Wie ein Text von Hilde Domin meinen Abend rettete

13. Mai 2018 um 18:25 Uhr

Wie sehr hat sich doch das Verhalten der Menschen geändert. Was früher – auch nicht schön – vielleicht in privaten Räumen von sich gegeben wurde, wird heute als Selbstverständlichkeit angesehen, als das Recht der Rechtschaffenen, der Ordnungsliebenden, der Wächter einer vielleicht mehrheitsgültigen Moral. Alles was gedacht wird, darf heute auch geäußert werden. Achtlos, verachtend, mit dem guten Gefühl des Rechthabens.

Gestern ging ich spazieren. Überholte ein älteres Ehepaar, welches vor einem Haus mit neuer Fassade stehenblieb. An der Fassade Graffiti, auch in meinen Augen nicht mehr als sinnlose Schmiererei. Ärgerlich, lästig, nichtssagend. Hat wohl einer geübt. Aus dem Mund der zarten alten Dame, die dann wohl doch keine Dame ist, zischelten die Worte „Die Schweine, die sollte man erschießen“. Ich war vollkommen konsterniert. Wollte nicht glauben, was ich da gehört hatte und doch hallten die Worte durch meinen Kopf. Das letzte Mal, dass ich aus dem Mund eines Menschen die Worte vernahm, man solle einen anderen erschießen, war in meinem 10. oder 13. Lebensjahr. Mein Vater sah die Nachrichten und die Menschen, die er erschossen sehen wollte, waren die RAF-Terroristen und das „ganze linke Gesindel“. Das fand ich schon als Kind befremdlich, das ein Mensch einem anderen das Leben nehmen wollte, wenn auch, wie ich heute weiß, mangels Macht und Möglichkeiten vorerst nur symbolisch, mit Worten. Wohl hoffend, dass es irgendwo irgend wen geben möge, der diese Worte in die Tat umsetzt. In meiner Empörung fiel mir keine andere Entgegnung ein als „Na dann hoffen Sie mal, dass das nicht ihr Enkel war“.  Aus dem Kopf gegangen ist mir diese Begegnung den ganzen Abend nicht und auflösen konnte ich die Beklommenheit in mir erst, als ich folgenden Text von Hilde Domin las, den ich in mehr als einer Hinsicht sehr aktuell und zeitgemäß finde.

10 erprobte Mittel zur Verhinderung
des Fortschritts und zur Förderung eines
Unmenschen-Nachwuchses
(plus ein Gegenmittel als Zugabe)

1 Haupt-, Herz- und Magenmittel zur Bekömmlichmachung der Mittel: Man lasse sie sich vom jeweiligen Zweck heiligen. (Wie das Volk sagt: Ende gut, alles gut. Wir sind geschickter als die Väter waren.)

2 Mittel zur Förderung von Unmenschlichkeit: Man pachte das Gute, exklusiv. Dadurch wird man ein Teil jener Kraft, die stets das Gute will und doch das Böse schafft.

3 Mittel, sich und andere zu Mitläufern zu erziehen: Man halte sich informiert, wem das Brot zu buttern und wem es zu versalzen ist. Vorsicht, Solidarität kann das schönste Mitläufertum kaputtmachen.

4 Mittel, zum Faschismus zu erziehen: Man wähle die geeignete Kontrastperson (-personengruppe). Man stürze sich auf sie, 100 gegen 1. Es sind keine Menschen wie du und ich, es sind >Schädlinge<, gesprächsunwürdig. Scheiße ist (der zweitbeste) Kitt für faschistische Gruppen.

5 Mittel, zur Lauheit zu erziehen: Man tue alles >ein bißchen<. Man freue sich ein bißchen, schäme sich ein bißchen. Aber man benutze nie den Wahlzettel, auch nicht ein bißchen.

6 Mittel, das letzte bißchen Zivilcourage zu verlernen: überflüssig, gekonnt.

7 Mittel, das eigene Denken abzugewöhnen: Man halte sich nie an Fakten, immer an die Klischees.

8 Mittel zur Einführung des leisen Terrors: Siehe oben, unter 3.

9 Mittel zur Einführung des lauten Terrors: Siehe oben, unter 4.

10 Mittel für Journalisten und Redakteure, den demokratischen Standard senken zu helfen: Half the news that is fit to print.

11 Als Draufgabe, gratis: Mittel, sich selbst die Karriere zu versauen: Sei unbequem, zuallererst zu dir selbst. Schade dir, indem du nicht in Schritt und Tritt gehst, indem du hinsiehst, statt wegzusehen; indem du aufstehst und protestierst, wo alle sitzen bleiben (die unter 2, 3, 5, 6, 7), als hätten sie einen Theaterplatz unter dem Hintern; indem du entscheidest von Fall zu Fall und sogar erst nach Kenntnis des Falles. Damit schadest du dir enorm.

Hier schlägt der Schaden für den Einzelnen in den Nutzen für die Gesellschaft um. Bei den Punkten 1-10 findet das Umgekehrte statt.
Das ist die Dialektik vom Schaden und Nutzen.

Hilde Domin: Von der Natur nicht vorgesehen. Autobiographisches. Fischer Taschenbuch Verlag, 11.-12. Tausend: Dezember 2009, Seite 151-152

Sylvia Plath

22. August 2017 um 00:08 Uhr

„Was ich am meisten fürchte,

ist der Tod der Phantasie.“

Ich bin gerade im Bereich der Phantasie wieder einmal schwer krank, arbeite hart an Stunden genussvoller Langeweile und hoffe somit auf erneute Genesung.

Wem gehören die Kinder?

21. Januar 2017 um 19:52 Uhr

„Eure Kinder sind nicht eure Kinder.

Sie sind Söhne und Töchter der Sehnsucht des Lebens nach sich selbst.

Sie kommen durch euch, aber nicht von euch.

Und wenn sie auch mit euch sind, so sind sie dennoch nicht euer Besitz.

Ihr dürft ihnen eure Liebe schenken, aber nicht eure Gedanken, 

Denn sie haben eigene Gedanken. 

Ihr dürft ihren Körpern ein Zuhause geben, aber nicht ihren Seelen, 

Denn ihre Seelen wohnen im Haus der Zukunft 

Und das könnt ihr nicht betreten, nicht einmal in euren Träumen.

Ihr dürft bestrebt sein, ihnen zu gleichen, 

aber versucht nicht, sie euch gleich zu machen. 

Denn das Leben schreitet nicht rückwärts 

Noch verweilt es im Gestern.“ 

(aus Khalil Gibrans Buch Der Prophet, das 1933 auf schwedisch erschien) Gefunden in „Astrid Lindgren. Ihr Leben. von Jens Andersen S.123/124.

Stefanie Jerz: Gänseblümchen

19. November 2015 um 14:02 Uhr


sie liebt mich
er liebt mich nicht
du liebst ich
mich liebst du nicht
lieb du mich
nein besser nicht
wie lieb ich
und wieder nicht
verlieb dich
nur nicht in mich
erst lieb dich
und dann auch mich

Aus: Stefanie Jerz – Worte; Andreas Krämer – Bilder. Guter Tag, du hast mich geschafft. Ein Gutenachtbuch für Erwachsene.
Geest-Verlag, 98.S., 14,80 €

Thomas Buergenthal: Ein Glückskind

30. Oktober 2015 um 03:08 Uhr

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Ein berührendes,  ein trauriges, ein Mutbuch. Die Geschichte eines kleinen Jungen,  der Arbeitslager, Auschwitz, Todesmarsch und Sachsenhausen überlebte und der ein großer Menschenrechtler wurde. Dieses Buch endet mit Worten,  die sich fast wie ein Appell an uns lesen, angesichts der mitmenschlichen Krise, in der wir Europäer uns befinden:
„Vor langer Zeit schon kam ich zu dem Schluss, dass der Weg zu einer Welt, in der Menschen in Frieden und Würde zusammenleben können, lang ist und man dennoch Schritt für Schritt darauf hinarbeiten muss, ohne durch die Fehlschläge als Zyniker zu enden. Die Tatsache, dass wir in den letzten Jahrzehnten das Ende der Apartheid in Südafrika erleben konnten, den Zusammenbruch der Sowjetunion und den Sturz so vieler unterdrückerischer Regimes, besonders in Lateinamerika, half mir, eben nicht dem Zynismus zu verfallen, den ich für einen starken Feind des Fortschritts auf dem Gebiet der Menschenrechte halte. Wir können einfach nicht aufhören mit dem Versuch, eine Welt zu schaffen, die sich auf Recht und Gerechtigkeit gründet, ganz gleich, wie langsam wir dabei vorankommen.“

Antwort auf eine Frage

7. November 2014 um 03:43 Uhr

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Im Arbeitstagebuch ‚Mein Manifest‘ von Veit Lindau begegnete mir heute diese Frage: ‚Wie würdest du dich selbst Gott vorstellen?“
Meine Antwort: Hallo Gott, ich bin Sylvia, eine von denen, die du vergessen hast. Danke dafür, denn so musste ich lernen an mich selbst zu denken. Gehen wir jetzt zusammen was trinken oder willst du für ewig da oben auf deinem Thron hocken und dir einreden (lassen) du hättest den Überblick?

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Veit Lindau: Liebe Radikal

3. November 2014 um 02:07 Uhr

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Ein alter Indianer saß mit seinem Enkelsohn am Lagerfeuer. Es war schon dunkel geworden und das Feuer knackte, während die Flammen in den Himmel züngelten. Der Alte sagte nach einer Weile des Schweigens: „Weißt du, wie ich mich manchmal fühle? Es ist, als ob da zwei Wölfe in meinem Herzen miteinander kämpfen würden. Einer der beiden ist rachsüchtig, aggressiv und grausam. Der andere hingegen ist liebevoll, sanft und mitfühlend.“
„Welcher der beiden wird den Kampf um dein Herz gewinnen?“ fragte der Junge.
„Der Wolf, den ich füttere“, antwortete der Alte.

Verfasser Unbekannt

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Max Frisch: Aus dem Berliner Journal

19. Oktober 2014 um 01:34 Uhr

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„Hat man schon zwei Hunde gesehen, die sich treffen, um sich über einen dritten Hund zu unterhalten, weil sie sich nicht für einander interessieren?
S. 58

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Rainer Maria Rilke: Über die Geduld

11. Juli 2014 um 18:49 Uhr

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Man muss den Dingen
die eigene, stille
ungestörte Entwicklung lassen,
die tief von innen kommt
und durch nichts gedrängt
oder beschleunigt werden kann,
alles ist austragen – und
dann gebären…

Reifen wie der Baum,
der seine Säfte nicht drängt
und getrost in den Stürmen des Frühlings steht,
ohne Angst,
dass dahinter kein Sommer
kommen könnte.

Er kommt doch!

Aber er kommt nur zu den Geduldigen,
die da sind, als ob die Ewigkeit
vor ihnen läge,
so sorglos, still und weit…

Man muss Geduld haben

Mit dem Ungelösten im Herzen,
und versuchen, die Fragen selber lieb zu haben,
wie verschlossene Stuben,
und wie Bücher, die in einer sehr fremden Sprache
geschrieben sind.

Es handelt sich darum, alles zu leben.
Wenn man die Fragen lebt, lebt man vielleicht allmählich,
ohne es zu merken,
eines fremden Tages
in die Antworten hinein.

Orientierung

15. Mai 2014 um 20:11 Uhr

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… „Ja, manchmal ist das Leben richtig scheiße“, sagt sie. „Aber weißt du, woran ich mich festhalte?“
Ich ziehe die Augenbrauen hoch.
Sie macht es mir nach.
„An den Augenblicken, die nicht so sind“, sagt sie. „Man muss nur rechtzeitig merken, wenn es soweit ist.“ …
Aus: Veronica Roth: „Die Bestimmung – Letzte Entscheidung“ (Band 3)