rezensiert von Sylvia Tornau

Der Debütroman von Heike Vullriede widmet sich einem Thema, welches zu gern aus dem alltäglichen Dasein ausgeblendet wird: Es geht um den Prozess des Sterbens. Nur selten kommt der Tod plötzlich und über Nacht und dieser Roman handelt davon, wie ein Sterbender sein Leben ordnet und sich auf sein Gehen vorbereitet. Und er handelt davon, wie wir, die Zuschauer, die Familienmitglieder, Freunde und Arbeitskollegen mit diesem Menschen und dem Prozess des Sterbens, der sich nur allzu häufig mitten unter uns abspielt, umgehen.

Zu Beginn des Romans übt der Protagonist Marvin das Sterben in der Badewanne, indem er die Luft anhält. So einfach könnte es sein, wäre da nicht die Funktionalität des Körpers, er muss einfach atmen, so lange er es kann. Mehr als einmal bereut Marvin den Gang zum Arzt. Eigentlich wollte er durch den Arztbesuch eine ernsthafte Erkrankung ausschließen. Stattdessen wurde ihm mitgeteilt, dass er einen bösartigen Tumor habe. Fünfundvierzig, das ist doch kein Alter zum Sterben denkt Marvin und offensichtlich hat seine Frau Lisa beschlossen, dies ebenfalls zu denken. Jedenfalls scheint sich vorerst an ihrem Zusammenleben nichts geändert zu haben.

Es ist verwirrend zu lesen, wie unterschiedlich die einzelnen Menschen, die zu Marvins Kosmos gehören, reagieren. Wie Marvin selbst den Kampf gegen die Erkrankung aufnimmt und die Rückschläge, die er dabei erlebt, mal als persönliche Kränkung, als Niederlage oder Strafe ansieht. Der körperliche Verfall wird im Verlauf des Romans immer deutlicher, aber auch die stärker werdende Klarheit von Marvin: was will er, was ist ihm wichtig, wer ist ihm wichtig und nicht zuletzt auch das Aufkeimen der Frage ‚was bleibt‘.

Durch den fast sachlich-schnodderigen Tonfall des Romans gelingt es der Autorin eine Emotionalität beim Leser zu erzeugen, die mitreißt und ergreift. Dabei geht es mehr um ein Mitempfinden und weniger um ein Mitleiden, was aus meiner Sicht die große Stärke dieses Buches ist. Den Hauptfiguren, auch Marvin,  nimmt man als Leser ihr Handeln manchmal übel, manchmal scheint es unverständlich und mitunter ist es einfach nur komisch. Einige Verhaltensänderungen von Marvin kann vermutlich nur nachvollziehen, wer schon einmal einen Sterbenden begleitet hat. Die Schmerzmittel, das Morphium verändern die Persönlichkeit und Wahnvorstellungen, die wahnhaftes Handeln nach sich ziehen, sind keine Seltenheit. So auch bei Marvin, der immer wieder glaubt, Opfer einer falschen Diagnose zu sein und sich zeitweise auch mit Gewalt der Medikamentengabe verwehrt. Diese Szenen sind ebenso verstörend, wie die nach und nach sich verändernde Betrachtung des eigenen Lebens. Das gleicht einer Selbstdemontage und doch wird dahinter ein Mensch sichtbar, dem es nach und nach gelingt, sein Sterben zu akzeptieren und sein Leben nicht zu verdammen.

Ein hartes Buch, aber auch ein wichtiges Buch, denn Sterben werden wir alle. Früher oder später. Allein oder im Kreis von Menschen die wir lieben, die uns lieben und die uns diesen Prozess des Sterbens durch ihre Anwesenheit, ihr Verhalten erleichtern oder erschweren können. Was sie nicht können: uns diesen Prozess abnehmen.

Unbedingt lesenswert.

Heike Vullriede: Der Tod kann mich nicht überraschen. Luzifer-Verlag 2012, 234 Seiten, 14,50 €