J. Monika Walther: Himmel und Erde. Kriminalroman.
Ein KSB-Genuss-Krimi.

In Himmel und Erde spinnen sich alle Storyfäden um die Wirtin Ida Waschinsky und ihr Lokal „Zur alten Schleuse“. Hier fängt die Geschichte an und, im weitesten Sinne, endet sie auch hier. Ida und ihr alter Hof am Rande der Münsteraner Schleusen bilden den nicht nur kulinarischen Rahmen dieses Genuss-Krimis. Und ein Genuss ist dieser Kriminalroman, so viel sei vorab verraten. Nicht nur wegen der Gerichte, die Ida ihren Gästen vorsetzt – wäre ich eine Köchin, ich wäre versucht, dass eine oder andere Gericht nach zu kochen, so aber muss ich wohl warten, bis mir eine Ida begegnet. Nein, vor allem die genaue Figurenzeichnung und das Geschick der Autorin, verschiedene Handlungsstränge miteinander zu verweben und zu einem nachvollziehbaren und glaubwürdigen Ende zu führen machen den eigentlichen Lesegenuss dieses Kriminalromans aus.Einige Zeit nach dem Tod ihres Mannes verkauft Ida Waschinsky das gutgehende, gemeinsam geführte Restaurant in Düsseldorf und kauft vom Erlös den alten Hof im Münsterland. Ida wagt einen Neuanfang. Neues Restaurant, neues Liebesglück. Henning Simonsberg ist der neue Mann an Idas Seite. Auch er verlor seine Familie an den Tod – Verkehrsunfall, bei dem Frau und Tochter ums Leben kamen – und von Beruf Ermittler der Soko  Europort in Rotterdam. Häufig wird er als Ermittler eingesetzt, wenn sich ein Fall als grenzüberschreitend erweist. So auch in diesem Fall.
Obwohl der Mord im Münsterland geschah, genaugenommen wurde die Leiche in Idas Restaurant abgesetzt, stellte sich schnell heraus, dass der Ermordete Hanns Boleda, einer von Idas Lieblingsstammgästen, der lettischen Geheimpolizei angehörte. Das ruft, sehr zum Ärger der taffen, ein wenig frustrierten, dem Alkohol zugeneigten und für diesen Fall zuständigen Hauptkommissarin Katharina Müller, eben diesen Sonderermittler Simonsberg auf den Plan. Allein die Art, mit der beide Ermittler an ihren Job herangehen, was sie denken, wie sie sich den Fall erarbeiten und dabei Strukturen und Hierarchien beachten oder umgehen, miteinander und zeitweise gegeneinander arbeiten, macht diesen Roman lesenswert.
Als die Spurensicherung in Idas Kräutergarten auch noch eine Frauenhand findet, scheinen für Kommissarin Müller erst einmal alle Indizien auf Ida als mögliche Täterin zu verweisen. Doch bald muss auch sie eingestehen, dass es in diesem Fall um weit mehr geht.
Da gibt es das verwirrende Intrigenspiel der Kritikerin Harriet Manier, die um jeden Preis erreichen möchte, dass die Tafelrunde sich künftig im Lokal ihrer Tochter und nicht in Idas Alter Scheune trifft. Die Tafelrunde ist ein monatliches Treffen westfälischer Köche, Kritiker und Feinschmeckerinnen, allein die Wahl des Ortes für ihre Treffen adelt die Küche dieses Restaurants. In diesem Falle also Ida Waschinskys „Zur alten Scheune“.
Da gibt es die 6 Fotobücher des ermordeten Hanns Boleda im Tresor seiner Vermieterin. Sechs Alben mit akkurat eingeklebten Fotos von Deportationen und Erschießungen während des letzten großen Krieges. Aber da gibt es auch noch die Mutter von Hanns Boleda, die alte Frau Bockmann. Überlebende des Lagers Riga, die nach dem Krieg Mann und Sohn verließ und in Deutschland eine andere Familie gründete. Seit Hanns in Deutschland lebte, traf sie sich jeden ersten Dienstag im Monat mit ihm und übergab ihm 500 €. Nicht zuletzt weisen alle Spuren zu Leo Klein, einem Weißrussen, auch bekannt unter dem Namen Askana Giro. Dieser Name wiederum könnte der Deckname für verschiedene Kriminelle sein. Sicher ist jedoch, dass mit Askana Giro der Handel mit minderjährigen Mädchen und illegalem Kaviar in Verbindung gebracht wird. Europort ist er bekannt als Geschäftsmann und Killer. Und eben dieser Leo Klein, der wahrscheinlich Askana Giro ist, arbeitete in den 14 Tagen vor Hanns Boledas Ermordung in Ida Waschinskys Restaurant als Aushilfe.

In J.M. Walthers Kriminalroman geht es um viel. Es geht um Menschen- Organ und Kaviarhandel. Es geht um einen ermordeten lettischen Geheimpolizisten und dessen Familie, es geht um einen ermordeten Koch, den Ehrgeiz einer Mutter, einen abgehackten Schafskopf und einen geständigen Killer, der aus Liebe sein Leben ändern möchte. Daneben geht es um Niedertracht und Verrat, Desillusionierung und Müdigkeit, aber eben auch um menschliche Größe, Liebe und die heilende Wirkung von gutem Essen. Die Autorin zeigt in diesem Roman einmal mehr, wie schmal der Grat zwischen gut und böse ist. Sie zeigt, dass es immer wieder eine ganz persönliche und bewusste Entscheidung ist, gut sein zu wollen, so wie die Ida im Roman sich dafür entscheidet.

Auch mit diesem Kriminalroman zeigt die Autorin J. Monika Walther einmal mehr, dass sie sehr genau hinschaut und die emotionalen Antreiber menschlichen Lebens in vielen Facetten erkennt und beschreibt. Dabei bleibt sie immer wohlwollend und denunziert auch die unangenehmeren Charaktere nicht. Mit teilweiser Sprachkargheit erzeugt J.M. Walther einen so untergründigen Humor und in ihren Handlungsweisen so nachvollziehbare Charaktere, dass ich mich sehr an die Charaktere einer anderen von mir sehr geschätzten Krimiautorin – Fred Vargas – erinnert fühle. Die Kombination aus lebendigen, genau gezeichneten und eigenwilligen Figuren und die sich aus diesen Figuren heraus entwickelnden Handlungsstränge, dies vor allem macht für mich die Stärke der Romane der Autorin J.M. Walther aus.

Für Krimifans und alle, die gut erzählte Geschichten von starken Charakteren mögen: unbedingt lesen!

J. Monika Walther: Himmel und Erde. Kriminalroman. Ein Genuss-Krimi.
176 Seiten, KSB-Media Verlag, 10,50 €