zeitung für die Hanna arbeitet, gelingt es Hanna einer Einladung nach Sotschi zu folgen.

Sotschi steht in Anja Liedtkes Roman für die konsequente und für die restliche Welt vorbildhafte Umsetzung einer Lokalen Agenda 21. Dieses Sotschi steht aber auch für eine unerwartete Wiederbegegnung zwischen Aventura und Hanna und es steht für eine Klärung der Beziehungen der Hauptfiguren zueinander und der Beziehung von Hanna zu sich selbst. Vor allem aber steht es für Hoffnung. Die Hoffnung, dass es sich lohnt, auch weiter nach Lösungen aus unserer angespannten ökologischen und ökonomischen Misere zu suchen. Dass es sich lohnt, mitzudenken, mitzuhandeln und mitzufühlen.

Anja Liedtkes Roman ist kein Roman im klassischen Sinne, es ist ein Bildungsroman, in dem die Leserin Hintergründe über aktuelles politisches Geschehen erfährt. Es ist ein Motivationsroman, einer der einlädt unsere Zukunft mitzugestalten und nicht alles Geschehen dem Markt und den Gesetzen des Kapitalismus zu überlassen. Es ist aber auch ein Entwicklungsroman. Hanna verliert auf ihrer immerwährenden Reise die Zuversicht und findet sie im zu-sich-selbst-stehen in Sotschi wieder.

Keine leichte, aber auf jeden Fall eine Mut machende Lektüre, mit etwas kauzigen, aber durchaus liebenswerten Protagonisten und einem realistischen Einblick in die durchaus nicht immer idyllischen Arbeitsbedingungen von Journalisten im In- und Ausland.

Anja Liedtke: Stern über Europa. Asso-Verlag, 251 Seiten, 19,90 Euro


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Der Beitrag wurde am 6. Februar 2016 um 23:26 veröffentlicht und wurde in der Kategorie Rezensionen und Literaturtips gespeichert. Du kannst Kommentare zu diesem Eintrag durch den RSS 2.0 Feed verfolgen. Du kannst einen Kommentar schreiben, oder einen TrackBack auf deiner Seite einrichten.