Ein Hoch auf die ungeliebte Angst

6. November 2019 um 18:13 Uhr

„Ich möchte alles aufschreiben, was ich über Angsthaben weiß, aber dann hätte ich sicherlich keine Zeit mehr, um über etwas anderes zu schreiben. Angst hat ein Land, das uns bei Geburt Pässe aushändigt und hofft, dass wir das Bürgerrecht nicht auch anderswo suchen. Das Gesicht der Angst verändert sich ständig, und ich muss mit dieser Veränderung rechnen. Ich muss leicht und schnell reisen und eine Menge Gepäck zurücklassen. Stückgut.“
Audre Lorde, Auf Leben und Tod: Krebstagebuch.

Angst. Kaum ein anderes, so häufig genutztes Wort gibt es. Liebe vielleicht. Doch im Alltäglichen überflügelt häufig die Angst die Liebe. In meinem bisherigen Leben war das so. In den von mir in erlebten Begegnungen war das so. Ich kenne keinen Menschen, der sich vor nimmt Angst zu haben. Im Gegenteil, wir ersehnen ein Leben ohne Angst. Oder wir behaupten, wir hätten keine Angst, geben uns Angstfrei. Was ist der Unterschied zwischen einer manifestierten Angst und einer identifizierbaren Bedrohung. Was geschieht, wenn wir der identifizierbaren Bedrohung dauerhaft ausgesetzt sind? Manifestiert sich so die Angst?

Was also ist Angst? Angst ist eines der Grundgefühle. Gefühle entstehen als Produkt der Verarbeitung von Reizen. Unsere Sinnesorgane nehmen etwas wahr, leiten es an unser Gehirn weiter. Dort werden diese Wahrnehmungen, Reize abgeglichen mit allem was in uns ist, was wir bisher im Innen und Außen erlebt haben. Gefühle vermitteln uns damit ein Bild von der uns umgebenden Welt, aber auch von Vorgängen unseres eigenen Körpers. Das heißt, sie sind nicht nur Ausdruck äußerer Tatsachen, sondern auch der Bedeutung, die wir ihnen subjektiv geben. Gefühle lassen sich somit zwar kategorisieren – Lust, Schmerz, Freude, Angst – aber sie sind immer individuell, entstanden auf im Kontext genetischer Vorbedingungen und persönlicher Erfahrungen. So lässt sich ganz wunderbar über dieses Gefühl erzählen ohne wirklich etwas darüber zu sagen.
Ich erlebe Angst selten als etwas Vordergründiges. Eher so wie den Boden, die Substanz auf der mein Leben aufgebaut ist. Alles vom Moment der Geburt an, strebt dem Tode zu. Das verdrängen wir gern, leben, als hätten wir nichts zu verlieren, als stünden uns Ewigkeiten zur Verfügung, nicht nur kleine Zeitfenster. Mit der Vergänglichkeit, dem Sterben (müssen) setzen wir uns nur ungern auseinander, es sei denn, wir werden damit konfrontiert. In Form von Krankheit und Siechtum, sei es bei uns selbst, oder bei Menschen die uns nahe sind. Der Tod lässt uns nicht unberührt, auch wenn wir ihn gern verschweigen oder gar so tun als ginge er uns nichts an. Wir entwickeln verschiedene Ängste, von denen jeder so etwas wie ein kleiner Tod zu sein scheint. Die Angst vor dem Altwerden, Angst vor Krankheiten, Angst vor der Liebe, Angst den Job zu verlieren, Angst das Gesicht zu verlieren (ich frage mich, wie ich ohne Gesicht aussehen würde), Angst vor Spinnen, Angst vor Höhe, Angst vor Gewalt, Angst vor politischen Entwicklungen, Angst vor dem Untergang der Welt, sei es durch einen Meteoriten, sei es durch den von Menschen verursachten Klimawandel. Manche Menschen entwickeln sogar eine Angst vor dem Leben: Wenn ich doch sowieso sterben muss, warum soll ich mich dann einlassen auf etwas, dass ich am Ende sowieso verliere?

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