Laudatio für Ulrike Bail – Autorin des Jahres 2020 der Autorinnenvereinigung e.V., dem internationalen Netzwerk deutschsprachiger Schriftstellerinnen
von Sylvia Tornau

Liebe Ulrike, Liebe Gäste, Liebe Autorinnen,

Ulrike Bail wurde von der Autorinnenvereinigung e.V., dem internationalen Netzwerk deutschsprachiger Schriftstellerinnen, zur Autorin des Jahres 2020 gewählt. International meint unter anderem, wenn etwas, jemand über die Staatsgrenzen hinausgeht. Diesen Weg ist Ulrike Bail gegangen. Geboren in Metzingen (Deutschland), lebt und schreibt sie seit 2005 in Luxemburg. Nach dem Studium der Germanistik und Evangelischen Theologie, nach Promotion und Habilitation und langjähriger Lehrtätigkeit an verschiedenen Universitäten arbeitet sie heute als freiberufliche Schriftstellerin. Geschrieben hat die Autorin seit ihrer Jugend, doch die Jury der Autorinnenvereinigung überzeugte Ulrike Bail mit der Vielfalt ihrer lyrischen Sprachgewebe, immer verankert im Konkreten und doch symbolhaft. Kurze Momentaufnahmen, fast skizzenhaft hingeworfen, immer verdichtet. Immer einladend zum Innehalten, Verweilen, Nach-Denken und –Fühlen.

falten
schreibs dem papier
auf die gefaltete haut
bis in den ritzungen
die tinte weint schwarz
sich anschwemmt dort
Ulrike Bail: Sterbezettel, edition offenes feld, 2016, S.66

Das Gedicht falten hängt seit 2016 als Schreibmotiviation an meiner Pinwand über dem Schreibtisch. Es ermutigt mich, wann immer ich am Sinn meines Schreibens zweifle, mit mir hadere. schreibs dem Papier / auf die gefaltete Haut. Was für eine Sinnlichkeit, die einlädt zum Tasten, Betasten. Ich lausche ehrfurchtsvoll dem Wispern des Papiers. Nie fällt es mir auf, wenn ich konzentriert und fokussiert am Schreibtisch sitze. bis in den ritzungen / die Tinte weint schwarz. Diese Feinheit der Wahrnehmung. Die Ritzungen in der gefalteten Haut des Papiers. Sind es Wunden? Was entsteht durch diese Ritzungen? Was schwemmt sich an dort? Ist die Tinte schwarz, oder zeigt sich da ein Hauch von Trauer? Ich habe dem nachgefühlt und bei mir zeigt sich in diesen Anschwemmungen ein Schmerz. So viel Papier, so viel Tinte und am Ende bleibt so viel Angeschwemmtes, nicht Nutzbares. Doch Halt! Angeschwemmtes birgt mitunter kleine Schätze. Man denke nur an den Bernstein im Tang am Meeresufer. Man muss ihn nur lange genug und mit wachsamen Augen suchen. Doch manchmal ist der Tang dann doch nichts anderes als Tang und in der angeschwemmten Tinte finden sich die Buchstaben wieder in einem Wortsalat. Oder, im schlimmsten Fall, als schnöder Tintenklecks. Diese Interpretation beschreibt eher meinen Schreibprozess, doch genauso verstehe ich die Lyrik von Ulrike Bail, als Einladung und Aufforderung an mich als Leserin, die Substanz ihrer Worte mit meinem Sinn, meinen Sinnen zu erfassen. falten entstammt dem Gedichtband Sterbezettel und ist für mich der Inbegriff des Schreibvorgangs. Erst wenn die Tinte auf der gefalteten Haut des Papiers sichtbar wird, sich anschwemmt, habe ich einen Anfang, ein Material mit dem es sich arbeiten lässt, auch wenn am Ende sich das Geschriebene verliert in den zigfachen Versuchen eine bessere Formulierung zu finden.
Kurz sind die Gedichte von Ulrike Bail. In den vier Gedichtbänden finden sich pro Gedicht manchmal fünf, manchmal 8 Zeilen, selten weniger oder mehr. Was diese Gedichte auszeichnet ist ihre Klarheit. Mitunter wirken sie spröde und splittrig, als wäre der Gegenstand, der Zustand den sie beschreiben verletzt oder brüchig, irgendwie angekratzt und mit Patina überzogen. Und doch ist jeder einzelne dieser Texte auch kraftvoll, energiegeladen und manchmal eben auch ganz zart und von einer Leichtigkeit, die beflügelt.

mit dem letzten frost wischt theodora
vogelstimmen entschlafen im haar
sich übers gesicht
sie nimmt die fichtendecke vom grab
taucht ins wurzelgeflecht
unter trauerrändern liegt
die erinnerung bloß
Ulrike Bail: wundklee streut aus. 47 gedichte über theodora, Conte Verlag, 2011, S.97

Ulrike Bails Lyrik ist gegenwärtig und gleichzeitig die Gegenwart übersteigend. In einem Augenblick fassbar und unfassbar zugleich. Die Worte entziehen sich nicht, sind bodenständig und haftbar, immer auf der Seite des Lebens, auch wenn sie sich der Diesseitigkeit mitunter entziehen.
Vergangenes und Gegenwärtiges greift in den Gedichten Ulrike Bails ineinander, überlappt sich, trennt sich, als könne es unabhängig voneinander bestehen. Steht unabhängig nebeneinander und doch ist alles aus einem Stoff gemacht. Beispielhaft hierfür ist das Gedicht Nahtzugabe, aus dem 2020 im Conte Verlag erschienenen Gedichtband wie viele faden tief.

Nahtzugabe
die grenzen gezeichnet auf dünnem papier
geschlagen am reißbrett mit stich und hieb
ins niemandsland die geflüchteten leben
unsichtbar eingeschlagen zwischen
nahtzugabe und schnitt
Ulrike Bail: wie viele faden tief, Conte Verlag 2020, S. 48

In Vorbereitung auf den heutigen Abend habe ich im Internet recherchiert. Doch es gibt nur wenige Selbstauskünfte der Autorin über ihr Leben und Schreiben, ganz so, als wolle sie ihre Gedichte für sich sprechen lassen. Nicht festgemacht an der Autorin, sondern in die Welt geschickt um zu wirken. Ich fand bei meiner Recherche eine Webseite, die Verlagsseiten, Rezensionen und die Anzeigen der Buchplattformen. Ab und an eine Information über einen Preis der ihr verliehen wurde. Schon drei Mal war sie Preisträgerin beim Concours littéraire national in Luxemburg, zuletzt 2020 mit dem Manuskript des Lyrikbandes, ‚statt einer Ankunft‘ Dieser erscheint 2021 im Conte Verlag. Wir dürfen also gespannt bleiben. Herzlichen Glückwunsch dazu!

In der sehr sehenswerten Sendung „Wir im Saarland – Kultur“ vom 09.12.2020 – inhaltlich geht es um den Gedichtband „wie viele faden tief“ und seine Entstehungsgeschichte – sagt Ulrike Bail „Leben und Schreiben, das geht irgendwie automatisch. Inspiration kann auch Alltag sein, kann ein Blatt sein, kann eine Zwiebel sein. Einmal habe ich übers Kochen geschrieben, über rote Beete, dass man so rote Hände bekommt. Das bedingt sich bei mir.“ Im Podcast der BuchWerkstatt von Regina Lehrkind spricht Ulrike Bail ebenfalls über ihren 2020 erschienenen Gedichtband, aber auch über ihr Warum. Warum schreibt Ulrike Bail? Die Antwort auf diese Frage, geht aus meiner Sicht konform mit dem was ich beim Lesen ihrer Lyrik erfahre. „Das Schreiben von Lyrik ist für mich eine Erkenntnisform. Ich habe es mal so formuliert: Ich habe nichts anderes als meine Gedichte, um die Welt zu verstehen. … Aber ich kann das nur in Metaphern ausdrücken. …Das ist schon analytisch, aber ein poetisch-analytisches Erkennen.“
Mit ihren Metaphern, ihren Gedichten, entstanden in selbstorganisierter „unfragmentierter Zeit“ verhilft Ulrike Bail auch uns, ihren Lerser:innen, zu einer tieferen Lebens- und Welterkenntnis. Die erlangen wir, wenn wir uns einen Leseraum voller unfragmentierter Zeit schaffen – ich musste dieses schöne Wort jetzt einfach wiederholen. Die Gedichte Ulrike Bails sind nicht sperrig, nicht fremd, doch sie erschließen sich nur, wenn man sich darauf einlässt, sie wirken lässt und immer wieder einmal zur Hand nimmt. Sie sind zu gut komponiert, wie kleine Kunstwerke auf Alltag erbaut, um sie im Fastfood-Modus verschlingen zu können.

Dass die Wahl der Autorinnenvereinigung e.V. auf Dich fiel, liebe Ulrike, freut mich persönlich sehr, denn ich verfolge Deine Arbeiten, seit ich im Februar 2012 Deinen Gedichtband „wundklee streut aus – 47 gedichte über theodora“ rezensieren durfte.
Damals schrieb ich: Ob Naturbetrachtung oder Kommentare aus dem Innenleben, ihre (Theodoras) Lebensschwingungen sind mal ironisch, mal ausufernd aber immer warm und über die Sprache ins Zentrum des Daseins treffend. Leichtfüßig und manchmal mit unachtsam übergeworfenen Kleidern begegnet uns in diesem Gedichtband das alltägliche Leben. in einer Poesie namens Theodora.
Das für mich Faszinierende an Deinen Gedichten: Du gibt nichts vor, überlässt mich, die Leserin, ganz und gar meinen Projektionen. Ich darf mich identifizieren oder aus der Distanz betrachten. Die Gedichte lassen Raum. Den Raum für das Vibrato der Worte. Den Raum für öffnendes Denken und Fühlen und den Raum für ein Dazwischen, welches immer mitschwingt, sich aber nie aufdrängt.

Herzlichen Glückwunsch liebe Ulrike Bail. Du bist unsere Autorin des Jahres 2020!