Das Gewicht der Seele von J. Monika Walther
rezensiert von Sylvia Tornau

Irgendwas ist immer: zu erkennen, zu durchdringen, zu bewältigen. Dieses Axiom zieht sich durch den 400 Seiten starken Erzählband von J. Monika Walter. Verstörend und skurril-real sind die gezeichneten Personen. In den Zwischenraum von Fiktion und Realität gestellt, wirken sie sowohl real, als auch immer einen Schritt neben dem Möglichen. So zum Beispiel Jean, Antagonist aus der Titelgebenden Erzählung „Das Gewicht der Seele“. „Jean war keiner, der ums Leben zweifelte, und keiner, der nur einen einzigen Menschen besitzen wollte. Er verlangte nach mehr und gab sich nicht zu erkennen. Das Verbergen war seine Lust.“ Jean ist ein Seelensucher. Seine Geliebte, die Tönesammlerin Alice, „die ihn nicht liebte, weil sie Angst hatte, ihn zu verlieren“ ließ er nackt auf eine Waage steigen. Er notiert das Gewicht, erwürgt sie dann und wiegt sie erneut. Am Ende der Erzählung notiert er: „Ein lebender Mensch abzüglich zwölf Gramm Seele ergibt einen toten Menschen.“
Sammler und Sucher scheinen sie alle, die in diesem Band versammelten Personen. All diese Alices, Marias und Brunos – die Häufung der Namen in diesem Buch wirkt wie eine Beschwörung, wie ein Lebendighalten dessen, was Maria, Alice und Bruno (und all die anderen immer wiederkehrenden Namen) waren oder sein könnten und vielleicht gerade in diesem Augenblick irgendwo sind.
J. Monika Walthers Erzählungen sind Zustandsbeschreibungen des Miteinander-Aneinander-Vorbei Leben und -Träumen, mitunter sogar mit positivem Ausgang. So gelesen in „Sonntags – eine Straße in Deutschland“. Da wird der sonntägliche Alltag entlang einer Straße irgendwo in Deutschland beschrieben. So banal wie großartig sind die Geschichten der Menschen, die im „Basalteck“ aufeinandertreffen. Die Wirtin Lina, eine seit 30 Jahren in Deutschland lebende Italienerin. „Sie wird geliebt, auch wenn sie an manchen Tagen schreit und ungerecht und barsch ist. Sie erlaubt das Anschreiben vier Wochen lang und bis zu einem Monatslohn, aber das nur bei den Ärmeren, bei den Möbelpackern und Leuten, denen es dreckig geht, die den Überblick über sich und ihr Leben für einen langen Augenblick verloren haben.“
Die Melodie der Erzählungen in diesem Band ist eine getragene Melancholie, unterbrochen von der erschreckenden Genauigkeit des Hinsehens und -Spürens, umrahmt und harmonisiert von der gebrochenen, aber zutiefst spürbaren Liebe der Erzählerin zu ihren Figuren, vielleicht sogar zu den Urgründen menschlichen Lebens. Da ist eine, die genau hinsieht. Eine, die die Intrigen des Lebens, geboren aus materiellem Elend und Sinnsuche erkennt und sie punktgenau beschreibt ohne zu werten. Das zu lesen tut mitunter weh, ist aushaltbar nur durch die stille Hinnahme, Annahme. „Ich gehe durch die Wohnung, setze mich auf den Balkon. Von oben höre ich türkische Lieder, leise und vorsichtig gesungen. Unter mir diskutiert der angehende Anwalt mit seiner Freundin und ganz unten sitzen die beiden Archäologen und trinken ein allerletztes Glas. Der Hinterhof ist so groß wie vier Straßenzüge. Es ist ein leises Flüstern, Streiten und Juchzen in der Luft. Vor den Garagen stehen rauchende Männer. Auf den Garagendächern sitzt ein junges Paar. Sie haben vergessen, dass aus vier Himmelsrichtungen die Leute von den Balkonen auf sie herunterschauen.“
In diesen Geschichten der 1945 in Leipzig geborenen, aus einer jüdisch-protestantischen Familie stammenden Autorin J. Monika Walther geht es um das Sein, das Sosein, das Anderssein. Es geht um Leben und Lebensentwürfe, um Überleben und um die Entdeckung von Mitmenschlichkeit. Manchmal unerwartet in scheinbar ausweglosen Situationen. Es geht um die vermuteten 12 Gramm Seele, die im Sterben aus unseren Körpern entweichen und die im gelebten Leben schwer wiegen. Ein empfehlenswertes Buch, das zum Weinen, Lachen und zum Weiterdenken anregt. Ein Schwergewicht aus den Weiten der Literaturlandschaft. Ein kostbares Kleinod, eine Zierde der Bücherregale. Nicht nur wegen der Texte, sondern auch wegen der für ein Taschenbuch ungewohnten, dafür aber hochgradig ansprechenden, da mit den Erzählungen korrespondierenden fotografischen Streiflichtern der Fotografin Barbara Dietl. Unbedingt kaufen, lesen und anschauen!

Das Gewicht der Seele – Erzählungen, herausgegeben von Iris Noelle-Hornkamp im Mentis Verlag, 400 Seiten, 29,80 Euro