von Sigrid Lenz
rezensiert von Sylvia Tornau

In ihrem 2011 im AAVAA Verlag erschienenem Fantasyroman „Nele“ nimmt die Autorin Sigrid Lenz die LeserInnen mit in eine Welt, die der unseren gleicht und die doch eine vollkommen andere ist. Eine Welt, in der intelligente aber vom Alltag gelangweilte Schulmädchen Dämonen, gefallenen Engeln und Vampiren begegnen. Eine Welt, in der Adoptiveltern dem Satanskult frönen. In der Luzifer, der zwar ebenfalls adoptierte, aber durch das gemeinsame Aufwachsen trotzdem nahe Bruder ist, für oder gegen den sich die Protagonistin Nele im letztendlichen Kampf zwischen Gut und Böse entscheiden muss. Ein Kampf, in dem es nicht um Sieg oder Niederlage sondern um die Wiederherstellung und Erhalt des Gleichgewichtes geht. Aber das wissen die Kämpfenden nicht.

Die Geschichte beginnt, als Nele, die Heldin der Geschichte, wieder einmal auf der Flucht vor der Tristesse ihres Teenagerlebens, durch die umliegenden Felder streunt. Plötzlich fällt ein Junge vom Himmel. Nackt und mit Gedächtnisverlust. Nele nennt ihn Malik und schleust ihn zu Hause ein. Langsam und immer entlang an Neles Zweifeln – er kann nicht einfach vom Himmel gefallen sein, bestimmt ist er weggelaufen, auf der Flucht etc. – führt uns die Autorin von unserer gewohnten Weltwahrnehmung hinüber auf die andere Seite. Dorthin, wo das plötzliche Auftauchen von fallenden Engeln und Dämonen nicht nur möglich scheint, sondern zwangsläufig und selbstverständlich. Diese Langsamkeit, mit der die Autorin uns in jene andere Welt führt, macht die große Stärke dieses Romans aus. Die Autorin nimmt uns mit, lässt uns teilhaben an Neles Entwicklung, an ihren Zweifeln gegenüber dem Ungewöhnlichem, Unwahrscheinlichem und das gibt dem Roman und seinen Figuren eine große Glaubwürdigkeit. Jene Glaubwürdigkeit, die gute Fantasyromane ausmacht, weil die Figuren und deren Handlungen nachvollziehbar sind, auch für uns funktionierende Irdische.

Mit „Nele“ ist der Autorin Sigrid Lenz ein spannender Roman gelungen, der, obwohl im Fantasy-Genre angesiedelt viel über unsere Welt mit ihren modernen Kriegen, ihren Religions- und Wertkonflikten aussagt. Daneben macht „Nele“ auch Mut, denn hinter jeder grauen Maus, hinter jeder unscheinbaren Person kann sich, wie hinter der Protagonistin Nele, ein Mensch mit besonderen aber lange Zeit nicht sichtbaren Qualitäten verbergen. Ein Mensch, den wir in unserer normierten Welt belächeln würden, dem wir nicht viele Möglichkeiten der Teilhabe eröffnen würden und der am Ende aufgrund seines Andersseins, seiner anderen Begabungen, Talente, Sicht- und Denkweisen vielleicht tiefere Spuren auf unserer Welt hinterlässt, als wir es selbst vermögen.

Fesselnd und für einsame laue Sommernächte sehr zu empfehlen.

Kleines Manko: Die heißgeklebten Seiten zwischen dem Buchumschlag fallen bei intensiven Gebrauch des Buches, sprich beim Umblättern, leider auseinander.

Sigrid Lenz: Nele. Fantasy Roman; AAVAA Verlag, 2011, 320 Seiten, 11,95 €