weißer Tiger

31. Dezember 2012 um 13:13 Uhr

Meine Gazellenseele stolpert
über den Graben deines Schweigens
der fette weiße Tiger schlägt
seine Zähne in meine Lenden
die Krallen fest gepresst
in mein schnellschlagendes Herz

Angst heißt mein Feind
Angst ist der Name des weißen Tigers

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Gebrauchte Worte

um 00:04 Uhr

Ich ließ den Blick schweifen. Überall in seinem Zimmer liegen merkwürdige Tüten herum. Papiertüten, beschriftet. Solche Tüten gibt es in Amerika, meist ist dann Alkohol drin.
Er sitzt mir gegenüber, der Unbekannte. Redet. Was er sagt, klingt gut, authentisch, sehr nah. In seinen Tüten ist kein Alkohol. Ich nehme eine Tüte, öffne sie. In der Tüte sind Texte. Alles was er mir erzählt steht auf den Blättern in meiner Hand.
Ein gemeinsamer Freund betritt den Raum. Er hat ebensolche Tüten in der Hand. Der Unbekannte nimmt sie ihm aus der Hand, setzt sich in den Sessel und lernt die neuen Texte auswendig. Zwischendrin lächelt er mich an.
Ich frage den gemeinsamen Freund, warum der Unbekannte die Texte auswendig lernt. Er antwortet: „Er ist stumm. Nicht dass er nicht sprechen kann, aber er findet keine eigenen Worte. Ich such ihm die Sätze aus, aber ich weiß nicht, ob er ihre Bedeutung versteht. Über die Sätze kann er Anteil haben und ist vielleicht nicht so einsam.“

Frau aus Stein

22. Dezember 2012 um 15:18 Uhr

Frau aus Stein
Klotz am Bein.
Frau ruht
sanft.

Unter dem Stein
bewegt sich ein Bein.
Bein tritt gegen Stein.

Stein bricht.
Bein bricht.
Frau schreit
Steine an.

 

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Ingeborg Bachmann: FALL AB, HERZ

19. Dezember 2012 um 23:45 Uhr

Fall ab, Herz, vom Baum der Zeit,
fallt ihr Blätter, aus den erkalteten Ästen,
die einst die Sonne umarmt‘,
fallt, wie Tränen fallen aus dem geweiteten Aug!

Fliegt noch die Locke tagelang im Wind
um des Landgotts gebräunte Stirn,
unter dem Hemd presst die Faust
schon die klaffende Wunde.

 

Drum sei hart, wenn der zarte Rücken der Wolken
sich dir noch einmal beugt,
nimm es für nichts, wenn der Hymmettos die Waben
dir noch einmal füllt.

Denn wenig gilt dem Landmann ein Halm in der Dürre,
wenig ein Sommer vor unserem großen Geschlecht.

Und was bezeugt schon dein Herz?
Zwischen gestern und morgen schwingt es,
lautlos und fremd,
und was es schlägt,
ist schon sein Fall in der Zeit.

Sprüche aus dem Pausenraum

17. Dezember 2012 um 12:15 Uhr

Es gibt viel zu tun, lassen wir es sein.

Gestern standen wir am Abgrund, heute sind wir einen Schritt weiter.

T-Shirt-Sprüche

15. Dezember 2012 um 17:29 Uhr

Sixpack im Speckmantel

Ich bin nur für das verantwortlich, was ich sage, nicht für das, was bei dir ankommt.

Ich höre Stimmen.

Mein Kopfkino hat einen Oskar verdient.

Hans-Joachim Maaz: Die Liebesfalle

14. Dezember 2012 um 21:45 Uhr

„Das wirksamste Mittel gegen den Krieg* ist die heilsame Kapitulation vor den innerseelischen Feinden, die da heißen: Minderwertigkeit, Unsicherheit, Entfremdung und Angst.“

* Krieg in der Definition von Beziehungsstress, sozialem Streit, aber auch der Krieg zwischen Staaten und Religionen…

Wort des Jahre 2012

um 18:52 Uhr

Rettungsroutine

 

weitere Infos bei der Gesellschaft für deutsche Sprache

Bärbel Klässner: Frau in der küche

12. Dezember 2012 um 21:28 Uhr

 

 

 

 

 

 

Ob ich das bin? gebildet oder bebildert mit fremder ansicht ach
die verbannung macht müde das sternennetz verkehrt über
mein schreibheft gebreitet die marmorierten deckel aus pappe
zwischen denen meine zahnlosen briefe vegetieren die
ameisenstraßen führen zum äquator ich folge mit dem finger
nur den täglichkeiten noch fahre den kaffee hoch öffne das brot
lade das gedächtnis als neue version vielleicht ist es längst
unter den stapeln verschollen in den hin und her sortierten
papieren aus amtspost werbung unerledigtem gedicht sag mir
doch bitte ist es zu spät wenn ich einmal noch einer
verschwendung gleich käme in blüte stünden alle ideen
betörend und verstörend die frau die fundevogel noch kennt
eine ausgeschnittene fortsetzung aber ist das herz an ritter
ohneland verloren nun also halsstarrig zur sonne geschaut vom
fenster geviertelt an die uhr geklebt die blanken lücken im
kalender in der ecke eine lustlose spinne hingehängt ob ich das
bin was gibt es zu sagen morgen stärke ich das handtuch
schnüre den mut mich auszuwerfen ins weite

Aus dem Pausenraum

um 01:13 Uhr

Eine Klientin sagt zu ihrem Therapeuten: „Am 21.12. soll ja die Welt untergehen.“

Fragt der Therapeut: „Was machen Sie dann?“

Klientin antwortet: „Na, wir machen mit!“