-Das Tor ins Leben- von Grit Scholz

Dieser Bildband durchbricht mit brachialer Schönheit die Schamgrenzen der Betrachterin. In ganzseitigen Farbaufnahmen, in Collagen eingebettet oder einfach ganz nackt präsentiert uns die Verlegerin und Autorin Grit Scholz das weibliche Geschlecht. Nicht die Frau als solche steht im Mittelpunkt, sondern das Organ, mit dessen bloßer Existenz eine lange Geschichte des Schweigens verbunden ist: die Vulva, die Möse, die Scheide oder auch die Yoni. Letzteres ist das Wort, für welches sich die Autorin entschieden hat. -Ich habe das Wort Yoni gewählt, weil es mir persönlich am sympathischsten ist und eine alte Tradition hat, in der weibliche Genitalien als heilig verehrt werden, woran ich gerne so oft es geht erinnern möchte.-

Egal welcher Mensch auf Erden lebte und lebt, unbekannt oder berühmt, berüchtigt oder verehrt, uns alle verbindet das Eine: der Weg ins Leben durch das Tor der Mutter. Ob Höhle oder Schmetterling, Baum, Pils oder vertrocknetes Blatt, die Gegenüberstellung der in ihrer Ausprägung so unterschiedlichen Yonis mit berührenden Naturaufnahmen macht nicht zuletzt den Reiz dieses wundervollen Bildbandes aus.

Erschreckend ist dieses Buch, denn das uralte gesellschaftlich geprägte Schamgefühl wirkt auch heute noch in der ach so emanzipierten Rezensentin, die durchaus schon den einen oder anderen Blick auf das eigene Geschlecht und das ihrer Freundinnen werfen durfte. Ich musste das Buch nach dem ersten Durchblättern zur Seite legen, zu fremd war, was ich sah. Trotz allem Wissen um Funktionalität und mögliche Lustbarkeit dieses Organs – so von Angesicht zu Yoni, stieg mir die Scham in den Kopf. Es dauerte ein paar Tage, bis ich das Buch wieder in die Hände nahm und irritiert staunend darin blätterte. Noch länger dauerte es, bis ich bei einem netten Abend im Kreis von Freundinnen das Buch aus dem Regal zog und wir uns kichernd über die VielFßLTIGkeit dieses uns eigenen Gewächses beugten.

Dieses Buch ist eine Hommage an ein Organ, welches wir selten in der ßffentlichkeit besprechen und über welches wir noch seltener miteinander sprechen, obwohl oder weil es uns nicht ganz geheuer ist, dass auch wir, die Yoni-Trägerinnen, uns einst durch eines dieser Tore ins Leben schoben.

Ein einzigartiges Buch voller Schönheit und Poesie, mit 8-sprachigem Vorwort in Deutsch, Englisch, Französisch, Polnisch, Russisch, Spanisch, Türkisch, Italienisch. Auf jeden Fall geeignet zum Verschenken und für die, die sich trauen, ein kleiner Schatz im eigenen Buchregal.

Das Tor ins Leben, Grit Scholz, 25 x 25 cm, 252 Seiten, Hardcover, Euro: 39,50
Das Tor ins Leben, Grit Scholz, 12,5 x 12,5 cm, 152 Seiten, Softcover, Euro: 16,50
Lebensgut Verlag Leipzig
Bestellungen über www.lebensgut-verlag.de

3 Kommentare

  1. Ein ehrlicher Kommentar, der aufzeigt, dass eine unbefangene Sichtweise auf „das Tor ins Leben“ für viele Frauen auch heutzutage noch nicht selbstverständlich ist. Von den meisten Männern mal ganz abgesehen.

    Der Autorin Grit Scholz ist es auf hervorragende Weise gelungen, die zweifellos vorhandene Ähnlichkeit mit gewissen Blütenformen und landschaftlichen Strukturen in ihren Fotos beispielhaft aufzuzeigen und sie jeweils einander gegenüberzustellen, beziehungsweise in Form einer Montage zu integrieren.

    Neben anderen Beweggründen hat mich als Fotograf auch ihr Buch dazu inspiriert, die Schönheit der Vulva auf ähnliche Weise dem Betrachter nahe zu bringen: http://www.fred-lang.de/flora.html
    Erotische Kuriositäten in Fauna & Flora – mit Augenzwinkern präsentiert.

    Fred Lang

  2. Tja Herr Lang, nach einem Ausflug auf Ihre Seite kann ich nur vermuten, dass Sie offensichtlich mit offenen Augen und einer Mikro-Kamera durchs Leben laufen und in einer edlen Orchidee mehr als Blütennektar entdecken. 🙂

  3. Tja leeloo, Ihre Vermutung in Bezug auf meine offenen Augen – vom gelegentlichen Schlafen mal abgesehen – ist richtig. Mit einer Kamera „durchs Leben zu laufen“ ist für mich als Berufsfotograf selbstverständlich. 😉


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Der Beitrag wurde am 2. Juni 2009 um 16:27 veröffentlicht und wurde in der Kategorie Rezensionen und Literaturtips gespeichert. Du kannst Kommentare zu diesem Eintrag durch den RSS 2.0 Feed verfolgen. Du kannst einen Kommentar schreiben, oder einen TrackBack auf deiner Seite einrichten.