Plötzlich Oma

Nach einer Woche Pilgern auf dem Jacobsweg, Santiago de Compostela hatten wir verlassen, um am Kap Finisterre – übersetzt ‚am Ende der Erde‘, in der Realität am Ende des Pilgerweges – noch zwei erholsame Tage am Meer zu erleben. Abends wollten wir uns den Sonnenuntergang vom Kap aus ansehen und unsere Reise mit einem Sekt beenden. Der Nachmittag war jung und so war zum Kap vorgelaufen, um mich zu sonnen und ein Foto vom Kilometerstein 0 zu schießen. Das Café am Rand der Klippe lockte mit Windschatten und süßen Düften. Ich hatte mir gerade einen Kaffee bestellt, als mein Handy vibrierte. Eine Nachricht von meiner Tochter. Kein Text, nur ein Foto. Das erste Ultraschallbild meines werdenden Enkelkindes. So saß ich am Kap Finisterre, das Gesicht in der Sonne und heulte hemmungslos vor Freude. Am Ende der Erde, eröffnete sich meinem Leben einen neue Perspektive.
Natürlich spielte ich in den vergangenen Jahren mit dem Gedanken, was wäre wenn. In meinen Vierzigern fühlte ich mich zu jung und als ich mich der Fünfzig näherte haderten Tochter und Freund damit, ob es nicht verantwortungslos wäre, in diese Welt überhaupt Kinder zu setzen. Ich konnte dies gut nachvollziehen (kann es noch immer, aber das wäre ein anderer Text), auch ich haderte vor 30 Jahren mit diesem Gedanken, so lange, bis sich das Leben in Gestalt meiner Tochter seinen Weg suchte. So auch jetzt, in Gestalt meiner Enkeltochter.

Als junge Frau wollte ich nicht Mutter werden und später nicht Oma sein. Warum aber wollte ich in meinen 40er Jahren noch nicht Oma sein? Weil Oma gleichbedeutend ist mit alt? Was bedeutet alt sein? Ab wann ist frau alt? Vor allem in meinen jungen Jahren, während der Pubertät bis Mitte der Dreißiger steigerte sich meine Angst vor dem Altwerden. Lag der Grund für diese Angst in der Lebensart der Menschen, die ich damals als alt erlebte? Diese aus Sicht einer Jugendlichen langweiligen, energie- und ereignislosen Leben, diese schleichende Unzufriedenheit, die Nörgelsucht (die Rede ist hier von meinen Eltern und ihrem Umfeld, von meinen Großeltern und-tanten). Dieses Gerede über das Wetter, das Essen, die Urlaubspläne. Der mitunter boshafte Klatsch und Tratsch über Nachbarn, Freundinnen, Arbeitskollegen. In dieser Zeit wuchs ganz sicher meine Angst davor, mich im Alter für nichts mehr zu interessieren, keine ernsthaften und ehrlichen Gespräche mehr zu führen, mich nicht mehr richtig streiten, aber auch nicht mehr freuen zu können. Keine Herausforderungen, keine Abenteuer mehr. Sicher, dieses Erleben war der Grundstein meiner Angst, später kamen andere Steine hinzu. Der Hype, der in unserer Gesellschaft ums Jungsein gemacht wird. Attraktiv sind die jungen, die fitten und schönen Menschen, wahrgenommen werden die junggebliebenen Alten. Die anderen tauchen höchstens noch als Statistik auf. Als Kostenfaktor. Aufgebauscht zur Angstfalle. In der medialen Wahrnehmung bedeutet Alt sein, jemand sein, der die Rentenkassen schmälert und so zur Raupe wird, die jüngeren Generationen alles wegfrisst. Die Alten belasten mit ihren Krankheiten die Budgets der Krankenkassen, wegen ihrer Bedürftigkeit steigt die Pflegeversicherung. Alt sein bedeutet Krankheit, Einsamkeit, Bedeutungslosigkeit. Das Gift dieser jahrzehntelangen Gehirnwäsche wirkt bis heute in mir, wenn auch immer seltener. So viele Jahre schon beschäftige ich mich mit der Frage, wie will ich leben, wenn ich alt bin, wie kann ich leben und all diese hässlichen Prophezeiungen von mir abwenden?

An einem Sommertag, im Jahr nach meinem Vierzigsten Geburtstag, fühlte ich mich im Schaufenster eines Cafés von den Blicken einer Frau verfolgt. Ich nahm das eher unbewusst wahr. Erst als ich mich fragte: ‚Was glotzt die Alte denn so blöd‘, fokussierte ich den Blick und erkannte, dass ich diese ‚Alte‘ bin. Falten, die schleichend unförmiger werdenden Hüften, Wechseljahre mit Hitzewellen und Rückenschmerzen, all das war längst im Anmarsch. Glücklicherweise schockte mich diese Erkenntnis nicht so sehr, denn in ebendieser Zeit, erkannte ich einige sehr positive Veränderungen. Die Beziehungskämpfe, die Sehnsucht nach Anerkennung verloren an Bedeutung. Mit zunehmendem Alter bin ich immer weniger auf positive Rückmeldung von außen angewiesen, ich weiß, was ich kann und will und was ich will, aber aus verschiedenen Gründen nicht kann. Es kratzt nicht mehr am Ego zu erkennen, dass die Welt auf mich als Retterin nicht gewartet hat, dass aber ich die Welt brauche, um ein gutes Leben führen zu können. Ich weiß, dass ich der Karriere, die am Ende nicht so spektakulär ist, wie ich sie zu Beginn des Arbeitslebens erträumte, vieles geopfert habe. Unter anderem viel Zeit, die meiner Tochter mit mir fehlte. Ich arbeitete und arbeite gern, meistens. Inzwischen gestehe ich mir ein, dass es Tage gibt, an denen ich keine Lust habe aufzustehen und anderen Menschen zu begegnen. Meist aber bin ich mit Freude und Energie dabei. Mein Leben fokussiert sich nicht mehr nur am Erfolg im Außen, der Liebe und Anerkennung. Es clustert sich zusammen aus den Bereichen Familie, Freundschaft, Arbeit, Literatur, Fotografie, Wandern und viel Allein-Zeit für mich.
Mit der Omawerdung hat sich der Fokus ein wenig verschoben. Ich bin in der Bedeutung für meine Tochter in die zweite Reihe gerutscht, was uns beide entlastet und gleichzeitig einander näher bringt. Mein Kind ist mein Kind und doch schon lange kein Kind mehr. Jetzt hat dieses Kind, welches kein Kind mehr ist, selbst ein Kind. Das fühlt sich für mich an, wie die Übergabe des Staffelstabes der Verantwortung an meine Tochter. Mit Geburt der Enkeline hat mein inneres System akzeptiert, dass ich jetzt frei bin. Nur noch für mich verantwortlich und dass ich, wenn ich das will, jetzt in die Rolle der Großen Mutter schlüpfen kann. Die Große Mutter, in deren Höhle es hell und sicher ist und warm – das Lagerfeuer ist immer an. Deren Höhle einlädt zum Ausruhen, zum Fragen stellen und Antworten suchen. In deren Höhle reden darf, wer reden will und schlafen, wer des Schlafes bedarf. In der Höhle gibt es für kleine Menschen immer etwas zu entdecken und die Wandmalereien in der Höhle sind Sinnbilder der Liebe zu allem Lebendigen. Ich werde nicht immer in der Höhle sein, denn auch als Große Mutter bin ich noch als Ich in der Welt, mit meiner Arbeit, meinen Beziehungen, Freundschaften, Interessen.

Nein, ich will mit meiner Enkeltochter nicht nachholen, was ich bei meiner Tochter versäumt habe. Ich will für Tochter, Enkeline und Enkelinvater Dasein, wenn immer sie mich brauchen. Aus der Erinnerung weiß ich, wie schwer es ist jung zu sein, Eltern zu sein, sich für eine Karriere oder einfach nur einen Job zu entscheiden, mit dem der Lebensunterhalt einigermaßen bestreitbar ist. Die eigenen und die fremden Ansprüche sind nicht in Balance. Junge Familien haben damit zu kämpfen, junge Frauen anders als junge Männer, aber beide kämpfen. Um einander, darum wer sie sind und sein wollen und dann, von einem Tag auf den anderen plötzlich auch noch darum, wie am besten mit den Bedürfnissen des Neulings, des Babys umzugehen ist. Plötzlich ist für eine ganze Weile das Leben nicht mehr planbar, die Kräfte und Energien werden anders verteilt, andere Prioritäten gesetzt. Ein kräftezehrendes Prozedere, in dem die Gefahr einander zu verlieren groß ist.
Die Höhle der Großen Mutter steht offen, für das Kind, das Paar, die Frau, den Mann. Und wenn sie für Momente den Mut oder die Kraft verlieren und mich rufen, finden sie mich beim Pilze sammeln, in der Galerie bei der Bildbetrachtung oder in meiner Höhle am Feuer hockend.


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Der Beitrag wurde am 10. März 2019 um 12:28 veröffentlicht und wurde in der Kategorie Aktuell, Nachdenken gespeichert. Du kannst Kommentare zu diesem Eintrag durch den RSS 2.0 Feed verfolgen. Du kannst einen Kommentar schreiben, oder einen TrackBack auf deiner Seite einrichten.