Sylvia Tornau sitzt an Schreibtisch und bereitet sich auf ein systemisches Erstgespräch vor.

Mein Schreibtisch – hier bereite ich mich vor, recherchiere, schreibe Protokolle und führe neuerdings auch online Erstgespräche durch.

Ein Erstgespräch ist ein Erstgespräch ist…

auf jeden Fall immer aufregend. Jedes Gespräch ist anders, obwohl meine Fragen sich ganz bestimmt ähneln. Jedes Erstgespräch verläuft ein wenig anders, oder sollte ich sagen „schmeckt“ ein wenig anders. Die Atmosphäre ist anders. Die Chemie zwischen zwei Menschen ist einzigartig, nicht austauschbar, mit keinem anderen Menschen so wiederholbar. Ein spannendes Experiment wäre es, wenn ich mit ein und demselben Menschen so ein Gespräch wiederholen könnte. Voraussetzung wäre, er hätte das erste Erstgespräch vergessen. Meine Vermutung ist: auch dieses Gespräch würde anders verlaufen, oder sich zumindest anders anfühlen. Kein Mensch ist jeden Tag gleich. Stimmungen schwanken, Gerüche verändern sich und die Tagesabläufe und die Begegnungen im Vorfeld eines solchen Gespräches wären sicher auch andere.

Was aber macht Erstgespräche für mich so besonders? Sie sind jedes für sich, im positiven Sinn, eine Herausforderung.

Das Telefonat – ohne ersten Kontakt kein Erstgespräch

Das Telefon klingelt, ich hebe ab, sage meinen Namen und werde entweder sofort mit Informationen überschüttet oder am anderen Ende herrscht erst einmal Stille. Zwischen den atemlos hervorgebrachten Sätzen ist kein Platz für die andere Stimme, in diesem Fall meine. Im anderen Fall wird leise oder grummelig ein Name genannt, dann lange Zeit nichts. In dem Moment, wenn ich ansetzen will, fragt mein Gegenüber nach einem Termin. Unabhängig davon, ob die Stimme männlich oder weiblich ist, entsteht schon in diesen ersten Sekunden ein Bild in mir. Hektisch, aufgeregt, von einem Thema zum anderen springend oder zugeknöpft und verschlossen. Würde ich so voreingenommen in das Erstgespräch gehen, wäre wohl der gesamte Prozess zum Scheitern verurteilt. Ich weiß nicht ob die Person so viel und schnell spricht, weil das ein Wesenszug von ihr ist. Oder ob sie im Vorfeld nicht allen Mut zusammen genommen hat, um dieses Telefonat zu bewältigen. Ebenso wenig weiß ich, ob die zweite Person nicht einfach nur schüchtern ist. Vielleicht mag sie nur diese unpersönlichen Telefonate nicht. Ich bin, zumindest was meine Klientinnen betrifft, gern unvoreingenommen. Im Privatleben gelingt mir das oft, aber nicht immer.

Blumen versprühen guten Duft und schenken jedem Raum mehr Leben.

Vorbereitung auf das Erstgespräch – Selbstfürsorge

Ein Erstgespräch beginnt für mich meist eine Stunde vor dem Eintreffen der Klientin. Ich lüfte den Raum, kontrolliere die Heizung. Ich stelle Wasser bereit, arrangiere meine Materialien und  die Blumen auf dem Tisch. Schließlich soll sich auch die Klientin wohlfühlen. Ich stelle mein Handy auf lautlos und mache eine 10-15 minütige Meditation. Ich kenne meine Methoden und weiß, wie ich das erste Gespräch strukturiere. Trotzdem weiß ich nicht, wen und was ich erwarte. Mit der Meditation bereite mich mental auf die Unbekannte vor. So stelle ich sicher, dass mir meine eigenen Themen für den Verlauf der Sitzung nicht in die Queere kommen. Ich will mich voll und ganz auf mein Gegenüber fokussieren. Es wäre wenig hilfreich, wäre ich in mir noch ganz verhangen im gestrigen Streit mit meiner Freundin oder abgehetzt vom Einkauf. Jede Klientin hat ein Recht auf meine ungeteilte Aufmerksamkeit und ich empfinde es als meine Pflicht dafür zu sorgen, dass ich diese auch geben kann.

Vorsichtig herantasten und beschnuppern – darum geht es auch im Erstgespräch

Kontaktaufbau – Passen wir zusammen?

In den ersten Augenblicken des Kontakts mit der neuen Klientin bin ich meist etwas zurückhaltend. Überfalle mein Gegenüber nicht gleich mit Fragen, obwohl diese zu den Hauptmethoden der systemischen Arbeit gehören. In neuen Situationen bin ich immer erst einmal zurückhaltend, beobachte, finde mich ein. Das ist in dieser Situation auch förderlich. Hier ist es in erster Linie wichtig, der Klientin Raum zu geben. Es geht darum in der Situation anzukommen, ein Gespür für den Ort, das Setting und das Miteinander zu bekommen und eine therapeutische/beraterische Bindung (Joining) herzustellen. Dies erreiche ich am ehesten durch aufmerksames und empathisches Zuhören. Respekt vor der Lebensleistung meines Gegenübers, Wertschätzung für die bisherigen Lösungsansätze sind selbstverständlich, auch wenn es mir nicht immer leicht fällt, mein besserwisserisches Ego im Zaum zu halten. Es wichtig, ein Gefühl für mein Gegenüber zu bekommen, um herauszufinden, ob wir zueinander passen. Häufig weiß ich in dieser Phase des Gespräches schon, ob ich mit der Klientin arbeiten will und kann und ob ich sie und ihr Thema die geeignete Person bin. Wenn ich denke, dass ich in diesem Fall nicht hilfreich sein kann, beende ich das Gespräch an dieser Stelle und verweise auf eine für die Thematik geeignetere Kollegin.

Frau mit sehnsuchtsvoll ausgestreckten Armen. Sinnbild für starke Emotionen, die sich im systemischen Erstgespräch zeigen können. Warten am Ufer – Bronzestatue in Rosses Point, Irland.

Auch wenn wir es oft nicht wissen wollen, mit fast allen Themen sind Emotionen verknüpft, die sich nicht immer so eindeutig wie auf diesem Bild zeigen.

Kontextklärung – Die Kür im Erstgespräch

Eine der Grundvoraussetzungen eines beratenden oder therapeutischen Berufs ist aus meiner Sicht die Neugier. Mich persönlich interessieren die Lebens-Geschichten der Menschen die zu mir kommen. Mich interessiert, was sie umtreibt. Im Erstgespräch finden wir gemeinsam heraus, worum es geht. Was sie wirklich, wirklich zu mir führt. Wo kommen sie her? Welche Herausforderungen haben sie gemeistert und wie ist es ihnen gelungen?  Wer ist beteiligt? Was wurde schon versucht? Was war dabei hilfreich und was nicht? Wo drückt es, hakt es? Welche Steine liegen im Weg? Wer ist beteiligt? Wer hilfreich? Was nicht? Jede Lebens-Geschichte ist anders, auch wenn es vielleicht Parallelen gibt. Jede Frau findet individuelle Wege, wie sie ihre Themen anpackt, bearbeitet. Das finde ich super spannend und aufregend. Weil es mir zeigt, was die Klientin mitbringt, was es zu stärken gilt und wovon weniger vielleicht mehr wäre.

Notizen helfen mir, mich auf das Miteinander zu konzentrieren, ohne die Angst Wesentliches zu vergessen.

Auftragsklärung und Zielvereinbarung

Was soll erreicht werden? Häufig bringen Klientinnen die Idee mit, etwas sollte therapeutisch entfernt werden. Verständlich, nicht selten führt sie ein Leidensprozess zu mir.
Aus ihrer Sicht soll DAS bitteschön sofort aufhören. Die miesen Gedanken und Gefühle sollen weg. Ehrlich, wenn ich zaubern könnte, ich würde es glatt machen. Nur kann ich das leider nicht, deshalb schreibe ich in meiner Freizeit auch Fantasiegeschichten, aber das gehört hier nicht her.
Wir können mit vielem arbeiten, was sich zeigt. Mit der Angst, der Wut, der Trauer können wir arbeiten, aber nicht gegen die Angst. Die Idee, das Leben müsse glücklich, leicht und für immer angstfrei“ verlaufen, dient eher der Stabilisierung des Problems. Häufig offenbaren sich hinter den als schräg oder krank beschriebenen Verhaltensweisen rührend menschliche, zutiefst verständliche und
nutzbare Besonderheiten. Wir müssen nur herausfinden wie, denn häufig sind es unerfüllte Anliegen, die sich auf einem anderen Weg erfüllen lassen. Ein Symptom, ein Verhalten, ein Gefühl entsorgen zu wollen, ist verständlich, aber nicht umsetzbar. Was besiegt oder ausgemerzt werden soll, kommt unweigerlich zurück, nicht selten verkleidet in Form somatischer Symptomatik.
Ich arbeite daher nach der Devise: integrieren und mit dem arbeiten, das nutzen, was vorhanden ist.
Die Auftragsklärung ermöglicht beiden Seiten – mir und der Klientin – eine klare Vorstellung mit wem und wofür sie arbeitet. Nicht zuletzt geht es in dieser Phase auch darum, dass wir beide wissen, an welchen Zielen wir arbeiten werden, auf was wir achten wollen und woran die Klientin erkennt, dass sie ihr Ziel erreicht hat.

Aktuell reichen wir uns natürlich nur symbolisch die Hände.

Abschluss des Erstgespräches – Klärung der Rahmenbedingungen

Zum Abschluss des Gespräches entscheidet sich die Klientin für oder gegen eine Zusammenarbeit. Hier schätzen wir die Dauer der Zusammenarbeit ein. Ob kurzer oder langer Prozess, arbeiten wir allein oder werden andere Beteiligte hinzugezogen. Wir klären die örtlichen und finanziellen Rahmenbedingungen und im besten Fall erhalte ich ein kurzes Feedback zum Erstgespräch und die Klientin geht mit einer „Hausaufgabe“ nach Hause.

Egal ob wir einen Vertrag abschließen oder nicht, auf jeden Fall haben wir beide eine neue Erfahrung gemacht und etwas gelernt. Im besten Fall von- und übereinander.