Odile Kennel „oder wie heißt diese interplanetare Luft“ Gedichte


rezensiert von Sylvia Tornau

Vorab gesagt: Dieser Gedichtband ist eine Überraschung. Sprachlich, Inhaltlich, Optisch.
Das Lyrikdebut der Berliner Autorin Odile Kennel gliedert sich in acht Kapitel, die sich den unterschiedlichen Facetten des Seins im Alltäglichen widmen. Eingeleitet werden viele dieser Gedichte mit einem Zitat, mal ist es eine Gedichtzeile, mal eine Zeile aus einer Zeitung, aber selbst ein Formular der Deutschen Rentenversicherung wird zitiert. Das irritiert auf den ersten Blick. Beim zweiten Blick wird der Zusammenhang mit dem Text hergestellt. Der dritte Blick bringt das Gesicht zum Schmunzeln. Ungewöhnlich auch, dass die Titel unter den Gedichten stehen. Dies irritiert erst einmal, erinnert es doch an die Formgestaltung von Octavio Paz, zumal auch bei den Gedichten von Odile Kennel die letzte Zeile, also der Titel, nicht selten auch die Anfangszeile des nachfolgenden Textes sein könnte. Doch damit des Vergleiches nicht genug, ähnlich wie bei dem großen Lyriker Paz wird die Leserin von der Autorin Kennel mitgenommen auf eine verwirrende Reise in das fremde Land der lyrischen Sprache. Und wird, so sie sich darauf einlässt, hineingezogen in die Zwischenräume von Sehen, Erleben, Fühlen und Nach-Denken. Entdeckbar nur in der Stille des Geschehen-Lassens. Ohne Wertung, wie absichtslos beobachtend, nicht moralisierend und doch voller poetischer Moral.

Es scheint, als erzähle nicht ein Ich aus sich selbst heraus, sondern als würde ein Ich erzählt aus den Beobachtungen, den alltäglichen Geschehnissen und aus dem Raum, in dem diese Geschehnisse eine Bedeutung erlangen. Ein Raum, den wir nur selten betreten. Die so erfahrenen Orte, Landschaften, Begegnungen und Erfahrungen interessieren sich nicht für den Betrachter der sich zwischen, neben, mit und in ihnen bewegt „als hätte ich ein Stück Zeit verloren“ (aus: von nicht zu bestimmender Beschaffenheit). Sie sind und in ihrem Sein werden sie wahrgenommen ohne selbst wahrzunehmen.

Die Gedichte von Odile Kennel verharren in der Präsenz des Augenblicks. Sie wirken wie von einer Kamera über das Auge aufgenommenes, im Gehirn abgespeichertes und über die Tastatur in einzelne Pixelpunkte zerlegtes Erleben, das gleichsam den Augenblick des Erlebens mit den Gedanken über das Erleben des Augenblicks verwebt. Immer drängt sich das Leben dazwischen, selbst in dem Moment, in dem der Verlust eines Menschen noch nicht eingetreten, aber schon fühlbar und denkbar ist. Das führt zu wesentlichen Fragen des Seins (vgl. wann damals beginnt). In dem Gedicht „Schlaflied“ fällt die Sehnsucht in das Land zwischen Erinnern und Vergessen und klammert sich fest am Begreifbaren, am Hör- und Sichtbaren. Hier gelingt es der Autorin, das unaussprechliche eines Verlustes in Worte zu fassen. Sie spricht nicht über Sehnsucht, Verlust oder Liebe, aber genau das strahlen ihre Gedichte aus: lebendige Gefühle, aus dem wort- und sprachlosen Raum hervorgeholt. Sichtbar auf dem Papier, spürbar an den vor Erregung aufgestellten Haaren auf dem Arm der Leserin. Wer gibt sich schon hin und empfindet ohne zu werten? Freude ist in aller Regel im Alltäglichen ein Flüchtiges, wenn auch gutes Gefühl. Anders die Scham, sie setzt sich fest, bohrend, verstörend und meist lästig, selbst dann, wenn wir uns für etwas schämen, wofür wir nicht einmal etwas können (vgl. denken sie auch an Taschendiebe). Im Kapitel „Fragen zu Tieren“ hält die Autorin das Licht punktgenau auf das Dunkel unserer Selbstberuhigung, in dem wir das Aussterben von Tieren und die Zerstörung von Lebensraum verschleiern. Wie eine Spottdrossel singt die Autorin zu uns (vgl. die Kühe sind schuld) und fordert das Auerhuhn auf, sich, im Tausch gegen ein Heidelbeereis, einmal zu zeigen (vgl. Fragen zum Auerhuhn). Wohltuend ist hierbei jegliches Fehlen eines moralischen Zeigefingers und gerade das hilft, dem Nachhall der Gedichte von Odile Kennel zu lauschen.

Zum Innehalten fordern sie auf, diese Gedichte, zum tiefen Durchatmen, aber immer wieder auch zum Ja-Sagen. Ja-Sagen zu der Welt die uns umgibt, die wir erschaffen, die wir sind, so lange wir sind, neben allen und allem Anderen. Ja-Sagen zu der Stille mitten im Lärm des Daseins und Ja-Sagen zum Leben, mit und trotz aller Enttäuschungen, Rückschläge und trotz der eigenen Nichtig-Wichtigkeit. Eben weil es da noch all dieses andere gibt: das Meer, den Himmel, den Wind, die Eisenbahnschienen, den Waldrapp und die Kühe. Dabei sind diese Gedichte wie ein kühler Regenschauer in einer Sommernacht, erfrischend poetisch und gleichzeitig in ihrer Beobachtung klärend und analytisch. Nicht mitfühlend lösen sie beim Lesen Mitfühlen aus.

Unbedingt lesen und wirken lassen. Ein berührender Lesegenuss und für Sprach- und Denksüchtige ein absolutes Muss und ganz nebenbei auch noch äußerst vergnüglich ob der entstehenden Sprachräume und –spiele.

Odile Kennel: oder wie heißt diese interplanetare Luft. dtv premium, 110 Seiten, 14,90 €


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Der Beitrag wurde am 29. April 2014 um 00:28 veröffentlicht und wurde in der Kategorie Rezensionen und Literaturtips gespeichert. Du kannst Kommentare zu diesem Eintrag durch den RSS 2.0 Feed verfolgen. Du kannst einen Kommentar schreiben, oder einen TrackBack auf deiner Seite einrichten.