Mach mal Pause – Café Hannah lädt ein

Ann E. Hacker: Café Hannah Teil 1 und 2

Wie ließe sich vom Leben und den großen und kleinen Problemen Einzelner und ihrer Verwobenheit miteinander in einer modernen Großstadt besser erzählen, als in einem Episodenroman? Um es vorweg zu nehmen, der Autorin Ann E. Hacker gelingt mit dieser Form des episodischen Erzählens ein Spiegelbild des Großstadtlebens. Eine einzelne Ameise macht keinen Ameisenberg. Aber gäbe es nicht die Anstrengungen der vielen einzelnen Ameisen und das Zusammenspiel ihrer Anstrengungen, gäbe es den Berg nicht. So ist es auch mit dem Leben in unseren Städten. Die einzelne Person mit ihren ureigenen Bemühungen und Verwicklungen charakterisiert das Leben in dieser bestimmten Stadt, in diesem bestimmten Stadtteil erst durch die Interaktionen mit anderen Einzelnen. Erst diese Verwobenheit der Handlungen miteinander lässt aus der Entfernung Rückschlüsse zu über das Leben in der Gemeinschaft. Denn auch in der Gemeinschaft bleibt der Einzelne ein Einzelner, wenn auch ein mit anderen Einzelnen durch Interessen, Gefühle, Handlungen verbundener Einzelner. Ann E. Hacker lässt uns in ihren Romanen teilhaben am Leben ausgewählter Einzelner, in dem sie wie mit der Lupe in den einzelnen Episoden von deren Alltag und Leben erzählt. Ausgangspunkt der Verbindung der Einzelnen ist dabei das in der fiktiven Blumengasse in München gelegene Café Hannah und dessen Namensgeberin Hannah Jensen. Jede der in den beiden Romanen auftauchenden Personen steht in irgendeiner Weise in Verbindung mit Hannah und ihrem Café.

Im ersten Teil lernen wir Hannah kennen, eine weltgewandte Frau, die nach einem Leben in verschiedenen Ländern, mit verschiedenen Lieben, sich mit der Eröffnung des Cafés einen Lebenstraum erfüllt. Mit Hannah gemeinsam erschließen wir uns – gefühlt in Echtzeit – die Blumengasse mit den anliegenden Geschäften wie Friseursalon, Blumenladen, Nagelstudio, Zeitungsladen, Restaurant Litanei. Durch Hannah lernen wir die Menschen in der Straße kennen, spüren mit ihr die Intensität angehender Freundschaften, planen mit ihr die Eröffnung des Cafés, spüren den Schmerz über Verzögerungen, die fast existentielle Angst nach einem Brand.

Mit ihrer knappen und unprätentiösen Art des Erzählens gelingt es der Autorin die Leserin in die Geschichte hineinzuziehen. Sie lässt uns nicht nur teilhaben sondern miterleben. Obwohl das Café erst am Ende von Teil 1 eröffnet wird, ist die Wahl des Ortes Café die perfekte Wahl, weil sich die Geschichten so lesen lassen, als würde die Leserin im Café sitzen. Inmitten der Menschen, Geräusche, Gerüche und Empfindungen. Und wie im Café hat sie die Wahl, sich z.B. in einen Zeitungsartikel zu vertiefen und das Geschehen um sie herum weitgehend auszublenden oder aber sich genüsslich einen Latte schlürfend zurückzulehnen und die Menschen zu beobachten, ihnen zuzusehen, zuzuhören, mal lächelnd, mal kopfschüttelnd.
Bei meinem ersten Besuch im Café ist um mich herum noch alles fremd, ich kenne die Menschen nicht. Aber mit jedem weiteren Besuch, mit jeder weiteren Episode, wird alles um mich herum vertrauter, bis ich irgendwann das Gefühl habe, ich gehöre dazu. So erging es mir beim Lesen von Café Hannah Teil 1. Ich war auf dem besten Weg Stammgast zu werden, da machte das Café wieder zu, die letzte Seite war gelesen. Das Bedauern darüber war ebenso groß, wie mein Bedauern bei tatsächlicher Schließung meines Stammcafés wäre.

In Café Hannah Teil 2 begegnen wir den Personen aus Teil 1 wieder. Noch immer bilden Hannah und ihr Café die zentralen Verbindungslinien und die Leserin erfährt mehr über Hannahs Leben, ihre Lieben, kann teilhaben an ihren Sorgen und Nöten, die oft mit den Menschen die uns im Café begegnen zu tun haben. Aber etwas ist anders an diesem zweiten Teil. In den einzelnen Episoden liegt der Erzählfokus mehr auf der jeweiligen Person, über die erzählt wird und weniger auf Hannah, wodurch die Protagonisten der Leserin noch näher kommen. Aus guten Bekannten werden so vertraute Menschen. Jede einzelne Episode ist wie ein intensives Gespräch mit einem Freund, einer Freundin. Sie vertrauen sich uns an und wir wollen teilhaben, wollen wissen, wie geht es weiter, mit der Liebe, dem Job, dem Leben dieser Menschen. Durch diese Fokuserweiterung war es der Autorin möglich, auch andere Themen in die Episoden einzuflechten. Mit Bassam, Petra und Halim lässt uns die Autorin an den Ängsten, Sorgen, Bemühungen, Zweifeln und dem Selbstverständnis eines Flüchtlingshelfers teilhaben. Bassam verliert durch seine Aktivitäten als Flüchtlingshelfer fast seine Ehe. Ihn bei seinem inneren Ringen darum das Richtige zu tun begleiten zu dürfen, stellt für mich in diesem Teil eine der stärksten Episoden dar. Dass die Autorin Ann E. Hacker sich nicht scheut, Themen wie dieses oder den Amoklauf von München in die Episoden einfließen zu lassen, gibt dem Roman noch mehr Tiefe und Glaubwürdigkeit. Das ist nichts Ausgedachtes, das ist auch etwas, was das Leben in einer Großstadt ausmacht, prägt. Dieses Nebeneinander von Banalitäten und existentiell Bedrohlichem.

Der zweite Teil lässt wie der erste am Ende viele Fragen offen. Geht die Fernbeziehung zwischen Hannah und Klaus gut? Hat Andy eine Chance bei Hannah? Gelingt es Hubertus noch einmal an seine alte Schaffenskraft als Künstler anzuknüpfen, gar ein Spätwerk zu kreieren? Finden sich Svenja und Ben? Werden Bruno, Kassie und Ben nach den Erlebnissen des Münchener Amoklaufs wieder eine Familie? Findet Halim seinen Bruder Jussuf? All dies und noch viel mehr, will die Leserin wissen. Und auch wenn das Bedauern über die Endlichkeit des Lesestoffes nach dem Lesen der letzten Sätze auch dieses Mal wieder groß war, so lassen all die offenen Fragen doch hoffen. Hoffen auf Teil 3.

Mein Fazit: Süchtig machender Lesestoff. Real Life in schön. Denn das ist einer der wesentlichen Vorzüge dieser Romane, es gibt kein schwarz weiß, keine der Figuren ist nur sympathisch oder unsympathisch sondern alle haben Licht und Schattenseiten, sind Menschen mit Ängsten, Zweifeln, Mut und in jedem Moment anders. Dass es der Autorin gelingt ihre Figuren in keinem Moment zu denunzieren ist aus meiner Sicht eine der größten Stärken des Buches. Einziges Manko, aber das schmälert in keiner Weise das Lesevergnügen, ist Hannahs Heiligenschein. Hier dürfte es künftig gern noch ein paar realistische Brüche mehr in Hannahs Persönlichkeit geben.

Ann E. Hacker: Café Hannah, eBook, Teil 1 und Teil 2 je 3,99 €, ullsteinbuchverlage

http://www.cafe-hannah.de


Kommentar schreiben

Der Beitrag wurde am 27. März 2017 um 19:25 veröffentlicht und wurde in der Kategorie Rezensionen und Literaturtips gespeichert. Du kannst Kommentare zu diesem Eintrag durch den RSS 2.0 Feed verfolgen. Du kannst einen Kommentar schreiben, oder einen TrackBack auf deiner Seite einrichten.