Spannung die hungrig macht.

28. Februar 2015 um 02:27 Uhr


J. Monika Walther: Himmel und Erde. Kriminalroman.
Ein KSB-Genuss-Krimi.

In Himmel und Erde spinnen sich alle Storyfäden um die Wirtin Ida Waschinsky und ihr Lokal „Zur alten Schleuse“. Hier fängt die Geschichte an und, im weitesten Sinne, endet sie auch hier. Ida und ihr alter Hof am Rande der Münsteraner Schleusen bilden den nicht nur kulinarischen Rahmen dieses Genuss-Krimis. Und ein Genuss ist dieser Kriminalroman, so viel sei vorab verraten. Nicht nur wegen der Gerichte, die Ida ihren Gästen vorsetzt – wäre ich eine Köchin, ich wäre versucht, dass eine oder andere Gericht nach zu kochen, so aber muss ich wohl warten, bis mir eine Ida begegnet. Nein, vor allem die genaue Figurenzeichnung und das Geschick der Autorin, verschiedene Handlungsstränge miteinander zu verweben und zu einem nachvollziehbaren und glaubwürdigen Ende zu führen machen den eigentlichen Lesegenuss dieses Kriminalromans aus.

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Odile Kennel „oder wie heißt diese interplanetare Luft“ Gedichte

29. April 2014 um 00:28 Uhr


rezensiert von Sylvia Tornau

Vorab gesagt: Dieser Gedichtband ist eine Überraschung. Sprachlich, Inhaltlich, Optisch.
Das Lyrikdebut der Berliner Autorin Odile Kennel gliedert sich in acht Kapitel, die sich den unterschiedlichen Facetten des Seins im Alltäglichen widmen. Eingeleitet werden viele dieser Gedichte mit einem Zitat, mal ist es eine Gedichtzeile, mal eine Zeile aus einer Zeitung, aber selbst ein Formular der Deutschen Rentenversicherung wird zitiert. Das irritiert auf den ersten Blick. Beim zweiten Blick wird der Zusammenhang mit dem Text hergestellt. Der dritte Blick bringt das Gesicht zum Schmunzeln. Ungewöhnlich auch, dass die Titel unter den Gedichten stehen. Dies irritiert erst einmal, erinnert es doch an die Formgestaltung von Octavio Paz, zumal auch bei den Gedichten von Odile Kennel die letzte Zeile, also der Titel, nicht selten auch die Anfangszeile des nachfolgenden Textes sein könnte. Doch damit des Vergleiches nicht genug, ähnlich wie bei dem großen Lyriker Paz wird die Leserin von der Autorin Kennel mitgenommen auf eine verwirrende Reise in das fremde Land der lyrischen Sprache. Und wird, so sie sich darauf einlässt, hineingezogen in die Zwischenräume von Sehen, Erleben, Fühlen und Nach-Denken. Entdeckbar nur in der Stille des Geschehen-Lassens. Ohne Wertung, wie absichtslos beobachtend, nicht moralisierend und doch voller poetischer Moral.

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wer lacht, auch wenn es zum heulen ist, gewinnt…

2. Juli 2013 um 23:55 Uhr

Hanna Scotti: www.schicksal.komm – Lyrikdebüt
rezensiert von Sylvia Tornau

Mit www.schicksal.komm legt die Bremer Autorin und Clownin Hanna Scotti ein Lyrikdebüt vor, in dem sie dem Leben tief in den Rachen schaut und sich vor Nichts und keinem Thema zu fürchten scheint. Da schreibt eine, die sich hineinwagt ins pralle Leben, welches nicht nur Sonne und Jugend und Liebe bereithält, sondern auch seine Schattenseiten ganz selbstverständlich über uns ausbreitet. Da schreibt eine, die furchtlos und mit schnellem Griffel die Themen Alter und Tod skizziert, mal skuril, mal nachdenklich, mal lachend, immer aber mit Würde und dem Leben genau ins Antlitz geschaut. Mal schreibt die Autorin ganz poetisch wie in „Neugeboren“ und „Altern“, mal überraschend wahr wie in „Grossmutter Geburt“, mal humorvoll frech wie in „Boxenstopp“. Allen Gedichten zugrunde liegt die Wahrhaftigkeit gelebten Lebens und der Mut zur leichtfüßigen Auseinandersetzung, auch mit schweren Themen. So z.B. in „Der Brief“.
Dieses Gedicht beschreibt in drei Strophen zu jeweils vier Zeilen einen sechsundfünfzig Jahre währenden Mutter-Tochter-Konflikt, der tabuisiert wird mit „Zärtlichkeit und Schweigen“. Es gelingt der  Autorin in wenigen Zeilen, diese gemeinsamen und doch trennenden 56 Jahre zu umreißen und die Schwere des Trennenden in der Versöhnlichkeit gelebten Miteinanders berührend nachvollziehbar zu machen. Dabei verzichtet das Gedicht gänzlich auf einseitiges Verständnisheischen. Das Ergebnis ist ein Text der hoffen lässt, dass sowohl Mutter als auch Tochter das Kämpfen nun endlich sein lassen können und wir Lesenden die eigenen Konflikte vielleicht noch einmal aus anderer Warte betrachten.
Ganz anders in Form und Sprache ist das Gedicht „Georg Kreisler zu Ehren“. In diesem ist die Rede von zwei „alten Tanten“ die offensichtlich mit viel Vergnügen
„tanzen Tango
mitten in der Nacht“.
Bei diesem Gedicht weckt die Autorin den Eindruck, als könne die Leserin das späte Erwachen in der Selbstermächtigung zweier Frauen, hautnah miterleben. Das mephistolische oder wohl eher das kreislerische Vergnügen, welches die Akteurinnen empfinden, dieses tiefe, knurrende Lachen der Lebenslust, welches den Schmerz und die Trauer des angepassten Selbstverzichts in das Dunkel der Nacht verabschiedet, überträgt sich auf die Leserin. Diese hängt während des Lesens grinsend über dem Gedicht und in ihrem Hinterkopf steigt, von weit her, die Melodie der vergifteten Tauben auf. Und ganz plötzlich verliert sich die Angst der Leserin vor dem Altern auf den Seiten eines kleinen Lyrikbändchens.
Danke auch dafür, Hanna Scotti.

Hanna Scotti: www.schicksal.komm; Anton G. Leitner Verlag; 66 Seiten, 12,80 €

Heike Vullriede: Der Tod kann mich nicht überraschen

5. Mai 2013 um 18:05 Uhr

rezensiert von Sylvia Tornau

Der Debütroman von Heike Vullriede widmet sich einem Thema, welches zu gern aus dem alltäglichen Dasein ausgeblendet wird: Es geht um den Prozess des Sterbens. Nur selten kommt der Tod plötzlich und über Nacht und dieser Roman handelt davon, wie ein Sterbender sein Leben ordnet und sich auf sein Gehen vorbereitet. Und er handelt davon, wie wir, die Zuschauer, die Familienmitglieder, Freunde und Arbeitskollegen mit diesem Menschen und dem Prozess des Sterbens, der sich nur allzu häufig mitten unter uns abspielt, umgehen.

Zu Beginn des Romans übt der Protagonist Marvin das Sterben in der Badewanne, indem er die Luft anhält. So einfach könnte es sein, wäre da nicht die Funktionalität des Körpers, er muss einfach atmen, so lange er es kann. Mehr als einmal bereut Marvin den Gang zum Arzt. Eigentlich wollte er durch den Arztbesuch eine ernsthafte Erkrankung ausschließen. Stattdessen wurde ihm mitgeteilt, dass er einen bösartigen Tumor habe. Fünfundvierzig, das ist doch kein Alter zum Sterben denkt Marvin und offensichtlich hat seine Frau Lisa beschlossen, dies ebenfalls zu denken. Jedenfalls scheint sich vorerst an ihrem Zusammenleben nichts geändert zu haben.

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Bettina Bormann: Das Flüstern der Mördermuscheln

25. März 2013 um 18:30 Uhr

rezensiert von Sylvia Tornau

Auf der Website der Autorin und Musikerin Bettina Bormann wird dieses Buch unter dem Label „Rabenschwarze Kurzgeschichten“ angekündigt. Schwarz und glänzend wie Rabenfedern sind sie, diese Geschichten. Und schon durch die Wahl des Titels wird klar, dass es in diesem Buch auch um Mythen geht.
Mördermuscheln werden bis heute die Riesenmuscheln genannt, denen fälschlicherweise nachgesagt wird, dass sie nach Tauchern schnappen. Ein Todesfall aus den 1930ern ist allerdings dokumentiert. Ein vermisster Taucher wurde gefunden, seine Hand eingeklemmt in einer Muschel. In seiner Hand fand man nach der Bergung eine große Perle.

In den Geschichten von Bettina Bormann geht es um die Perlen des Lebens, die wir in uns tragen. Ob groß oder klein, diese Perlen gilt es zu hüten. Nicht immer will jemand sie stehlen, obwohl auch das vorkommen kann. Häufiger ist es so, dass wir sie zu wenig beachten, sie gar verschenken oder wegwerfen. Letzteres geschieht in Bormanns Geschichte „Köhlbrand“, in der zwei Einsame, zwei Gescheiterte sich das Leben nehmen, obwohl in der gemeinsamen Begegnung auf der Brücke die Chance liegt, einen Neuanfang zu wagen. Sie ergreifen diese Chance nicht. Sie springen. Nacheinander.

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Judith Faller: Wachstumsschmerzen. Gedichte

24. März 2013 um 19:24 Uhr

rezensiert von Sylvia Tornau

Der Gedichtband der Schweizer Autorin Judith Faller liest sich wie ein lyrischer Wegweiser durch die inneren Landschaften des zerfaserten Ich auf der Suche nach Wegen zum bewussten Selbst. Die Stationen, an denen das Ich zum Selbst unter Schmerzen wachsen kann, heißen Kindheit, Beziehung, Trennung, Kommunikation. Was sagen wir, wenn wir miteinander ins Gespräch kommen? Plappern wir? Reden wir? Sagen wir etwas? Trauen wir uns das zu sagen, was wir sagen wollen oder verbergen wir den tieferen Sinn hinter oberflächlichen Worten aus Angst vor Blöße, Nacktheit, Verletzbarkeit? Oder sind wir „auswärts daheim“, nur selten bereit zu Kommunikation, die anwesende Gegenüber benötigt? Wie oft verfallen wir in „bedeutungsloses gerede“ und fühlen uns unwohl dabei? Wann hören wir in einer Beziehung auf miteinander zu sprechen?

Judith Faller beobachtet und hält fest. Sie entlässt uns in die Sprachlosigkeit der beschriebenen Situation, wie z.B. im Gedicht „außergewöhnlich“:

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Sylke Tannhäuser: Lakritze. Thüringen Krimi.

4. Dezember 2012 um 21:21 Uhr

rezensiert von Sylvia Tornau

Im Thüringer Wald, nahe am Kyffhäuser findet ein Urlauberpaar eine Frauenleiche. Im Verlauf der Geschichte gerät das Paar unter Verdacht und in Gefahr. Bei einer Leiche bleibt es nicht, es gibt in Sylke Tannhäusers Krimi gleich neun davon. Die einen sind schon länger tot, die anderen werden vor den Augen der LeserInnen ermordet. Trotz der vielen Toten gelingt der Autorin ein ruhiger Erzählstil, ganz so, als würden wir Lesenden ihr auf ein paar Wanderungen durch den geruhsamen Thüringer Wald folgen und hier und da von ihr auf ein paar für Touristen ansonsten unbekannte Aussichtsplattformen geführt. Was gibt es da nicht alles zu entdecken, außer Leichen natürlich, auch einen Einblick in das Leben der Thüringer abseits von Großstadt mit Lärm und Stress. Diese Jeder-kennt-Jeden-Mentalität die einerseits für Städter so schwer aushaltbar ist, die andererseits für das Leben auf dem Land unverzichtbar ist. Man interessiert sich eben füreinander, manchmal vielleicht ein wenig mehr als gut und notwendig ist.

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Rabenzeit.

4. Oktober 2012 um 17:15 Uhr

Eine Erzählung von Anne Galle
rezensiert von Sylvia Tornau

Anne Galles Erzählung beschäftigt sich mit den Auswirkungen des Krieges und der, teilweise noch bis in die 60er Jahre praktizierten, schwarzen Pädagogik auf das Individuum. Es gelingt ihr, anhand der in der Erzählung gewählten Familienstruktur, unterschiedliche Bewältigungsstrukturen verstehbar und für die Leserin nachvollziehbar zu machen.

Beginnend mit der Beerdigung des Vaters begleiten wir Elga, die Protagonistin der Erzählung, auf einer Reise der Befreiung auf unterschiedlichen Ebenen.  Befreiung von familiären Zwängen, Befreiung vom Funktionieren müssen, Befreiung vom Korsett der gehorsamen Tochter respektive Ehefrau. Wir begleiten Elga zur Beerdigung des Vaters, begegnen dort der unterkühlten Mutter und den Geschwistern Paul – Elgas vertrautestem Bruder – Erich und Dieter.  Alle warten auf den jüngsten Bruder Artur. Doch Artur bricht brieflich mit der Mutter, mit der Familie. Elga versteht den Bruch mit der Mutter.  Eine Kriegskindheit lang litten sie und ihre Geschwister unter dem selbstgerechten, jähzornigen Vater und der schweigenden Mutter, die sich scheinbar gottesfürchtig auf die Seite ihres Ehemannes stellte und mit diesem gemeinsam die Kinder erniedrigte.

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Nele. Fantasy Roman

um 15:15 Uhr

von Sigrid Lenz
rezensiert von Sylvia Tornau

In ihrem 2011 im AAVAA Verlag erschienenem Fantasyroman „Nele“ nimmt die Autorin Sigrid Lenz die LeserInnen mit in eine Welt, die der unseren gleicht und die doch eine vollkommen andere ist. Eine Welt, in der intelligente aber vom Alltag gelangweilte Schulmädchen Dämonen, gefallenen Engeln und Vampiren begegnen. Eine Welt, in der Adoptiveltern dem Satanskult frönen. In der Luzifer, der zwar ebenfalls adoptierte, aber durch das gemeinsame Aufwachsen trotzdem nahe Bruder ist, für oder gegen den sich die Protagonistin Nele im letztendlichen Kampf zwischen Gut und Böse entscheiden muss. Ein Kampf, in dem es nicht um Sieg oder Niederlage sondern um die Wiederherstellung und Erhalt des Gleichgewichtes geht. Aber das wissen die Kämpfenden nicht.

Die Geschichte beginnt, als Nele, die Heldin der Geschichte, wieder einmal auf der Flucht vor der Tristesse ihres Teenagerlebens, durch die umliegenden Felder streunt. Plötzlich fällt ein Junge vom Himmel. Nackt und mit Gedächtnisverlust. Nele nennt ihn Malik und schleust ihn zu Hause ein. Langsam und immer entlang an Neles Zweifeln – er kann nicht einfach vom Himmel gefallen sein, bestimmt ist er weggelaufen, auf der Flucht etc. – führt uns die Autorin von unserer gewohnten Weltwahrnehmung hinüber auf die andere Seite.

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Von einer die auszog, das Leben zu lernen

2. Juni 2012 um 17:53 Uhr

Brigitte Seidel „Binweben – Tastsinn einer Kindfrau“
Rezensiert von Sylvia Tornau

Diese 91 Seiten kurze Erzählung von Brigitte Seidel ist auf den ersten Blick ein leichtes Buch, sowohl vom Umfang als auch von der einladenden optischen Gestaltung. Doch das Optische täuscht. Inhaltlich bewegt sich dieses Buch auf dem schmalen Grat Leben zwischen menschlichen Tragödien. Absturzgefährdet liest man sich an den Abgründen des Daseins entlang, die da heißen: Verlassen werden, Tod und Selbst(er)findung. Vor diesen Abgründen stehen wir alle früher oder später, mehr oder weniger häufig. Für uns alle geht es in diesen Situationen darum, das eigene Gleichgewicht zu halten. Nicht in den Abgrund zu stürzen, sondern auf dem schmalen Grat den eigenen Weg auszubalancieren.

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