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Von Rostock nach Bad Doberan – Streckenlänge 22,5 km, davon 14,5 mit der Regionalbahn und 8 km gelaufen

Das war eine gute Nacht im Pentahotel. Mitternacht gab es an der Bar noch einen Latte Macchiato und dann endlich einmal entspannter Schlaf in großen und bequemen Betten! Aufstehen gegen 10 Uhr, auschecken gegen 11 Uhr und dann Frühstück in der Bäckerei Junge. Während wir uns Kaffee und Brötchen schmecken ließen, plätscherte nebenan der Brunnen der Lebensfreude. Die schönen Brunnenmenschen taten mir schon ein wenig leid, wie unberührt sie dem Sturm in ihrer Nacktheit trotzten, bei gefühlten 5 Grad.
Eigentlich war der Plan heute 8 km mit dem Bus zu fahren und dann nach Bad Doberan zu laufen. Aber Rostock ist nicht Leipzig und der Rostocker Nahverkehr mag ja in der Woche gut funktionieren, am Wochenende aber fahren die Busse nicht. Jedenfalls die nicht, die wir rausgesucht hatten. Nach einer Stunde frieren an einer zugigen Haltestelle kam ein alter Mann auf seinem Fahrrad daher und meinte im vorbei radeln: „Der 27er fährt heut nicht.“ Das Internet sagte zwar etwas anderes, aber wir glaubten dem Mann, denn er sah so aus, als würde er sich auskennen. Also etwas demoralisiert zum Bahnhof laufen, Zug raussuchen, losfahren. Deprimierend für uns: für 14 km brauchte der Zug nicht einmal 15 Minuten.
Mir war so kalt, dass ich ganz heiß aufs Laufen war. Ina hingegen hatte heute keine richtige Lust, insofern war die kurze Strecke gut.
Im Bad Doberaner Münster holten wir uns den letzten Stempel für unsere Pilgerhefte. Der Münster ist gut erhalten und gehörte zu einem Zisterzienserkloster aus dem 13. Jh. – ein ziemlich beeindruckender Bau mit einer schönen Orgel. Ich würde gern mal ein Konzert dort hören, bestimmt ist die Akustik großartig.
Unsere Pilgertour nähert sich dem Ende und in mir macht sich so etwas wie Abschiedsmelancholie breit. Obwohl ich total erschöpft bin und mich auf drei Strandtage in Kühlungsborn freue, habe ich das Gefühl von noch-weiter-wollen, vielleicht auch müssen. So ganz bin ich noch nicht „ausgelaufen“. Liegt wohl auch daran, dass ich es auf dieser Reise sehr schätzen gelernt habe, dass die körperliche Anstrengung ein gutes Pendant zu meinem immer laufenden Kopfkino ist. Die Bewegung mit der Last auf dem Rücken knipst den Film zwar nicht aus, aber der Film läuft in slow motion. Das macht ihn weniger anstrengend und ich kann mir auch mal die Details ansehen. Das fährt meinen Adrenalinspiegel angenehm runter. Naja, morgen kann ich mich ja noch einmal austoben.
Auf Ina hat das Laufen wohl eine ähnliche Wirkung, zumindest was die Sache mit den Details betrifft. Jedenfalls stellt sie immer mal wieder merkwürdige Fragen. So auch vorhin, beim Kaffee auf dem Balkon unseres Pensionszimmers: „Gibt es eigentlich auch Hummelhonig?“ Die kleine dicke Hummel die uns gerade umschwirrte, mochte uns die Antwort nicht geben. Aber es gibt ja Internet und auf Yahoo wurde ich fündig: es gibt ihn, aber nicht so häufig, weil Hummelvölker viel kleiner sind als Bienenvölker. Hummelhonig ist sehr viel dünnflüssiger, weil Hummeln nicht wie Bienen die Arbeit teilen. Mal sehen, ob wir in Kühlungsborn in einem Bioladen welchen bekommen.
Fazit des Tages: (Ina) Ich freue mich auf morgen, nicht weil es der letzte Weg ist, sondern weil wir noch einen Tag zum Laufen haben und hier die Landschaft wieder schön ist. Morgen laufen wir am Meer.
(Sylvia) Jetzt, wo sich die Reise dem Ende nähert, möchte ich immer so weiter laufen, nicht aufhören müssen. Aber so ist es wohl mit mir, wenn mir etwas gut tut, dann möchte ich mehr davon: Schokolade, Bücher, Meer und Strand, Sonne, Liebe, Alkohol, Musik, Wege unter den Füßen, Landschaft vor den Augen, Menschen die ich mag um mich, Gespräche und natürlich ganz viel freie Zeit.