Gonzade – San Xulian – Boente

29. April 2018 um 17:33 Uhr

Vor lauter Anstrengung habe ich die Zeit vergessen. Die momentan einzig geltende Zeit ist die Zeit der Ankunft, weil sie mit der Frage verbunden ist: kann ich vor dem Abendessen noch ein wenig ruhen, lesen, duschen, faul sein. Einfach rumhängen, gammeln, nichts wollen, nichts müssen, nur liegen.

Beim Laufen beschäftigte mich in den vergangenen Tagen die Frage, warum Menschen alles in Kategorien einteilen müssen. Nehmen wir das Pilgern. Sind die „richtigen“ PilgerInnen die, die in Frankreich starten und den gesamten Weg durchlaufen? Oder sind es die, die jedes Jahr ein Stück des Weges gehen? Ist ein Tourist, wer den gesamten Weg geht, aber sein Gepäck transportieren lässt? Spielt das alles überhaupt eine Rolle? Wenn ja, für wen spielt das eine Rolle? Ist das überhaupt wichtig? Da werden Diskussionsrunden geführt und Argumente getauscht, aber am Ende zählt doch, was jedeR für sich selbst akzeptiert. Für die Menschen, die am Camino ihre Existenz aufbauen, dürfte es egal sein, ob die vorbei Eilenden, Humpelnden richtige oder falsche Pilger sind. Hauptsache, sie sind hungrig, durstig oder benötigen ein Nachtlager, ein Souvenir, ein Taxi.

So, ich muss jetzt das Licht löschen. Es wird zur Ruhe geläutet.

Morgade – Gonzade

27. April 2018 um 17:15 Uhr

 

Meine Füße bekommen auch bei dieser Wanderung, wie bei jeder Mehr-Tages-Tour so viel Aufmerksamkeit, dass die beiden Kleinen vollkommen verschreckt reagieren. Sie werden gereinigt, gecremt, gestreichelt und besprochen auf dieser Reise, denn sie haben die Hauptlast des Körpers zu tragen, also mich. Im Alltag ignoriert und versteckt, verlasse ich mich auf sie. Schritt für Schritt tragen sie mich, wehren sich nicht mit Blasen, geben dafür täglich ab km 15 schmerzhafte Zeichen, dass sie für heute genug gelaufen sind. Meist ignoriere ich sie dann erst einmal, aber ab km 19 streiken sie. Schleppen sich nur noch mit Aussicht auf Ruhelager die letzten Meter über den Weg. Wollen dafür dann belohnt werden mit oben beschriebener Aufmerksamkeit.

Allabendlich großes Hallo in den Unterkünften. Spanische, englische, schwedische, hollandisch-französische, deutsche und koreanische WeggefährtInnen begrüßen sich, als wären wir alle schon längst vertraut miteinander. Die Gespräche finden nur abends statt, unterwegs gibt es nicht mehr als ein hola und Buen Camino, was so viel bedeutet wie richtiger Weg, guter Weg. Die Freude darüber den Tagesweg geschafft zu haben, verbindet und bei Pilgermenü und Rotwein finden die Gespräche schnell eine Tiefe, die weit in die persönliche Lebensgeschichte Einblick gewährt. Warum läuft der/die andere diesen Weg und nimmt neben all der Schönheit der Landschaft und der Begegnung eben auch das Beschwerliche des Weges auf sich. Da spielen Verlust und Krankheit eine ebenso große Rolle wie die Fremdheit im eigenen Dasein und die Suche nach dem richtigen Leben.

Fonfria – Pinfin – Morgade

26. April 2018 um 22:25 Uhr

 

Tag 2 und 3
Die km-Angaben unterscheiden sich, je nach Handybetriebssystem und was ich eher vermute, nach Schrittlänge. Je später der Nachmittag desto kleiner werden meine Schritte. Also nach meinem Handy bin ich gestern 24,23 km gelaufen und heute 20,33 km. Aber eigentlich spielen die km keine Rolle, meine Füße sind die Taktgeber und sie sind es am Ende des Wandertages auch, die ziemlich schmerzhaft vermelden: es reicht.

Abseits aller sportlichen Erwägungen bin ich ziemlich fasziniert von der galizischen Landschaft. Sattes Grün eingehügelt, die Wege führen uns bergauf, bergab. Alte Steine in jeder Ortschaft, alte Kirchen – wirklich alt, heute waren wir in einer aus dem 11. Jahrhundert – und ohne Ende Kühe. Selbst wenn die Tierchen nicht zu sehen sind, sind sie zu riechen und auf allen Wegen finden sich diverse Hinterlassenschaften.

Ab und an begegnen uns am Wegesrand alte Menschen. Der eine erbittet eine Spende, eine andere treibt die Kühe ins Abendlager, und noch ein anderer hütet seine Kirche und lädt zur Besichtigung ein. Keinem kann ich widerstehen. Ich gebe ein paar Euro, grüße mit einem freundlichen jhola und folge brav in die Kirche. Schließlich hat sich der alte Mann mit seinem Krückstock und Trippelschritten zum Wegrand gemüht um Vorbeiziehenden seine Kirche zu zeigen. An dieser wären wir wirklich vorbei gegangen und das wäre sehr schade gewesen. Der Altar war beeindruckend, selbst für so eine Atheistin wie mich. Mindestens 800 Jahre alte Holzschnitzereien. Früher hätte ich dazu gesagt, Kunst im naiven Stil. Heute denke ich, was ist naiv?

Fazit der beiden Wandertage: meine Füße wollen nicht so, wie ich wohl will und alten Menschen kann ich nicht widerstehen. Sie rühren etwas an in mir, bringen mich dazu Dinge zu tun, die ich vielleicht so gar nicht will und trotzdem fühle ich mich dann irgendwie besser.

Piedrafita – O Cebreiro – Fonfria

24. April 2018 um 20:47 Uhr

Eines ist schon am 1. Tag klar, auf dem Camino herrscht die Diktatur der Frühaufsteher. Gegen 7 Uhr durch eine fremde Stadt hetzen, auf der Suche nach dem richtigen Busbahnhof. 3 mal verlaufen und mich dann von einem freundlichen Taxifahrer retten lassen. Nach 3,5 Stunden Busfahrt durch Nebelgebirge Ankunft in Piedrafita. Erste Hürde, 350 Höhenmeter nach O Cebreiro. Dort wartete Sabine auf mich. Schneller Kaffee, Sonnen Hut gekauft, Beginner-Stempel abgeholt und losgelaufen. Viel habe ich vom Weg heute noch nicht mitbekommen, ein paar Blumen, Panoramablick und die Kontraste: Blütenbracht neben Schneeresten. Nach 17 km war heute Schluss, ich muss mich erst einmal einlaufen. Vor der Nacht gruselt mir noch ein wenig, Doppelstockbetten, viele davon belegt, es riecht nach vielen Menschen, aber richtig heftig riecht es im Vorraum, wo die Stinkeschuhe stehen. Was mich richtig freute, das erste Pilgermenü gab es in einem Palloza, einem traditionellen galizischen Rundbau. Mit einem leichten Sonnenkasper und 3 Umdrehungen vom galizischen Grappa verabschiede ich mich 21.33 Uhr ins Bett. Mal sehen, wie die Nacht wird.

Ankunft in Santiago de Compostela

um 00:41 Uhr

Endlich angekommen. Das Flugzeug startete mit Verspätung, der Bus vom Flughafen nach Santiago war gut gefüllt mit PilgerInnen und Rucksäcken, das Hotelzimmer geht als Vorbereitung auf die Kargheit der Pilgerunterkünfte durch. Aber die Stadt, dieses Santiago de Compostela, das ist ein Paradies für alle die alte Steine lieben und Gossendeckel. Ich liebe alte Steine und schöne Gossendeckel, deswegen freue ich mich schon jetzt auf die Zeit in dieser Stadt. Morgen früh geht es 8 Uhr erst einmal mit dem Bus nach Pedrafita do Cebreiro.

Fazit des Tages: Warten auf Flüge, Busse, Ankommen kann zwar nervig sein, ändert aber nichts an der Freude einen neuen Ort zu finden und mich dort wohl zu fühlen.

Vorbereitung auf den Jacobsweg

16. April 2018 um 23:16 Uhr

Der erste Urlaub des Jahres steht an und ich bin müde. Die Nachwehen einer Viruserkrankung und eines Sturzes lassen mich fremd sein. Ich lese Nachrichten und es ermüdet mich. Das Alltägliche überfordert mich. Ich stehe neben mir, bin nicht zu Hause. Anfangs war ich irritiert von diesem Zustand, dann genervt, jetzt akzeptiere ich, dass es ist, wie es ist. Allerdings fällt es mir in diesem Zustand schwer, mich auf die Reise vorzubereiten und auszuwählen, was ich für die Reise benötige und was ich besser zu Hause lasse. Meine letzte 14-tägige Pilgerreise begann ich mit einem 13 kg Rucksack. Diesen Fehler werde ich nicht wiederholen. 7 kg sind das Zielgewicht, 5 kg wären noch besser. Den Rucksack für eine solche Tour zu packen setzt Vertrauen voraus.

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