rezensiert von Sylvia Tornau

Auf der Website der Autorin und Musikerin Bettina Bormann wird dieses Buch unter dem Label „Rabenschwarze Kurzgeschichten“ angekündigt. Schwarz und glänzend wie Rabenfedern sind sie, diese Geschichten. Und schon durch die Wahl des Titels wird klar, dass es in diesem Buch auch um Mythen geht.
Mördermuscheln werden bis heute die Riesenmuscheln genannt, denen fälschlicherweise nachgesagt wird, dass sie nach Tauchern schnappen. Ein Todesfall aus den 1930ern ist allerdings dokumentiert. Ein vermisster Taucher wurde gefunden, seine Hand eingeklemmt in einer Muschel. In seiner Hand fand man nach der Bergung eine große Perle.

In den Geschichten von Bettina Bormann geht es um die Perlen des Lebens, die wir in uns tragen. Ob groß oder klein, diese Perlen gilt es zu hüten. Nicht immer will jemand sie stehlen, obwohl auch das vorkommen kann. Häufiger ist es so, dass wir sie zu wenig beachten, sie gar verschenken oder wegwerfen. Letzteres geschieht in Bormanns Geschichte „Köhlbrand“, in der zwei Einsame, zwei Gescheiterte sich das Leben nehmen, obwohl in der gemeinsamen Begegnung auf der Brücke die Chance liegt, einen Neuanfang zu wagen. Sie ergreifen diese Chance nicht. Sie springen. Nacheinander.

Während des Lesens der Kurzgeschichten von Bettina Bormann flüstert es. Manchmal ganz leise, kaum wahrnehmbar, dann wieder lauter, drängender. Es flüstert die dunkle Seite des menschlichen Seins. Ich fühle mich beim Lesen fast ein wenig ausgeliefert und schutzlos. Fluchttendenzen machen sich breit. Es wäre so einfach, dieses Buch aus der Hand zu legen und in die dunkelste Ecke des Bücherregals zu packen. Aber auch da flüstert es weiter. Ich kann nicht anders, muss weiterlesen.

Es sind teilweise makabre Geschichten, die psychologisch fein gesponnen den Faden von Verständnis und Erkenntnis für die, jeweils auf ihre Art gezeichneten, Protagonisten nicht abreißen lassen. Was treibt Menschen ihre Rachegelüste auszuleben, wie in den Geschichten „Die Hässliche“ und „Die Hure von Seminyak“? Was fühlt ein Flüchtling auf dem Meer, einsam, verwundet, durstig und ohne Aussicht auf Rettung?
Sind es wirklich äußere Mächte, die Dinge geschehen lassen oder ist es der Glaube an diese Mächte, der uns Zusammenhänge sehen lässt, die es so vielleicht gar nicht gibt? Oder gibt es sie doch? Diese Thematik wohnt in der Geschichte „Der Sturm“. Ist es die frühe Kindheitserinnerung an die Großmutter, die einen Zusammenhang zwischen dem Auftreten eines Sturms und dem Verlust wichtiger Menschen herstellt, oder ist es eine Tatsache, dass es diesen Zusammenhang gibt? Wie ergeht es einer Mutter, die jahrelang ihre Tochter formt und nicht merkt, wie ihr diese entgleitet, wie sich Beziehungslosigkeit breit macht zwischen den beiden. Eine Mutter, die sich all die Fragen, nach dem wie es hätte sein können, erst nach dem Suizid der Tochter stellt.

Die Autorin öffnet uns mit diesen Geschichten einen Weg zum Erleben des Ungewöhnlichen, jenseits aller bisheriger Denk- und Fühlmuster. Sie reißt uns raus aus dem Eingerichtetsein des So-ist-es, denn mit ihren Geschichten zeigt sie, es kann auch anders sein.
Bettina Bormann seziert Beziehungen und Beziehungslosigkeit, sie zerschneidet mit ihren Geschichten den Vorhang der Illusionen, den wir uns so gern über uns selbst und die uns Nahestehenden werfen. Deprimierend wären diese Geschichten, gäbe es da nicht diese merkwürdige Atmosphäre in ihnen. Da stehen real wirkende fiktive Geschichten neben Geschichten mit Gruselflair und Horrorelementen. All das wird gemixt mit Märchenelementen („Die Meerjungfrau“, „Die roten Schuhe“) und garniert mit Figuren der Weltliteratur (Madam Bovary in „Fell“). Ein wenig lassen mich diese Geschichten an Edgar Allen Poe und Stephen King denken. Allerdings ist der Grusel in Bettina Bormanns Geschichten eher untergründig.

Meine Empfehlung: Keine leichte Lektüre, aber ein faszinierendes Buch, spannend, fesselnd und makaber. Das Lesen erfordert ein Einlassen auf die Figuren und die Geschichten, aber auch ein wenig einlassen auf das Fremde in mir.

Bettina Bormann: Das Flüstern der Mördermuscheln, PaperOne Edition,252 Seiten, 14,99 €