Mobbing auf dem Schulhof

Helga Gutowski: Graukatze. Kinderbuch
mit Illustrationen von Kerstin Meyer

Helga Gutowskis zweites Kinderbuch „Graukatze“ spielt in einer Plattenbausiedlung. Die Hauptfiguren: die zehnjährige Helen, ihre Oma, ihre neue Freundin Antonia, der fünfzehnjährige Ben und seine Totenkopf-Bande, ein Kanarienvogel namens Paule und, wie der Titel des Buches schon verrät, eine Katze.

Eigentlich ist Helen mit ihrem Leben ganz zufrieden. Sie lebt in einem großen Haus, mag ihre Nachbarn, vor allem den alten Herrn Petrus und dessen Kanarienvogel Paule, das Baby Kuddel, den Hausmeister Herrn Specht und dessen Hund Hasso. Vor allem aber mag Helen ihre Oma. Bei dieser lebt sie seit dem Tod ihrer Mutter, an die sie sich kaum noch erinnern kann. Bei Oma fühlt sie sich aufgehoben und behütet, auch wenn sie sich manchmal heimlich eine Mutter wünscht, auch obwohl sie weiß, dass Oma von vielen Dingen die Helen bewegen keine Ahnung hat und davon mitunter auch gar nichts wissen will. Die Oma singt sich manchmal das Leben schön, so schön wie es eben geht, wenn das einzige Lied welches ihr in den Sinn kommt Brechts Haifischsong ist. Den mag Helen nicht sonderlich, auch wenn er zum Leben in der Plattenbausiedlung durchaus passt.Das Leben dort ist gefährlich geworden für Helen, seit Ben und die Totenkopf-Bande ihr Unwesen treiben. Da werden jüngere Schüler drangsaliert und abgezogen. Der Bande scheint nichts etwas zu bedeuten. Auch Helen wurde mehrfach das Opfer dieser Bande. Einmal folgt Ben ihr sogar bis in die Wohnung, wo sie ihm unter Androhung von Prügel zwei Euro gibt. Die hatte sie von Oma für eine Bastelschere in der Schule bekommen. Helen beobachtet, dass selbst Erwachsene, die von der Bande bedroht werden, sich nicht zur Wehr setzen.

Die neue Klassenkameradin Antonia wird Helens neue Freundin, auch wenn Helen gar nicht so richtig weiß, wie man mit einer Freundin umgehen soll. Darf sie nein sagen, wenn ihr etwas nicht gefällt, sie etwas nicht möchte? Darf sie ihr gegenüber grantig und ungerecht sein, so wie sie es manchmal gegenüber der Oma ist? Obwohl diese Fragen sie beschäftigen, ist Helen sich über eines gewiss. In Antonias Beisein fühlt sie sich wohl und viel mutiger. Das hilft ihr im Verlauf der Geschichte, eine wichtige Entscheidung zu treffen und damit mehr Mut zu zeigen, als alle anderen im Viertel.  Doch das wahre Leben entpuppt sich nur selten als Märchen und so bekommt Helen bald die Rache der Totenkopf-Bande zu spüren.

Die Autorin Helga Gutowski wagt sich mit diesem Kinderbuch für die Altersgruppe ab 8 an ein heikles Thema. Das Leben einer Halbwaise in einer Plattenbausiedlung, deren Bewohner sich von einer Kinderbande terrorisieren lassen. Dabei gelingt der Autorin der Spagat zwischen realistischer Zeichnung der Problemlagen die in so einer Siedlung vorzufinden sind (Armut, Alkoholismus, Kindesvernachlässigung) und der altersgerechten Ansprache ihrer Lesergruppe. Die Autorin psychologisiert nicht, sie beschreibt aus der Sicht einer Zehnjährigen. Dabei ist sie immer nah an ihren Figuren und nah an ihrer Zielgruppe. Die Monologe und Dialoge sind altersgerecht und wirken an keiner Stelle überzogen.

Eine besondere Rolle kommt in diesem Kinderbuch dem Kanarienvogel Paule zu. Sein Gesang sorgt an den richtigen Textstellen für Entspannung für Helen und den Leser. Er taucht immer dann auf, wenn sich die schweren Gedanken in Helens Kopf festzusetzen scheinen, wenn die Geschichte düster und schmerzhaft wird.  Ein kleiner Vogel im Einsatz gegen die Schwere des Lebens. Ein liebenswerter Einfall der Autorin, ihre jungen Leser trotz aller beschriebenen Probleme immer wieder an die Leichtigkeit und Schönheit des Lebens zu erinnern.

Die Bleistiftskizzen von Kerstin Meyer illustrieren die Geschichte unaufdringlich und mit Humor. Sie sind einer vom Lesefluss unabhängigen Betrachtung wert und bieten den jungen Lesern, so wie Kanarienvogel Paule, die Möglichkeit, den Geist von der Schwere frei zu machen.

Meine Empfehlung: Ich kann mich dem Klappentext auf der Rückseite des Buches nur anschließen: „Ein wichtiges Buch über Zivilcourage, Mut und die Bedeutung von Freundschaft.“

Helga Gutowski: Graukatze. Kinderbuch. Rowohlt  Verlag, 175 S., 9,99 €


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Der Beitrag wurde am 6. Februar 2016 um 23:56 veröffentlicht und wurde in der Kategorie Rezensionen und Literaturtips gespeichert. Du kannst Kommentare zu diesem Eintrag durch den RSS 2.0 Feed verfolgen. Du kannst einen Kommentar schreiben, oder einen TrackBack auf deiner Seite einrichten.