Rezensiert von Sylvia Tornau

Ein merkwürdiges Buch ist dies, mit der Betonung auf ‚merken’. Lauter kleine, intime Kostbarkeiten entfalten sich auf den 213 Seiten dieses Buches.
Beckers Erzählungen sind Momentaufnahmen aus dem Leben ihrer Protagonisten. Wie geschriebene Fotoerzählungen ohne Fotos. Bildgeschichten die atmen.
An ganz persönlichen Momenten der Protagonisten dieser Erzählungen können wir LeserInnen teilhaben. All das, was das Leben an schönen Momenten zu bieten hat, ist eingewoben in die Geschichten von Cornelia Becker. Egal, ob Momente am Strand, in der Sommerhitze Berlins oder beim genussvollen Essen – immer gelingt es der Autorin in ihre Geschichten hineinzuziehen. Lebensfreude pulsiert in diesen Erzählungen ebenso wie die kleinen und großen Identitätskrisen, die das Leben für jeden bereithält.
Das untergründige Thema, der rote Faden der alle Erzählungen zusammenhält, ist das Anderssein. Die Konfrontation mit dem eigenen Anderen ebenso wie mit dem Anderssein der Anderen. Da gibt es eine junge Frau, die sich alles Weichsein hart abtrainiert hat um sich gegen Verletzlichkeit zu schützen (Haut der Gedanken). Einer anderen jungen Frau wachsen plötzlich Flügel (Im Jahr der Wunder). Und Mo, Sohn einer Deutschen und eines Tunesiers, wird durch den Drohbrief eins Reindeutschen mit dem Islam konfrontiert, der für ihn bisher keine Rolle spielte. Mitten ins gelingende, sozial und wirtschaftlich erfolgreiche Leben des jungen Mannes schlägt die Fremdenfeindlichkeit ein wie eine Splitterbombe.

Mitunter macht sich beim Lesen Beklemmung breit. Eine von der Sorte, wie sie einen mitunter beschleicht, wenn Zeit und Ruhe sich ausbreiten. Wenn sich die Frage nach der Identität stellt. Jenseits der Identität, die sich die meisten von uns durch die Verankerungen in Arbeitswelt und/oder Familie geschaffen haben. Wenn in der Stille des für Augenblicke nicht-funktionieren-müssens sich die Fragen auftun. Die Fragen nach dem Woher und Wohin und dem Warum-So-geworden sein. Fragen nach dem roten Faden im eigenen Dasein.
Hautnah lässt die Autorin die LeserInnen die Augenblicke der Verunsicherung ihrer Protagonisten miterleben, so wie in den Geschichten von Jutta (Mañana) und Curbelo (Worauf warten wir?) Ohne moralisierenden Zeigefinger und doch zutiefst moralisch stellt sich Cornelia Becker den dringlichen Fragen unserer Zeit. Wie begegnen wir anderen, wie uns selbst? Was macht es einem Menschen aus, wenn er plötzlich aufgefordert wird sein Heimatland zu verlassen? Was macht es aus, wenn Europa die Grenzen verschließt und tausende Afrikaner auf dem waghalsigen Weg übers Wasser ertrinken, verhungern und wie Treibholzstücke an Land gespült werden?
Cornelia Becker beantwortet diese Fragen für uns nicht. Sie beobachtet ihre Protagonisten sehr genau und lässt uns teilhaben an deren Leben, mit einem intensiven Blick auf Gegebenheiten, Wünsche, Sehnsüchte und Ängste. Der Autorin gelingt es, die einzelnen Geschichten miteinander zu verweben, wie ein Quilt. Plötzlich tauchen die Protagonisten der einen Geschichte in einer anderen wieder auf oder die Randfiguren einer Geschichte werden in der nächsten zur Hauptfigur. Cornelia Becker gelingt es, die LeserInnen im Bann ihrer Erzählungen zu fesseln. Das ist Magie. Feine und unaufdringliche Erzählmagie.

Cornelia Becker „Eintritt Frei“ Erzählungen. Achter Verlag. Acht und Weinheim 2011. 213 Seiten. 19.80 €