Ästhetische Bildung – Einführung

Der Begriff ästhetische Bildung stammt ursprünglich von Friedrich Schiller, der ihn 1975 in seinen Briefen an seinen Freund Körner -über die ästhetische Erziehung des Menschen- einführte.
23. Brief: Ästhetische Erziehung ist die Voraussetzung, um „den sinnlichen Menschen vernünftig zu machen“. Der Charakter des Menschen wird soweit „veredelt“, dass sich die Vernunft und damit die Freiheit von alleine entwickelt. Ist dies geschehen, ist Harmonie und das Wohl der Allgemeinheit der „edeln Seele“ ein Bedürfnis statt „Pflicht“ und Ausdruck ihrer „Würde“.Die Aufgabe der ästhetischen Erziehung bei Schiller lässt sich im Wesentlichen auf zwei Merkmale reduzieren:

  • Kunst bzw. ästhetische Erziehung als Erfahrung von persönlichem Glück, das dem Menschen im ästhetischen Spiel widerfährt und
  • Kunst bzw. ästhetische Erziehung als gesellschaftsveränderndes Moment, das über die Sensibilisierung des Menschen und die Veredelung seines Charakters geschieht.

Diese politische Utopie soll im“ästhetischen“ Staat Ausdruck finden, in der humanistische Ideale gelebt werden. Friedrich Schiller, 1975 in Brief 23, an seinen Freund Körner -ßber die ästhetische Erziehung des Menschen-

Schiller unterscheidet das Idealschöne, das dem Realschönen, der Schönheit der Erfahrung gegenübersteht. Das Realschöne unterteilt Schiller wiederum in „schmelzende“ und „energische“ Schönheit, die unterschiedliche Aufgaben besitzen. Die „schmelzende“ Schönheit, die Schönheit im engeren Sinn, soll die beiden Grundtriebe des Menschen „Sinnlichkeit“ und „Vernunft“ vereinen, während die „energische“ Schönheit, das Erhabene, diese jeweils stabilisieren soll, wobei beide wechselseitig wirken müssen, damit weder einerseits „Verweichlichung“ noch andererseits „Härte“ entsteht, sondern beides ausgewogen ist (16. Brief).

ßsthetische Bildung – und abgeleitete Begriffe

ßsthetische Bildung

  • ist abgeleitet vom griechischen Stammwort Aisthesis  Wahrnehmung, Gefühl, Geschmack,  Erkenntnis und stammt ursprünglich aus der Kunstphilosophie
  • ist ein Begriff aus der Pädagogik, er bezeichnet eine ganzheitlich-pädagogische Praxis, die darauf ausgerichtet ist, mit einem (behinderten) Menschen in Beziehung zu treten und mit Hilfe von ästhetischen Materialien und Prozessen zur Selbstverwirklichung in sozialer Hinsicht zu befähigen
  • steht dem rein kognitiven oder nur lebenspraktischen Bildungsangebot gegenüber. Besonders auch bei der Arbeit mit Menschen mit einer kognitiven Behinderung ist dies aus zwei Gründen bedeutsam: Erstens unter entwicklungsfördernden und therapeutischen Aspekten, die psychologischen Zwecken dienen; Zweitens als Kunstpädagogik unter kulturstiftenden und künstlerischen Aspekten.

Es gibt zahlreiche ästhetische Arbeitsformen und Aktivitäten: bildnerisches oder plastisches Gestalten, Werken, Spielaktionen, Theaterarbeit, Videoprojekt u.a. Querverbindungen bestehen zu musischen Fächern wie Musik, Tanz, Leibeserziehung oder Literatur.

-ßsthetische Bildung umfasst alle Formen der Bildung durch kulturelle Aktivitäten und Darstellungsformen, Kenntnisse von Kunst und Kultur, Ausdifferenzierung von Wahrnehmungsformen und Geschmacksbildungen, die Befähigung zu Spiel und Geselligkeit, zur ästhetischen Urteilskraft, Imagination und Kritik, die Erschließung von (neuen) Ausdrucksformen und Handlungsperspektiven und die Reflexion künstlerischer und kultureller Prozesse und Resultate-, erklärt Prof. Liebau.
Quelle: https://www.uni-erlangen.de/infocenter/presse/pressemitteilungen/nachrichten_2005/07_05/4264aesthetische_bildung.shtml

ßsthetik
ästhetisch in der Alltagssprache = Synonym für -schön, geschmackvoll, ansprechend-
in der Wissenschaft = Ausdruck für die gesamte Kategorie von Eigenschaften, die darüber entscheiden, wie wir Objekte wahrnehmen, auch und insbesondere, ob wir sie als schön oder hässlich empfinden

Alltagskultur
-    bezeichnet Gebräuche, Gewohnheiten und Gegenstände des Alltags
-    Umgangssprachlich: Alltagskultur =  Massenkultur
-    kann schlicht und einfach die Besetzung profaner Arbeits- und Kommunikationsvorgänge mit Sinn und Bedeutung, mit Formen und Stilen, mit Genuß und Lust sein

Eine zeitgenössische Alltagskultur ist die Popkultur. Mit dem Wachsen der Definitionsmacht der Popkultur wurde die Dichotomie „Alltagskultur | Hochkultur“ auch in der öffentlichen Meinung in Frage gestellt.
Unterschied in der vergleichenden Volkskunde des 19. Jahrhunderts zwischen

  • Gegenständen, an denen sich die Kultur des Alltags studieren ließ: Kleidung, Schmuck, Werkzeuge, Kriegs- und Jagdgeräte, Fahrzeuge, Landkarten, Wohnungen und Hausgeräte und
  • Objekten, die die Hochkultur der Feiertage repräsentierten: z.B. Gegenstände der Totenkulte und der religiösen Riten, Denkmäler, Musikinstrumente, Ornamente und Kunstwerke.

Heute bestimmen nicht mehr Objekte, sondern Handlungen die Topolgie der Alltagskultur, z.B.:

  • Frühstücken
  • zur Arbeit fahren, am Arbeitsplatz Kaffee (Bier) trinken, mit Kolleginnen und Kollegen klatschen, Kantinen benutzen, Güter produzieren oder Dienstleistungen verrichten
  • Kinder zum Kindergarten bringen
  • Tiefkühlkost auftauen, die Waschmaschine bedienen, den Staubsauger betätigen, fernsehen,  telefonieren
  • das Automobil reparieren
  • Urlaubsprospekte lesen, Karten spielen, Steuererklärungen abfassen
  • zum Friseur gehen, den Zahnarzt besuchen, in Lokale gehen
  • Hunde halten
  • mit Partnern und Partnerinnen (auch sexuell) kommunizieren
  • Deosprays, Illustrierte, Video-Recorder, Bankomat-Karten, Personalcomputer oder Sportgeräte konsumieren

Wer den Begriff der Alltagskultur verwendet, will damit in der Regel andeuten, dass sich Kultur nicht nur am Feiertag ereignet, sondern auch in den wiederkehrenden routinierten Handlungsvollzügen, die die enge Welt des profanen, instrumentellen Handelns bilden. Im Begriff der Alltagskultur war die Aufwertung einer Sphäre intendiert, in der sich, nach Ansicht von Novalis, Friedrich Engels, Ernst Bloch und vielen anderen, bornierte -Philister“ und -Spießbürger“ tummeln. In Wahrheit stelle der Bereich des Trivialen und der Langeweile jedoch Rahmenbedingungen gesellschaftlichen Daseins bereit, auf die wir nicht verzichten können, nämlich Entlastung, Sicherheit und stabile Kommunikationsstrukturen. Das kulturelle Potential des Alltags wurde entdeckt. Das war in den sechziger Jahren.

https://www.uni-weimar.de/campus99/c99-html/Alltag/E2Alltag.html Beispiel für die Alltagskultur der 50er Jahre: Puppenhäuser – ein Spiegel ihrer Zeit

Schon seit jeher stellt der Mikrokosmos der Puppenstubenwelt ein Spiegelbild der jeweiligen zeittypischen Wohnkultur dar und besitzt eine hohe Aussagekraft bezüglich des Alltagslebens der Menschen. Wie ähnlich die Produkte der Spielzeughersteller ihren realen Vorbildern sind, dokumentieren die Fotos auf „Gärtner Pötschkes Siedlerbuch“ und dem Prospekt einer Bausparkasse im direkten Vergleich mit ihren spielgerechten Abbildern. https://www.puppenhausmuseum.de/

Popkultur (engl. pop-culture von »popular« volksnah und »pop« Knall)

  • kunstphilosophische Strömung, die sich in den 50er Jahren in England und Amerika als Gegenbewegung zur »Hochkultur« elitärer Kreise und sog. gebildeter sozialer Schichten entwickelte. Man propagierte den kulturellen Wert alltäglicher Lebensabläufe und profaner Gebrauchsgegenstände und wandte sich entschieden den bis dahin eher verachteten Massenunterhaltungsbereichen zu, wie Film, Werbung
  • verkörpert nicht bloß eine kulturelle Sparte unter vielen, sondern kennzeichnet eine gesamtgesellschaftliche Entwicklung westlicher Werte- und Moralvorstellungen, welche nahezu alle kulturellen Sparten unter sich eint
  • nahm ihren Ursprung in den Anfängen der Industrialisierung und den damit einhergehenden strukturellen Veränderungen
  • ist eine Zusammenziehung des Ausdrucks „populäre Kultur“ und taucht oftmals in seiner Abkürzung -Pop- auf
  • wird oftmals mit dem Begriff Mainstream und Massenkultur gleichgesetzt
  • meint auch Independent-Kultur (B-Movie, Underground-Musik, unkommerzielle Fotografie)
  • subsumiert heute alles, was dem Umkreis der Massenmedien angehört
  • Höhepunkt des Pop = »Pop-Art«
  • angestrebte Verwischung der Grenzen zwischen Kunst und Leben durch die Nähe zu Technik und Massenmedien
  • realistische Darstellungen alltäglicher Gegenstände und populärer Figuren in serienmäßig, knallbunter Ausführung (Suppendosen, Cola-Flaschen, Handwaschbecken, Comic-Helden, Marilyn Monroe und Che Guevara; Straßengeräusch als Musik, »Happenings« als Kunst)

Wahrnehmung ist

  • Reizaufnahme mit den Sinneszellen
  • deren Verschlüsselung (Kodierung)
  • Weiterleitung in den Nervenbahnen und
  • Entschlüsselung im Gehirn.

Ziel dieses Vorganges ist es, aus den Reizen Informationen abzuleiten, um etwas zu erkennen.  Man definiert Wahrnehmung deshalb auch als sinnstiftende Reizverarbeitung. Durch sie können Informationen über die Umwelt gewonnen werden. Wahrnehmungsleistungen sind erfahrungs- und lernabhängig. Dies gilt sowohl für die Auswahl bestimmter Reize aus der Fülle des Dargebotenen als auch für deren Deutung. Die Auswahl erfolgt als aktiver Prozess zur gezielten Gestaltung einer Handlung. Die Selektion ist besonders dann notwendig, wenn die Reizkonstellation sehr ähnlich ist, z.B. wenn mehrere Menschen zur selben Zeit auf eine Person einreden, oder wenn man an mehreren Stellen gleichzeitig berührt wird. Zuhören und das gleichzeitige Erkennen einfacher Berührungen können dagegen parallel verarbeitet werden. Um möglichst viele und verschiedene Informationen zu erhalten, stehen dem Körper mindestens dreizehn Zugangsweisen zur Verfügung, die jeweils bestimmte Reizmuster transportieren können: Sehen, Hören, Riechen, Schmecken, Tasten und Berühren, Vibrations-, Druck- und Schmerzempfinden, Temperatur-, Stellungs-, Bewegungs-, Kraft- und Gleichgewichtssinn. Voraussetzung für Wahrnehmung ist, dass die Sinneszellen angemessen und ausreichend »gereizt« werden.

Selbstverwirklichung

  • meint in der Alltagssprache die möglichst weitgehende Realisierung der eigenen Ziele, Sehnsüchte und Wünsche mit dem übergeordneten Ziel, „das eigene Wesen völlig zur Entfaltung zu bringen“ (Oscar Wilde), sowie – damit verbunden – die möglichst umfassende Ausschöpfung der individuell gegebenen Möglichkeiten und Talente
  • wird in Philosophie, Religion und Wissenschaft nicht eindeutig definiert. Es gibt viele Auffassungen, was Selbstverwirklichung ausmacht. Sie ergeben sich aus dem Menschenbild, das zugrunde gelegt oder entwickelt wird, und der daraus entwickelten Theorie oder Lehre vom Selbst oder dem Selbstkonzept.
  • Setzt in den meisten Theorien Individualismus voraus, wobei aber die Selbstverwirklichung letztlich nur gemeinsam mit anderen Menschen gelingt, insofern der Mensch ein soziales Wesen ist und eine soziale Identität hat, die der Bestätigung und Anerkennung durch die Mitmenschen bedarf.

2 Beispiele wissenschaftlicher Sichtweisen:
In der Psychologie hat Abraham Maslow den Begriff prominent gemacht. Innerhalb einer Hierarchie der Bedürfnisse setzte er ihn an die oberste Stelle bzw. die letzte Stelle in der Reihung Körper/Sicherheit/Liebe/Anerkennung/Selbstverwirklichung.
Nach Marx sollte die Selbstverwirklichung vor allem durch die menschliche Arbeit geschehen. Er unterschied dabei die Selbstverwirklichung als Gattung in der Natur und die Selbstverwirklichung als Individuum in der Gesellschaft.

Wer sich mit ßsthetischer Bildung auseinandersetzt, muss sich auch mit den Begriffen der Kunstpädagogik und der visuellen Kommunikation vertraut machen.
Kunstpädagogik ist die Bezeichnung für ein Studienfach an deutschen Hochschulen. Einerseits sind die Herstellungsprozesse, die künstlerische Praxis das Thema des Faches Kunstpädagogik, andererseits ist es die Reflexion über die Werke. Aus diesen beiden Spannungsfeldern der Produktion(des Handelns als Bilden) und der Reflexion (des Betrachtens des Gebildes) ergeben sich die komplexen Bedingungen des Fachstudiums und der späteren beruflichen Tätigkeit.
Visuelle Kommunikation ist ein Begriff, der seit dem Ende der sechziger Jahre Verwendung findet:

  • in der Kunstpädagogik für den Bereich der bildenden Kunst, durch die Einbeziehung der Bildwelten der Popkultur und Alltagskultur
  • durch die Architektur und
  • die Urbanistik
  • im heutigen Sinne: Bildwelten der Werbung; daher wird der Begriff oft synonym zum Kommunikationsdesign gebraucht.

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Der Beitrag wurde am 21. April 2009 um 21:40 veröffentlicht und wurde in der Kategorie Arbeitsfelder gespeichert. Du kannst Kommentare zu diesem Eintrag durch den RSS 2.0 Feed verfolgen. Du kannst einen Kommentar schreiben, oder einen TrackBack auf deiner Seite einrichten.