So will ich nicht leben müssen

11. Januar 2016 um 23:43 Uhr

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Ich bin entsetzt, traurig und wütend. Entsetzt über die Gewalt der Hooligans heute abend in Leipzig. Traurig, weil das freie Leben in meiner Stadt, in diesem Land derart von Intoleranz und Rassismus bedroht wird. Wütend, weil heute so viele Menschen, die in Gesprächen äußern, dass wir Legida und Co unsere Stadt nicht überlassen dürfen, dank der angeblich antifaschistisch motivierten Krawalle vom 12.12. zu Hause geblieben sind, aus Angst vor Ausschreitungen und Gewalt. Das haben sie so angekündigt, sie würden gern für ein weltoffenes Leipzig auf die Straße gehen, tun die aber nicht aus Angst vor Gewaltexzessen.
Das kann ich verstehen, weil ich auch Angst davor habe.

Egal ob links oder rechts motiviert, eure Gewalt ist nichts anderes als eben Gewalt. Geht bitte auf die Wiese und schlagt euch bis ihr keine Kraft mehr habt, aber verschont uns. Wenn es denn sein muss und ihr euch nicht anders beruhigen könnt, zahlen wir sogar ohne zu murren eure Arzt- und  Krankenhauskosten.

Ihr wollt, dass ich Angst habe und ja, ich gebe zu, gewalttätige Menschen machen mir Angst. Trotzdem lasse ich mir von euch weder das freie Denken noch das Mit-Fühlen verbieten. Ich lasse mich auch nicht aus meiner Stadt vertreiben, obwohl es dank euch und der Gewalt die ihr verbreitet hier immer ungemütlicher wird. Nicht nur, weil hier Woche für Woche euretwegen permanente Polizeipräsenz herrscht, der Verkehr lahmgelegt wird und ständig irgendwer wegen irgendeinem angeblich politischen Motiv etwas zerstört, sondern vor allem weil miteinander reden kaum noch möglich ist. Äußert jemand außerhalb des persönlichen Freundeskreises eine unangenehme Sichtweise, wird er verbal sofort ins Feindeslager getrieben.

Leipzig ist mehr als rechts oder links. Deutschland ist ein demokratisches Land. Und ihr alle, die ihr in welcher Form auch immer gewaltätig seid, gefährdet eben diese Demokratie. Und damit gefährdet ihr den Frieden, in dieser Stadt, in diesem Land. Ihr gefährdet meinen inneren Frieden. Das ist unangenehm und hässlich und es ist verlockend, dem Hass, der Wut in mir nachzugeben. Aber das will ich nicht. Dem verweigere ich mich. Das macht mich stärker. Denn dadurch lerne ich meine eigenen Vorurteile kennen. Die Wut über das was ihr hier anrichtet, lässt mich im ersten Moment sehr aggressiv und abwertend über euch denken. Das tangiert euch nicht, aber mich, denn meine gute Lebensenergie wird von diesen Gedanken vergiftet. Und ich lerne zunehmend mich vor dieser Vergiftung zu schützen. In dem ich mich immer wieder daran erinnere, warum ich das Leben liebe. Wenn es vielen anderen Menschen auch so geht, die ihr heute mit verbaler und körperlicher Gewalt einschüchtert, dann könnt ihr nicht gewinnen, denn dann müßtet ihr die Liebe vernichten, die Liebe zum Leben, zu allem Lebendigen, zu allem was das Leben lebenswert macht und dazu gehört vor allem Unterschiedlichkeit. Auch wenn alles was fremd ist erst einmal beängstigend ist (und damit meine ich auch das Denken und Fühlen und Handeln anderer Menschen aus meinem Kulturkreis, oder das Erledigen einer Aufgabe mit der ich zum 1. Mal konfrontiert bin).

Auch auf die Gefahr hin, mich lächerlich zu machen, ich oute mich an dieser Stelle. Ich bin eine Liebende.
Ich liebe. Mein Leben, mein Kind, meine Weggefährten und Freundinnen und all die unterschiedlichen Menschen in meinem Leben denen ich begegne. Ich liebe meine Arbeit, meine Stadt, die Erde die mich nährt, die Sonne die wärmt. Ich liebe jeden Tag, den ich hier verbringen darf. Und Du?