Station 13: Sanitz

31. Mai 2013 um 20:55 Uhr

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Von Schloss Kölzow nach Sanitz – Streckenlänge 16 km

Nach dem Frühstück wollten wir die Übernachtung bezahlen und uns die Pilgerhefte abstempeln lassen. Sagt die Schlossherrin: „Ach, Sie wollen zahlen, oder lieber nichts zahlen und Stempel, Datum und Unterschrift wollen Sie auch noch gratis dazu!“
Prinzipiell hätte das ja ein Scherz sein können, aber die Frau meinte das sehr ernst. Und, das war nicht die einzige Spitze, die sie in Bezug auf unsere – zugegebenermaßen eingeschränkten – Finanzen losgelassen hat. Schade eigentlich, denn das Schloss ist schön gelegen, der Park ist eine kleine Idylle, der Schlosshund ist ein verfressener alter Trottel und die Zimmer, in die wir heimlich reingesehen haben, sind auch ganz nett. Nach der Nummer von der Schlossherrin würde ich allerdings sagen: nur hinfahren, wer entweder ein dickes Fell in den Ohren oder ein dickes Konto hat.
Aber egal, entspannt, wie wir von der ganzen Lauferei sind, haben wir freundlich einen guten Tag gewünscht, unsere Rucksäcke aufgesetzt und losmarschiert.
Sonnig war es heute und windig. Wir haben festgestellt, dass Pappeln im Wind wie die aufgewühlte See klingen, während der Wind die Tannen eher wie eine ruhige Brandung rauschen lässt.
Rapsfelder waren heute nur wenige zu sehen, dafür unendlich viele und große Roggenfelder. Der Wind strich in sanften Wellen über das Getreide. Unter seiner Berührung sah das ganz sanft und weich aus. Streicht man aber mit der Hand darüber, fühlt es sich einfach nur stachelig und kratzig an. Also erzeugen Wind und Feld eine optische Täuschung.
Ina hatte heute wieder ihren Makrofototag. An alles musste sie mit ihren Augen und mit der Kamera ganz nah ran. Ergebnis, die großen Dinge, wie eben ein Loch am Feldrand, werden übersehen. Plötzlich lag sie wie ein Käfer auf dem Rücken und strampelte mit den Beinen :-).
Unterwegs begegnet sind uns Strauße, Grünfinken, Mehlschwalben und Ina war ganz fasziniert von zwei Raupen: einer nackten und einer mit Fell. Naja, beim miteinander wandern entwickelt jede so ihre Eigenheiten. Meine sind nicht ganz so blumig duftende Bleifüße und ein sehr nach innen gerichteter Blick. Auch in Bezug darauf sind wir sehr unterschiedlich: zu Beginn der Wanderung lag meine Aufmerksamkeit mehr im Außen, während Ina mehr mit sich beschäftigt war. Jetzt ist es umgekehrt. Gleich ist bei uns beiden aber dies: wir sind in uns ruhiger und ausgeglichener geworden.
Heute übernachten wir im Gruppenraum der evangelischen Gemeinde. Aber alles ist schick, das Gebäude ist neu, Dusche und Toilette sauber, der Pfarrer freundlich. Als er vorhin den Raum für die heutige Männergruppe vorbereitete, trällerte er ein Lied. Die Gruppe tagt übrigens immer noch, aber jetzt wird nicht gesungen, dafür meldet sich unser Wegbegleiter, der Kuckuck, wieder.
Fazit des Tages: (Ina) Natur, Ruhe und Einsamkeit sind sehr schön, trotzdem freue ich mich wahnsinnig auf morgen – das lebendige Großstadtgewimmel von Rostock. (Sylvia) Den ganzen Tag mit heftigen Seitenwind und in der Sonne unterwegs, dass macht mir gute Laune und einen leichten Sonnenkasper.

Station 12: Schloss Kölzow

30. Mai 2013 um 19:51 Uhr

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Von Bad Sülze nach Kölzow – Streckenlänge 9 km
Der Pilgerweg den wir heute begingen, trägt den erwartungsfrohen Namen „Tour der Steine“. Wir haben vieles gesehen, sogar einen auf Waldwegen motorcrossenden, etwas verpickelten Jüngling. Der hat vermutlich nicht oft Publikum, denn gleich mehrfach, nachdem er an uns vorbei war, ließ er seine Maschine aufjaulen. Aber was soll er auch sonst machen, wenn er schon mal an zwei Tanten vorbei düst, wo doch sonst immer nur Kühe und Pferde ihn bewundern. Was wir unterwegs nicht gesehen haben, jedenfalls nicht mehr als sonst, waren Steine.
Es ist so deprimierend. 20 km von der Ostsee (Ribnitz- Damgarten) entfernt wirken die Ortschaften leblos und arm. Die wenigen Kneipen die es gibt sind so gähnend leer und verlassen wie die gar nicht so seltenen Spielplätze.
Menschen begegnen uns nur selten, Menschen in unserem Alter und jünger fast gar nicht. Was es dafür umso häufiger gibt – obwohl uns auch von denen noch keiner leibhaftig erschienen ist – sind Finanz- und Versicherungsberater. Wen die hier beraten ist mir schleierhaft, vielleicht all die armen Ostrentner mit ihrem Grundbesitz.
Eigentlich wollten wir heute in unserer Unterkunft Schloss Kölzow als Königin Inasa und König Sylvio „einreiten“. Der Schlosspark ist eine schöne Anlage mit vielen Sitzgelegenheiten und Ententeich. Auf den Wiesen grasen Schafe und zwei Ziegen. Die Rezeption ist besetzt und für 50 € dürfen wir im Dienstbotenzimmer schlafen. Nix König und Königin.
Heute habe ich ganz stark das „ich-will-hier-weg-Bedürfnis“. Obwohl wir in richtigen Betten schlafen und uns sogar eine Badewanne zur Verfügung steht. Aber will ich die wirklich benutzen? Mit abgenutztem Plastikduschvorhang?
Irgendwie weiß ich jetzt, warum in ländlichen Regionen der Alkoholkonsum so viel höher ist, als der in der Stadt. Ich erlebe es am eigenen Körper, der allabendlich sagt „wenn ich hier nicht wegdarf, dann WILL ich jetzt sofort Alkohol“. Wehrlos gegen seine Argumente, bekommt mein Körper, wonach er so lautstark verlangt.
Fazit des Tages: (Ina) Ich habe mich heute wieder sehr entspannt und frei gefühlt. Das wurde allerdings dadurch getrübt, dass ich den langsam schleichenden Verfall sehe. Es ist egal, ob ich in einer Kneipe ein opulentes Mahl zu mir nehme, dass rettet die Wirtsleute nicht. Ich kann den Verfall nur wahrnehmen und es tut mir unendlich leid um die Region und die Menschen, aber ich stehe dem auch nur ohnmächtig gegenüber.
(Sylvia) Gäbe es nicht die trotz allem schöne Landschaft, mit ihren Weihern, den unendlichen Feldern, den Blumen und Bäumen und deren warmen Gerüchen, gäbe es nicht all die Pferde, Schafe, Kühe, die Vögel, Käfer und anderes Flatter- und Kriechgetier (außer Zecken und Mücken, die gehören verboten), ich wünschte, wir wären längst in Kühlungsborn, auch wenn dies bedeutete, dass mein Urlaub bald vorbei wäre.

Nachtrag: Auf dem Rückweg von der Kneipe zum Schloss haben wir sechs Jugendliche getroffen, aber vielleicht waren es auch nur drei und wir haben schon doppelt gesehen :-)…

I. W.

um 15:26 Uhr

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Wenn der Hahn kräht
Lässt du dich fallen
In einen letzten Traum
Am Morgen bist du dem Mond nah
Und dein Lächeln
Geht heimwärts

In deinen Augen voller Fragen
Leuchten die Sterne
Deren Flugweg du erkundest
Am Mittag sind Lösungen noch fern
Und dein Lächeln
Hängt windschief

Die Schritte verlangsamt
Dem Ruf des Kuckucks folgend
Zählst du Grashalme und Steine
Am Nachmittag ist Erntezeit
Und dein Lächeln
Leuchtet den Raps an

Das Tagwerk vollendet
Arme und Beine ermattet
Deckst du vergnügt den Tisch
Am Abend wird dein Tag lang
Und dein Lächeln
Macht mich froh

Kategorie Lyrik | Kommentare (0)

Station 11: Bad Sülze

29. Mai 2013 um 21:21 Uhr

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Von Tribsees nach Bad Sülze – Streckenlänge 9 km

Heute morgen sind wir nicht so richtig in die Gänge gekommen, was aber nicht verwunderlich war, da wir nach dem Laufmarathon gestern, nicht zur Ruhe kamen. Bei Pizza und Bier hockten wir noch lange zusammen und philosophierten.
Ina fragte „Wofür soll das denn nur gut sein, dass wir denken und uns erinnern können? Das muss doch einen Sinn haben. Für die Selbsterhaltung brauchen wir das nicht! Schweine, Affen und Elefanten pflanzen sich auch fort, nur wir, wir denken die ganze Zeit nach. “
Da wir uns auf den Sinn nicht einigen konnten und auch sonst mit der Diskussion nicht weiter kamen, wechselten wir das Thema. Von der Frage: „Wo will ich mal bestattet werden?“ – Ina in Leipzig im Clarapark, Sylvia in der Ostsee – kamen wir auf die Frage: „Wieso ist unser Zeitempfinden so konträr gegenüber der real verlaufenden Zeit?“ Wir wissen, wie alt wir sind und erschrecken doch mitunter vor dem eigenen Spiegelbild, welches dem gefühlten Alter nicht entspricht.
Weil solche Gespräche sowohl schön als auch anstrengend sind, verkrochen wir uns dann noch auf die Couch und ließen uns ein wenig leer machen vom sinnentleerten TV-Programm. Es war gegen drei, als wir endlich ins Bett fielen.
Heute morgen duschen, frühstücken und los ging es. Wir kamen ca. 300 m von der Unterkunft bis zum nächsten Lidl. „Die kurze Husche“ abwarten, meinte Ina. Die „Husche“ entpuppte sich als zweistündiger Wasserfall. Aber bei Lidl gibt es ja immer einen Bäcker und bei dem gibt es Kaffee und Tee.
Als der Regen sich verzogen hatte, ging es für uns auf die Piste, sprich Wanderweg durch nasses, kniehohes Gras. Die Sonne, plötzlich war sie da, und noch besser, sie blieb.
Unterwegs begegneten uns ein Wildschwein, unzählige Pferde, ein Pfauenpaar auf einem Müllberg, Damwild, eine Gans und ein Bussard. Ina allerdings begegnete heute noch vieles mehr. Ständig blieb sie stehen, um hier ein Gräslein, dort ein Käferchen und da die abgeworfene Haut einer Blindschleiche zu bewundern, zu beobachten und zu fotografieren :-).
In Bad Sülze fanden wir schnell das
Café Wunder Bar. Nach der überwiegenden Trostlosigkeit der bisherigen Unterkünfte ein Traum: eine helle, schicke Ferienwohnung für 30 € und gleich darunter das Kulturcafé. Ina ging einkaufen, sie kochte heute für mich. „DDR-Nudeln“ sehr lecker, wenn auch ein wenig sauer. (Verzeih mir Ina!)
Ich setzte mich zum Schreiben ins Café. Mit Caipi in der Sonne und von Katzen umworben, eroberte ich mir mit Schreibheft und Stift meine Ruhe zurück und ein paar Glücksmomente waren auch dabei.
Fazit des Tages: (Ina) Heute fühlte ich mich zum ersten Mal richtig frei, habe meinen Rucksack nicht gespürt, war der Natur sehr nah, habe die Langsamkeit genossen und war sehr verliebt in die Details die sich mir am Wegesrand zeigten.
(Sylvia) Mit bleiernen Füßen, von innerer Unruhe getrieben begann mein Wandertag im strömenden Regen. Dann kam die Sonne raus, die Kilometer wurden weniger, das Wildschwein hat mich nicht gefressen und der Abend, stündlich von den Glocken der Kirche nebenan beläutet, ist einfach nur ein Traum.

Epilog

um 18:48 Uhr

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Zwei Wanderer

Wir trafen uns an einer Kreuzung im Wald.
Wir sahen einander an und verstanden uns.
„Gehen wir ein Stück des Weges miteinander“ sagtest du, und ich war froh, nicht mehr allein gehen zu müssen.
Du lehrtest mich jagen und das Wild über dem Feuer zu braten.
Du lehrtest mich eine schützende Höhle zu bauen und auf die Gezeiten des nahen Meeres zu achten.
Du erklärtest mir den Himmel und die Sterne und ich lernte nach dem Stand der Sonne die Himmelsrichtung zu bestimmen.
Ich sang dir Lieder am Feuer und erzählte dir längst vergessene Geschichten.
Wir querten viele Wälder und Dörfer. Anfangs mieden wir die Städte, denn die Menschen dort ängstigten mich. Du lehrtest mich Vertrauen und ich schenkte dir meine Seele dafür.

Eines Tages trafen wir auf eine Kreuzung im Wald. Wir sahen einander an und verstanden uns.
„Hier trennen sich unsere Wege“ sagtest du. Als mir die Trauer aus den Augen floss gabst du mir meine Seele zurück. Du schenktest mir zum Abschied eine Umarmung, einen Kuss und deinen Segen.
Ich schenkte dir einen Talisman, geformt aus dem Wasser meiner Tränen und einem Stück meines Herzens. Ich wob darin das Lied der Sonne, des Windes, des Wassers der Erde und alles Lebendigen.

Lange noch stand ich an der Kreuzung, die Hand erhoben zu einem letzten Gruß. Ich sah dich im welkenden Tageslicht deines Weges gehen. Nur einmal noch drehtest du dich zu mir um. Wir sahen einander lange an und verstanden.

Jetzt gehe ich meinen Weg wieder allein, aber dank dessen, was ich von dir lernte, muss ich nun nicht mehr hungern, nicht mehr frieren und ich fürchte mich auch nicht mehr vor den Menschen der Stadt. Auch verlaufe ich mich nicht mehr, es sei denn, dass ich es so will.
Nachts, am Feuer, unter dem sternenden Himmel, singe ich meine Lieder und fühle mich dem Leben verbunden.

Station 10: Tribsees

28. Mai 2013 um 20:35 Uhr

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Von Grimmen-Hohenwieden nach Tribsees – Streckenlänge 20 km
Das heute war ein Marathon, die letzten Kilometer sind wir eher gekrochen als gelaufen. Füße, Hüften und Rücken kreischten und knirschten, alles schrie „Aua!“.
Heute morgen, beim Kaffee sagte Ina, dass es ihr in Meck-Pom zu einsam ist. Ihr fehlt das „kleine Leben. Die Dörfer haben keinen lebendigen Mittelpunkt, es sind kaum Menschen da. Man kann sich nicht einfach mal hinsetzen und beobachten. Die Lebendigkeit fehlt. Die Landschaft ist schön, aber irgendwie fehlt die Abwechslung. Du blickst auf und siehst Rapsfelder. Du blickst wieder auf und siehst Rapsfelder. Mit viel Glück siehst du ab und mal einen Hasen oder ein Reh.“ Ina erfreut sich durchaus auch an kleinen Dingen, aber „durch das Gepäck und die Schwere ist das begrenzt.“
Unterwegs sammelte Ina Hühnergötter vom Waldweg auf, offensichtlich ist ihr Rucksack noch nicht schwer genug. In einem Waldstück hatte sie plötzlich die Idee, im Kopf „Die Wand“ nachzuspielen. Kleine Änderung des Drehbuchs nicht eine Frau, sondern zwei Frauen leben hinter der Wand. Ich durfte mir aussuchen, ob ich lieber für das Vieh oder für die Landwirtschaft zuständig sein will. Ich entschied mich für das Vieh und Ina hatte die Aufgabe, Tabak und Kaffee anzubauen und Schnaps zu brennen. Ihre Idee für Kaffee war Eicheln sammeln und rösten. Also unter diesen Bedingungen möchte ich nienienie hinter der Wand leben! Außerdem gibt es da kein Internet.
Nach 8,5 km haben wir heute in Kirch-Baggendorf Km 107 erreicht. Die Hälfte der Tour geschafft. Darauf haben wir jede erst mal einen Minischluck Appelkorn getrunken.
Ich habe heute wieder einmal festgestellt, wie wetterabhängig ich bin. Trübes Wetter = Trübe Laune. Völlig unterzuckert – 8 Uhr Frühstück, da ist jeder Bissen eine Qual – wurde ich heute geplagt von Einsamkeitsgefühlen und Kindheitserinnerungen, z.B. an eine Bergwanderung im Rilagebirge. Immer höher ging es, obwohl wir nur mal ein Stück laufen wollten. Die Nässetropfen auf meinem Pullover waren gefroren, meine kurzen Beine und die Hobbitfüße taten weh (ich war ca. 7), aber ich wurde gnadenlos angetrieben, bis ich endlich, völlig verfroren und verheult, auf dem 3000er im Nebel stand.
Zum Glück ist Ina bei mir. Allein mit ihrer Anwesenheit holt sie mich immer wieder aus meinen Erinnerungen zurück.
Fazit des Tages: (Ina) Es ist erstaunlich, dass ich immer wieder Kräfte zum Weiterlaufen mobilisieren kann, obwohl ich mitunter das Gefühl habe gleich zusammen zu brechen. Respekt! – vor den PilgerInnen, die täglich 20-25 km hinter sich bringen. (Sylvia) Ohne die Gute-Laune-Musik von „El Bosso und die Pingpongs“ und ohne den Kaffee und die Erdbeertorte 3km vor Erreichen unseres Tageszieles, hätte ich mich heute an den Wegesrand gesetzt, auf den Bus nach Hause gewartet, oder besser, auf den Bus nach Kühlungsborn.

Station 9: SOS Dorfgemeinschaft Grimmen-Hohenwieden

27. Mai 2013 um 21:55 Uhr

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Von Gerdeswalde nach Grimmen-Hohenwieden – Streckenlänge 16,3 km
Nach fast durchwachter Nacht haben wir heute morgen dann doch fast unser Frühstück verschlafen. Nach dem Frühstück duschen und danach Abschiedskaffee mit dem Ehepaar Gruel. Unterwegs wieder nichts als Natur. Blauer Himmel und eine wärmende Sonne beflügelten mich. Gefühlt lief ich heute das doppelte Tempo. Das lag aber sicher auch an den Gedanken- und Gefühlstürmen in mir. Heute ging es in mir um die Themen Loslassen (von Sehnsucht, Liebe, Schmerz und Trauer). Es ging um Vertrauen in mich und andere und darum, Verletzungen (sehr alte und neue) als gegeben hinzunehmen, mich nicht mehr dagegenzu sträuben, aufzulehnen. In Gedanken konnte ich die traurigen Anteile, die hilflosen Kinder tröstend im Arm wiegen, ihnen ein Lied summen, sie mir auf den Rücken schnallen und sie mitnehmen, denn mit ihren winzigen Füßen konnten sie bei meinem Tempo nicht mithalten.
Ina derweil, in ihr Hörbuch vertieft, dokumentierte unsere Tour mit Fotos. (Im übrigen sind fast alle Fotos, die ich hier von unserer Reise poste, von Ina.)
Nur einmal, als sie die einmalige Chance hatte, ein am Wegesrand ruhendes Reh zu fotografieren, da hat sie entweder geträumt, oder das Hörbuch war zu spannend.
Nach 13 km kamen wir in Grimmen, mit wirklich qualmenden Füßen, an. Dort, welch Wunder: ein Marktplatz mit wirklich lärmendem Glockenspiel und, eine Bäckerei mit Freisitz. Es gab eine lange Pause, mit Handy, Eiskaffee und Zigaretten. Dann Endspurt ins SOS-Dorf. Die Bewohner und ihre Betreuerin Christiane empfingen uns freundlich und fragenreich und zeigten uns alle wichtigen Räume: Küche, Bad und unseren gut ausgebauten, sauberen und hellen Bauwagen, mit Heizung, richtigen Betten und Fenstern!!!
Wir erhielten die Information: 18 Uhr gibt es Abendessen und 8 Uhr Frühstück. Also schnell Wäsche waschen und dann essen. Im Gemeinschaftsraum von Haus Nr.7 erwarten uns Anita, Yvette und Norbert sowie fünf weitere Bewohner und zwei Betreuerinnen. Insgesamt wohnen und arbeiten 32 geistig- und/oder lernbehinderte Menschen im Dorf. Besonders beeindruckt hat mich, dass es neun verschiedene Arbeitsmöglichkeiten gibt, u.a.: Holzwerkstatt, Gärtnerei und Hofladen.
Norbert erzählte mir, dass er in der Gärtnerei arbeitet und im Sommer zwei Mal mit dem Dorf in den Urlaub fährt: einmal eine Woche nach Schwerin und einmal, mit den Anglern aus dem Dorf, eine Woche nach Norwegen. „Der Chef fährt auch mit, der hat jetzt angeln gelernt!“
Na dann wünsche ich viel Freude und die ganz großen Fische!
Fazit des Tages: (Ina) Trotz des schönen Tages habe ich heute riesige Sehnsucht nach meinem zu Hause, nach meinen Freunden und nach Olivia – aber morgen ist ein neuer Tag. (Sylvia) Heute habe ich zum ersten mal den Wanderflow erlebt: meine Füße liefen von allein und in mir war lange Zeit Leere, immer mal wieder unterbrochen von Gedanken oder Glücksmomenten. Ein Hase, der übers Feld stürmt, die erste Kornblume und ein Eiskaffee.

Kurze Momente zwischendrin

um 15:55 Uhr

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Was ich mir auf unserer Pilgertour wünsche: einmal den Kopf leer haben, nichts hören von innen, einfach einmal Stille in mir. Aber es besteht Hoffnung: bisher purzelten alle Gedanken durcheinander, inzwischen sind es einzelne Stimmen die deutlicher werden.

Wirklich hässlich wird die Pilgerei beim Durchtippeln größerer Ortschaften. Da ist die Stadtpflanze in mir sofort in Versuchung Bus oder Bahn zu nehmen.

Was mich schwer beeindruckt hat, ist die Geschichte eines Pilgerers, der irgendwann bei Fam. Kauz nächtigte. Ein junger Mann, der in Afghanistan war – ob als Soldat oder in einem Freiwilligendienst, das habe ich vergessen – jedenfalls war er bei Verhandlungen wegen sogenannter Kollateralschäden dabei. Er pilgerte mit dem Ziel, den Schaden, den seine Seele dort genommen hat, zu verarbeiten, abzumildern.

Zu sehen, wie Ina jeden Tag vor mir her düst, ganz so als wäre sie auf der Flucht. Irgendwie muss ich da an den Kommentar von Béla Rethy über die Dortmunder im Spiel gegen die Bayern denken: „Die legen ja los als gäb’s kein Morgen!“

Bei einem abendlichen Gespräch über unsere jeweilige Beziehungszukunft, kam mir folgende Kleinanzeige in den Sinn: Suche intelligenten, erfolgreichen (= das was er macht, macht er gern und verdient ausreichend Lebensunterhalt damit) und gutaussehenden LebensKünstler, der gern mal philosophiert und ebenso gern mal die Klappe hält. Wohnort: möglichst ein Segelboot. Er soll mich auf Händen tragen und trotzdem mit einer Fernbeziehung einverstanden sein, da ich viel Zeit für mich selbst benötige.
Dazu Frage von Ina: „Meinst du das jetzt ernst oder soll das eher abschreckend sein?“
Tja, wenn ich das wüsste… 🙂

Dialog mit einem Opa, der mit seinem Hund im Wald unterwegs war.
„Wo wollen Sie denn mit dem schweren Gepäck hin?“
„Nach Kühlungsborn“
„Sie zwei allein?“
„Ja.“
„Das hätte ich nicht erlaubt!“

Was ich vom Ehepaar Gruel über Hühner gelernt habe:
Hühner machen im Sommer bei großer Hitze und im Winter bei großer Kälte Legepause.
Marder sind die gefährlichsten Feinde der Hühner, weil sie, wenn sie ungestört sind, alle Hühner totbeißen, deren Blut trinken und sie liegen lassen. Fuchs, Bussard und Krähen hingegen holen sich immer nur ein Huhn und Krähen gehen sowieso nur auf Hühner, wenn sie Nachwuchs zu versorgen haben. Dann schließen sich zwei Krähen zusammen und machen das Huhn „kaputt“.
Aufgaben des Hahnes sind:
Schön aussehen, die Hühner befruchten und bewachen. Bei Gefahr gibt der Hahn Ton und die Hühner verstecken sich.

Station 8: Gerdeswalde

um 11:32 Uhr

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Von Greifswald nach Gerdeswalde, an der Grenze zu Horst – Streckenlänge 11,5 km

Heute habe ich hoffentlich den Tiefpunkt unserer Reise erreicht. Nach 4 Kaffee und Frühstück im Pfarrhaus St. Joseph mussten wir gegen Mittag los. In der an den vorherigen Tagen als trostvoll empfundenen Landschaft habe ich heute nichts als endlose Pampa gesehen. Lustloses und vor allem hoffnungsloses vor mich hin laufen. Kaffeedurst, aber da gab es nirgendwo Kaffee, nicht mal eine lausige Tanke oder einen Dorfkonsum. Nichts, gar nichts, gab ja nicht mal einen Ort.
Mittagspause in einem Heuhaufen, statt Kaffee in Plastikflaschen abgefülltes Leitungswasser. Kälte und Nieselregen als ständige Begleiter. Einziger Trost: die Bach-Violinenkonzerte auf den Ohren. Volle Dröhnung. Ina hörte Hörbuch und war ebenfalls abgetaucht.
Dann endlich war das Tagesziel erreicht und unsere Herbergsfamilie entpuppte sich als entzückendes Paar in den 70ern. Es gab Kaffee und Kuchen, eine Garten- und Hühnerstallbesichtigung, ein herrlich rustikales Abendessen mit selbstgemachtem Fett und es gab einen Albtraum als Übernachtung. Noch vor wenigen Wochen wäre ich an dieser Stelle in Tränen ausgebrochen und hätte spätestens an dieser Stelle den Urlaub beendet.
Aber ich bin robuster geworden. Ich liege auf einer Saunaliege, die Haut krabbelt, der Kopf ist angenehm benebelt von Gebirgskräuter (Ina hatte Pfeffi, aber das nur am Rande vermerkt). Als Einschlaf- und Fluchthilfe aus diesem Raum nutzen wir beide Hörbücher. Was ich mich auf dieser Tour wirklich frage: Was sind Pilgerer für Menschen, dass ihnen solche Unterkünfte angeboten werden? bzw. Was denken die Unterkunftgeber über Pilgerer, dass sie solche Unterkünfte zur Verfügung stellen?
Fazit des Tages: (Ina) Heute bin ich froh, eine gemütliche Wohnung in meinem geliebten LE zu wissen. (Sylvia) Auch wenn die Herbergsfamilie sehr freundlich und das Essen sehr lecker ist, auch wenn die Gespräche interessant und anregend sind, nichts mildert den Schrecken und Ekel, in einem fensterlosen Raum mit Toilette, Badewanne, Sauna, Dusche und drei Saunaliegen nächtigen zu dürfen.

Station 7: Greifswald

25. Mai 2013 um 19:35 Uhr

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Von Wieck nach Greifswald – Streckenlänge 6 km
Frühstück in der Jugendherberge mit lärmenden Kinderchen… Mein Traum!
Vor allem dann, wenn ich weiß, dass wir in voller Montur und mit Gepäck raus in den strömenden Regen müssen. Aber wie jeden Tag haben wir auch diese Strecke geschafft: Schritt für Schritt immer am Wasser entlang. Dabei wurde meine Theorie bestätigt, dass die Kuttersegler von der Küste bei jedem Wetter trainieren. Der Seesportverein Greifswald war jedenfalls auf dem Wasser…
Am Dom Sankt Nikolai haben wir uns den Stempel für unseren Pilgerausweis geholt und kurzentschlossen Karten für „cantataBach! Internationaler Gesangswettbewerb für Kirchenmusik“ gekauft. Vor dem Konzert noch schnell in die Unterkunft in der katholischen Pfarrei. Eine Schwester in Tracht begleitete uns in das Zimmer. Inventar: 2 Sofas (zu klein, um darauf zu schlafen) 1 Fernseher (ohne Programme) 1 DVD-Player, 1 Tüte DVDs, 1 Teppich und in einer Ecke versteckt 2 Isomatten. Das wird bestimmt eine erholsame Nacht.
Dafür war das Konzert sehr beeindruckend. Vier Kantaten nacheinander von neun verschiedenen Sopranistinnen interpretiert. Unsere Favoritinnen: Anna Moritz und Donata Burkhardt. Wer gewonnen hat, erfahren wir dann hoffentlich über Internet.
Jetzt warten wir auf den Beginn des Fußballspieles. Ina hält aus Prinzip auf Dortmund, ich aus Gewohnheit auf Bayern. Deren Mannschaft gewinnt, die muss nen Gute-Nacht-Schnaps ausgeben. (Ob die Grammatik von dem Satz stimmt???)
Fazit des Tages: (Ina) Nach einem regnerischen Start zeigte sich Greifswald doch von seiner schönen Seite, mit einem erhebenden Klangerlebnis und einem hoffentlich spannenden Championsleaguefinale in einer coolen Kneipe. (Sylvia) Auch ein Tag, der mit mieser Laune und strömenden Regen beginnt, kann sich zu einem guten Tag entwickeln.

P.S.: Die Wahrsagerinnen können auch nix mehr: keine Mail, kein Anruf, keine SMS, nicht mal ne popelige WhatsApp-Nachricht kam 19.15 Uhr an und die heimliche Liebe ist vermutlich so heimlich, dass sie selbst davon nichts weiß.