Der Kelch

In Gedanken war sie noch bei der mit Siebtklässlern geführten Diskussion über die Existenz oder Nichtexistenz des heiligen Grals. Die Artusritter waren derzeit in Mode, ein neues Computerspiel um die Abenteuer des Helden Parzival beschäftigte ihre Schüler. Später konnte sie sich nicht erinnern, was sie zuerst wahrnahm, diesen einladenden Blick, seinen Zedernholzduft oder seine langgliedrigen Hände, die sich in flüchtiger Bewegung nach ihr auszustrecken schienen. Sie stand da, im Schulflur, errötend und atemlos, sich selbst fremd. Sie, die Unberührbare, Ausgeglichene spürte plötzlich, wie ihre Knie dem Bedürfnis sich setzen zu wollen nachgaben Innerhalb von Sekunden geschah dieser Wechsel in ihr und in ihr war plötzlich eine Wachheit, als wäre sie aus einem langen, traumlos-schweren Schlaf erwacht. Das Leben griff nach ihr in Form dieser fremden Hände und diesmal hatte sie keine Chance, ihm zu entweichen. Zu nah. Sie hatte einen Moment nicht aufgepasst und schon war es da.


Sie hätte den Blick senken und an ihm vorbeigehen können, einen Gruß murmelnd, so wie sie es schon oft getan hatte. Sie senkte ihren Blick nicht, sie verlor sich in seinem. Sie spürte, wenn sie sich jetzt entzog, würde sie nie Antworten auf ihre Fragen erhalten. Fragen sie sich nur nachts im Schlaf stellte, weil sie das Tageslicht scheuten, oder vielleicht auch, weil sie den Mut nicht hatte, diesen Fragen von Angesicht zu Angesicht gegenüber zu stehen. Sie fragte nicht, was er sah, als er sie ansah mit diesem alles verstehenden Blick, der sie auszog und bar aller Maskeraden im Schulflur stehen ließ. Es spielte keine Rolle mehr, ob sein Blick, der anerkannten Wissenschaftlerin in ihr galt, oder der selbstbewussten Frau oder dem zaghaften Mädchen, welches auf einmal so deutliche Spuren in ihrem Körper hinterließ. Dieses Erröten, die Scham, die Schwäche und gleichzeitig die große Gleichgültigkeit: Tief in ihrer Seele verborgen wuchs der sich öffnende Kelch. Am Rande des Eingangs der Höhle in der sie ihn auch vor sich selbst versteckte, spürte sie nichts. Es war egal, was oder wen sein Blick meinte, es war egal, was oder wen ihr Blick meinte. Da standen sich Zwei gegenüber im Korridor einer alten Schule. Hier traf sie das Leben mitten in die mit angelesenem Wissen überfüllte Seele. Unter der schützenden, distanzierenden Kühle hatte sie ihren Kelch versteckt und sein Blick hatte ihren Schutzpanzer mühelos durchtrennt. Sie öffnete sich. Schmerz zog zwischen ihren Schenkeln und brennende Nässe. So fühlt sich Lust an? Ihr Körper handelte, bevor ihr Verstand die Folgen bedenken konnte. Wortlos ergriff sie seine unnachahmlich zarte Hand. Sie verließen die Schule. Sie kannte ihr Ziel. Ein Hotel, drei Straßen vom Schulgebäude entfernt, das Tor zu einem neuen Leben mit neuen Möglichkeiten. Sie durchschritten das Tor und lächelnd stiegen sie gemeinsam die Stufen zu Zimmer drei-fünf-sieben hinauf.
Eine Schülerin hatte ihrer These widersprochen, dass der Gral lediglich ein Synonym für etwas sei, das jeder Mensch in seinem Leben zu suchen und zu finden hatte. Klare und sachlich begründbare ßberzeugungen standen oft genug gegen den Versuch der Lehrerin, ihren Schülern Verstand und Weisheiten mit auf den Weg zu geben. Weisheiten aus zweiter, dritter Hand, von vielen Köpfen durchdacht und nach Jahrhunderten auf Papier gebracht. Wie überdrüssig sie dieser allseits anerkannten papiernen Weisheiten sie war, fühlte sie erst jetzt, als sie mit dem Fremden die Marmorstufen eines Hotels hinaufstieg. Zehn Fußminuten von ihrer Wohnung entfernt, wollte sie ihm, dem Fremden in einem unbeschriebenen Raum begegnen. Einem Raum, der das Leben dessen stummer Zeuge er war, für sich behielt.
Das Knarzen der sich schließenden Tür riss sie aus ihren traumgleichen ßberlegungen. Sie stand im Flur eines Hotelzimmers mit einem Fremden, mit dem sie in genau diesem Augenblick etwas Wesentliches verband. Das Lusttier kroch ihnen abwechselnd über die Haut, schmeichelnd, sanft zubeißend, schmatzend, gierig. Atemlos schlang sie die Arme um seinen Hals, öffnete die Lippen, schmeckte mit jeder Zelle ihres brachliegenden Körpers seine Lust. Warm, feucht und gierig. Er riss die Perlmuttknöpfe von ihrer Bluse, schloss seine behutsamen Hände um ihre alternden Brüste, als seien sie das wundervollste Geschenk des Lebens, er biss in ihre harten Warzen und da geschah es: Zum ersten Mal in ihrem Leben, stieß sie tief aus dem inneren ihres Bauches Atem und sie schrie, und schrie.

Sie kam auf dem Boden liegend zu sich, nackt, seinen Mund auf dem ihren. Seine Hände spielten mit ihren Lippen und erneut tauchte sie ab in den Tiefen ihrer ureigenen Lust. Sie verlor die Scheu vor ihm, vor sich selbst. Sie rieb und zupfte an der warmen Haut ihrer äußeren Lippen, spürte deren Glätte und die zarten Falten. Tauchte ein, zwei Finger tief und der Kreislauf der eigenen Kraft geriet in Bewegung. Sie wölbte sich ihren Fingern entgegen, seinem Blick, seinem saugenden Mund auf ihren Brüsten und gewaltigen Wellen wuschen sie rein von ihrem bisher so lustfernen Leben. Sie floss und bebte und beobachtete aus weiter Ferne den Fremden, der sie aufhob, zur Kommode trug. Im Spiegel sah sie, wie er in sie eindrang, seine lustvollen, selbstvergessenen Bewegungen. Seine Haut roch nach zimtener Lust und sie sah seinen Po sich anspannen in der kreisenden Bewegung die sich fortsetzte in ihr, sich übertrug auf ihren Körper. Zwei neben der Zeit schwingende Körper.
Zum ersten Mal in ihrem Leben wollte sie wissen und sie für dieses Wissen überließ sie sich seiner Führung. Sitzend, stehend, liegend. Den Unterschied zwischen Zunge, Fingern und Zähnen mehr ahnend als wissend. Sie kniete vor ihm und trank wie von einer kostbaren Quelle. Sie setzte sich mit verbundenen Augen auf sein Gesicht, ließ sich die Hände fesseln und sah ihm zu, wie er sich selbst berührte, von den eigenen Händen aller störender Sinne beraubt, brannten sich verloren in der Zeit Lust und Schmerz in sie ein. Sie hatte ihren Lehrer gefunden, hatte den Gral in sich entdeckt.

Später erwachte sie in einem Hotelzimmer. Allein, mit den Zeichnungen die seine Berührungen, sein Samens auf ihrem Körper hinterließen. Sie würde Kleider über diese Spuren legen, die Rechnung bezahlen und sie zu Hause, in ihrem eigenen Bett, nachzeichnen. Mit Kugelschreiber hatte er seine Telefonnummer und seinen Namen auf ihre rechte Brust geschrieben, Verzierung der noch immer reifen und dunkelroten Kirsche.

Sie wusste, sie hatte ihn wieder verloren und würde ihn aufs Neue suchen müssen. Aber das war egal. So lange hatte sie gesucht und jetzt wusste sie, dass es ihn wirklich gab, den heiligen Gral in ihr. Diesen Kelch der sich öffnete, wenn sie sich hingab. Sie wusste jetzt, dass er sich nur so finden ließ: Nicht durch abenteuerliche Suche, sondern durch Hingabe. Wie sollte sie das nur ihren Schülern erklären?

© Sylvia Tornau, 2009


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Der Beitrag wurde am 20. November 2007 um 23:00 veröffentlicht und wurde in der Kategorie Prosa gespeichert. Du kannst Kommentare zu diesem Eintrag durch den RSS 2.0 Feed verfolgen. Du kannst einen Kommentar schreiben, oder einen TrackBack auf deiner Seite einrichten.