Autorin sein oder nicht sein

Nicht erst seit ich Mitglied in der Autorinnenvereinigung e.V. bin, beschäftigen mich folgende Fragen. Ab wann bin ich eine Autorin? Was macht mich zu einer Autorin?
Mein Schreib-leben lang wollte ich so gern eine Autorin sein. Dabei war mir immer klar, eine Frau die vom Schreiben nur träumt, ist vielleicht eine Träumerin, aber keine Autorin. Heißt, Schreiben als Handlung ist die Grundvoraussetzung. Dachte ich immer und so wird die AutorInnenschaft im gängigen Sprachgebrauch auch verstanden. Laut Wikipedia hat sich der Begriff Autor und das Verständnis davon im Lauf der Geschichte immer wieder gewandelt. Im Mittelalter war nur Autor, wer gleichzeitig Autorität besaß. Seit der Sturm-und-Drang-Zeit galt nur als Autor, wer als Genie anerkannt war. Seit den 60er Jahren, mit Roland Barthes: „Der Tod des Autors“ und Michel Foucalts „Was ist ein Autor“ wird dieses Verständnis infrage gestellt.

Ich schreibe viel. Jeden Tag. Ich schreibe Dienstpläne, Therapieberichte, Sachberichte, Beurteilungen, Weiterbildungsskripte, To-do-Listen. Diese Art des Schreibens gilt in Zusammenhang mit der Fragestellung nicht. (Schade eigentlich, denn da komme ich auf ein Wortpensum, vor dem manche hauptberufliche AutorIn vor Neid erblassen würde. In Bezug auf das berufliche Schreiben leide ich nämlich auch nie unter den von AutorInnen so gefürchteten Schreibblockaden).
Näher komme ich dem gemeinten Autorinnendasein hiermit: Ich schreibe häufig private Mails, manchmal Rezensionen, nur noch selten Briefe. Täglich schreibe ich Morgenseiten, meine Fingerübung, um den inneren Kritiker zu verwirren. Mit absichtslosem Schreiben kann der nichts anfangen. Manchmal schreibe ich Tagebuch, manchmal eine Kurzgeschichte, nur selten noch ein Gedicht.
Laut der Online-Enzyklopädie bewege ich mich mit all diesen Texten „Im nicht-öffentlichen Umfeld“ bzw. „Im begrenzt-öffentlichen Umfeld“. Nach dieser Definition jedenfalls bin ich keine Autorin. Meine Texte wurden bisher noch nicht von der Deutschen Nationalbibliothek in Form von Pflichtexemplaren angefordert, außer den Sachbüchern, in denen ich mit einzelnen Texten vertreten bin. Aber das gilt wohl nicht, weil es sich dabei nicht um ein Einzelwerk handelt.
Es trifft auch für mich noch immer nicht das, warum ich mich mit diesen Fragen auseinander setze. Es gehört auch zu meiner Fragestellung, greift aber zu kurz. Beantwortet das bisher Geschriebene doch lediglich die Frage, ab wann ich als Autorin von anderen als solche anerkannt werde. Ab wann mein Schreiben aus der „Hobbyecke“ raus darf und Chancen hat, auch von anderen als Profession angesehen zu werden. Das mit dem „Schreiben als Hobby“ ist sicher eine neumodische Erfindung von KritikerInnen, einen Text, der nicht gefällt, mit diesem Urteil zu verreißen. Oder eine Erfindung von etablierten AutorInnen, ob der Masse an wortverarbeitenden potentiellen KonkurrentInnen.
Nach Lesungen wurde auch ich schon mehrfach gefragt „Wenn Sie als Therapeutin arbeiten, dann ist das Schreiben also Ihr Hobby?“. An Tagen, an denen ich selbst-unsicher bin, weil ich vor Aufregung nicht gut gelesen habe (Ja, auch das Lesen vor Publikum will geübt sein), dann ärgere ich mich über diese Frage und antworte „Nein, das ist mein zweites Standbein“. Das ist zwar gelogen, zumindest in Bezug auf das Monetäre, aber danach ist Ruhe. In Bezug auf Ausgleich, Balance und Sinn würde ich das Schreiben durchaus als zweites Standbein bezeichnen. Bin ich hingegen gut gelaunt, erzähle ich von Franz Kafka. Dieser war ja bekanntermaßen hauptberuflich gebunden und den elterlichen Geschäften verpflichtet, so wie im Übrigen vermutlich die Mehrheit der AutorInnen in Deutschland. War Kafka deswegen ein Hobbyschriftsteller? Überhaupt, sind nicht alle AutorInnen zu Beginn unprofessionell, also ihres Handwerks unsicher? Ist nicht jeder literarische Text in seiner Entstehung erst einmal ein Versuch? Schreiben hauptberufliche AutorInnen die besseren Werke, eben weil sie es hauptberuflich tun? Oder geht es nicht bei allen Texten, egal ob hauptberuflich oder nebenberuflich verfasst, darum, was die AutorInnen schreiben und ob sie damit ein Publikum erreichen? Braucht ein Text zu Lebzeiten der Autorin, des Autors ein Publikum? Ist das vorhandene Publikum ein Kriterium dafür, dass ich eine Autorin bin? Diese Fragen treffen eher den Kern der Intention meiner Eingangsfragen. Warum will ich Autorin sein? Brauche ich für mein Selbstverständnis das Label „Autorin“ um ins Schreiben zu kommen? Oder ist das „Label“ der Lohn für das Schreiben?

Ich habe Schubladen voll mit Anfängen von längeren Texten, Figurenentwicklungen, Ortsbeschreibungen, Plots. Ich beschäftige mich viel mit meinen Projekten. Sammle Ideen, lasse sie mir durch den Kopf gehen, plane, recherchiere. Manchmal recherchiere ich meine Geschichten kaputt. Blockiere mich durch zu viel gesammelte Informationen. Trage so viel Material zusammen, dass der Schreibblockierer in mir aus seiner Höhle kriecht, das fette Grinsen im Gesicht. „Und du willst Autorin sein!“ zischelt er. Hockt sich mit überschlagenen Beinen auf meinen Schreibtisch, steckt sich eine Zigarre ins höhnische Maul und bläst stinkende Kringel auf mein Material. Der Raum, mein Gehirn ist so vernebelt, dass ich alles was ich gesammelt habe, zusammenpacke und verstaue. Kopf lüften und Ordnung schaffen. Dem stinkenden Alten seine Zigarre entreißen, mit einem Lavendelbad seine Besudelung abwaschen.

Viele Jahre schon tobt dieser Kampf zwischen ihm und mir. Auf diese Weise sind viele Projektideen und Planungen in meinen Schubladen verschwunden. Geschrieben, in vorzeigbare Form gebracht, habe ich nur die, die sich in einem Gedicht, einer Kurzgeschichte umsetzen ließen. Mehr Energie, dem Blockierer die Macht über mich zu entziehen, habe ich bisher nicht aufgebracht. Das wird sich in diesem Jahr ändern. Dazu gehört auch, den Alten, der offensichtlich ein Anhänger des Geniekults ist, zum Schweigen zu bringen. Soll er sich doch an dem Teil meiner Selbst abarbeiten, dem es wichtig ist, darüber zu reden, ab wann eine Autorin eine Autorin ist. Ich schreibe vielleicht mal wieder darüber.

Ab sofort definiere ich mich als Schreibende und tue das, was Schreibende tun. Schreiben. Dagegen kann nicht einmal der Stinker etwas sagen.


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Der Beitrag wurde am 9. Februar 2018 um 12:27 veröffentlicht und wurde in der Kategorie Nachdenken gespeichert. Du kannst Kommentare zu diesem Eintrag durch den RSS 2.0 Feed verfolgen. Du kannst einen Kommentar schreiben, oder einen TrackBack auf deiner Seite einrichten.