„Goldbroiler oder die Beschreibung einer Schlacht“ – Eine KriminalGeschichte
von J. Monica Walther – rezensiert von Sylvia Tornau

Vorab gesagt, wer – angelockt vom schmackhaften Titel – das letzte große Broilerfressen vor dem Ausverkauf der DDR-Goldbroilerstuben erwartet, der wird enttäuscht sein und vielleicht dann, wenn er lange genug in der Geschichte bleibt, doch auch nicht.
Das goldige Vögelchen ist in diesem Buch nicht viel mehr als ein Synonym.

Nur wenig an der DDR war so schmackhaft wie dies und vielleicht gerade deswegen musste es Anfang der 90er erst einmal verschwinden. Und ums Verschwinden des Alten, Abgewirtschafteten geht es in diesem Buch (unter anderem!). Das teilt uns die Autorin J. M. Walther schon auf der ersten Seite ihrer KriminaGgeschichte mit:
„Die Schonzeit im Ex-Land DDR ist vorbei.“

Mit diesem Satz eröffnet sich der Leserin eine Tür in (noch gar nicht so lang) vergangene Zeiten. Hier nimmt die Autorin die erste Hürde, wenn es ihr gelingt, der Leserin in die nicht immer liebsamen Erinnerungen hinein zu helfen. Hinein in eine Geschichte voll Trauer, Korruption mit sehr verstörten und verstörenden Figuren. Zurück in eine Zeit die bewegt war und die bewegte, in der sich aber in der Realität – und in diesem Buch sehr genau aus der Beobachtung gezeichnet – schon absehen ließ, wer den Sprung aus der alten in die neue Gesellschaft schaffen wird und wer nicht.

Lakonisch beschreibt die Autorin die Risse in der Gesellschaft, die sich plötzlich nicht nur in Straßenvierteln und Familien abzeichneten sondern die quer hindurchgingen durch Individuen.
Die Wunden schlugen, an denen manche starben, manche unheilbar erkrankten und die andere zu Betrügern, Dieben oder gar Mördern werden ließen. Dabei ist es egal, ob die Geschichte – wie in diesem Buch – an der Ostseeküste spielt oder in Dessau, Leipzig oder Zittau. Oder – heute sind wir geschichtlich schon ein klüger als noch vor 20 Jahren – in irgendeiner Stadt in irgendeinem anderen der ehemaligen Ostblockstaaten. Aber zurück, diese Geschichte spielt in Warnemünde und nicht zuletzt mit ihren Ortsbeschreibungen gelingt es der Autorin in diesem Roman nah an der Realität zu bleiben.

Mit der Protagonistin, der angehenden Privatdetektivin Ida Waschinsky, gibt uns die Autorin eine Suchende an die Seite. Eine, deren zaghafte, mitunter naive Herangehensweise, deren argloser Umgang mit den Menschen ihres Viertels, mit deren Armut und dem auch eigenen Willen es irgendwie zu schaffen, dieses Unbedingte Dazu-gehören-wollen, das Geschehen für die Leserin ein wenig ertragbarer, aushaltbarer macht. Ein vielleicht von der Autorin nicht gewollter Effekt.
Denn dieses Buch in der Verkleidung einer KriminalGeschichte liest sich wie die Kurzzusammenfassung des Ausverkaufs einer Gesellschaft, in der es schon längst nichts mehr zu kaufen und verkaufen gab. Was man wollte und auch was man nicht wollte, man bekam es geschenkt. Das Lächeln der Nachbarin ebenso wie das Gebrüll des Säufers an der Kaimauer. Oder wie Ida das eine oder andere schmackhafte Essen der aus dem Westen zugezogenen Kneipenbesitzerin. Und eigentlich war es auch fast egal, ob man sich eher zu den Gewinnern oder Verlierern zählte, denn eines verband alle: der Wille dazuzugehören. „Ich will ein Auto, ich will Geld. Ich bin eine Detektivin. Ich habe eine Ausbildung als Detektivin. Ich will Geld.“ Diese selbst beschwörenden Worte von Ida könnten das Credo dieses Romans sein, wenn da nicht, neben all dem Hetzen und Jagen, neben all der Korruption und dem Verrat, immer wieder diese Sehnsucht nach dem Dazugehören, nach dem anderen, vielleicht besseren Leben herausklingen würde.

Das was da anklingt wie Nebenbei, aus den ob ihrer Realitätsbeschreibung mitunter kaum ertragbaren Seiten dieses Romans, dieses Sehnsüchtige, Lebenssüchtige macht diesen Roman zu dem was er ist:
zu einem Dokument der Zeitgeschichte, einem Dokument des Wandels.
Diese Zeitbeschreibung, die in Form einer KriminalGeschichte angeschlurft kommt, ein wenig schmuddelig, wie trunkig – vielleicht sogar betrunken (in diesem Buch wird übrigens herzzereissend gesoffen) – ist gleichzeitig eine Poesie der schmerzenden Sehnsucht, eine Arie des Lebens und des Miteinanders, besungen in der rauen Wendewirklichkeit.

Am Ende war kaum einer mehr zu Erkennen und war im Grunde doch immer noch Selbst.
So wie Ida, die am Ende zugreift, wenn die neuen Scheine wandern und die doch weiß, dass sie nicht zugreifen sollte.
Dieser Roman ist keine leichte Kost sondern eher etwas für experimentierfreudige Lesegourmets.
Ein schweres, ein wundervolles und bewegendes Buch! Unbedingt empfehlenswert.

J. Monika Walther, Goldbroiler oder die Beschreibung einer Schlacht – Eine KriminalGeschichte,
Geest-Verlag 2009, ISBN 978-3-86685-208-2, 12 Euro