Kurzbiografie über Franziska Gräfin zu Reventlow

28. April 2011 um 00:31 Uhr

„Wenn ich nur lieben kann.“ Franziska zu Reventlow – Eine Kurzbiografie von Therese Chromik
rezensiert von Sylvia Tornau

Ein eigenwilliges kleines Buch mit gerade einmal 71 Seiten hat die Autorin Therese Chormik über die durchaus eigene, sprich unabhängige und emanzipierte, Persönlichkeit der Franziska Gräfin zu Reventlow hier vorgelegt. Eigenwillig ist der Band ob seiner Mischung aus Kurzbiografie, also Sachbuch und fiktiver Literatur in Form von Gedichten und einer Kurzgeschichte über das Leben der Gräfin.
Beim ersten Durchblättern des Buches fragte ich mich‚ noch ein Buch über die Gräfin Reventlow?’. Doch beim Lesen wurde ich schnell reingezogen in das Leben der Gräfin, dieser an Familie und Konventionen gebundenen Frau, die in ihrem autobiografischen Roman „Ellen Olestjerne“ über ihr Alter Ego Ellen sagt „Kleine Mädchen dürfen nicht so wild sein – kleine Mädchen  klettern nicht auf Bäume – kleine Mädchen müssen ihre Kleider schonen. (Chromik, S. 16)
Doch aus dem Mädchen, das sich schon früh fremd und eingezwängt fühlt in eine Welt voller Korsagen und Konventionen wird eine Frau, die ihren Weg geht. Einen Weg ohne Vorbilder, dafür unter großen Verlusten und mit vielen Ärgernissen. Aufgrund ihrer Lebensweise wird sie von ihrer Familie verstoßen und ausgegrenzt und hat lebenslang materielle Probleme. Trotzdem lebt sie mutig das selbstbestimmte Leben einer emanzipierten Frau, Mutter und Künstlerin, frei von Konventionen und ihrem Sohn in Liebe zugewandt.

Therese Chromik gelingt es nicht zuletzt mithilfe vieler Zitate – u. a. bisher unveröffentlichten Erinnerungen der Bildhauerin Anna Peterson, einer gleichaltrigen Freundin von Franziska aus Kindertagen – der Leserin nicht nur die Fakten sondern ein Lebensgefühl jener Zeit zu vermitteln. So finden sich Schilderungen des Reventlowschen Kinderalltages, die uns Heutigen – in der Dysbalance zwischen autoritärer und antiautoritärer Erziehung Aufgewachsenen – sehr befremdlich sind. Gleichzeitig verdeutlichen sie das Ausmaß an Kraft, Mut und Entschlossenheit, welche die Gräfin zu Reventlow aufbringen musste, um sich aus dem vorherbestimmten Schicksal als Tochter und Frau lösen zu können.

Mit ihren sprachlich versonnenen Gedichten folgt Therese Chromik der Biografie der Franziska zu Reventlow. Ausgehend von dem Gedicht „Mit Franziska im Schloss“ – Verlust der kindlichen Unschuld und Kreativität durch Konventionen – über „Du wildes Kind“ – ein Gedicht zum Tod des Vaters, den die Verstoßene erst nach dessen Ableben wieder sah – bis zu „Tanz mit Achill“. Dieses Gedicht beschreibt einen Traum, in dem Franziskas Sehnsucht nach dem Schloss, der Kindheit und der unerreichbaren Familie deutlich wird. Dieser Traum versinnbildlicht das Ungleichgewicht zwischen den Konventionen und der gesellschaftlichen Rolle der Frau und Franziskas Selbst. Die Atmosphäre der Gedichte fängt sowohl das für uns Nachgeborene so romantisch anmutende Leben in altehrwürdigen Gemäuern ein, als auch die schmerzliche Trennschärfe des Verlustes, den Franziska als Preis für ihre Unabhängigkeit zahlen musste. So hätte auch Franziska über ihr Leben schreiben können, wäre sie nicht schon vor mehr als 100 Jahren gestorben.

Mit der Kurzgeschichte „Die Braune Frau“ erzählt Therese Chromik einerseits die mögliche Überlieferung einer Gespenstergeschichte – was wäre ein Schloss ohne seine Gespenster? Andererseits beschreibt sie ein kleines Mädchen, dass vom Vater mit eben dieser Überlieferung eingeschüchtert werden soll. Dieses Mädchen allerdings macht sich qua seiner Fantasie den Geist der Braunen Frau zur Verbündeten. Sie bricht den sie selbst fesselnden Bann mit einer kleinen Geste und fühlt sich fortan frei und jenen, die den alten Glauben weiter in sich tragen, überlegen. Mit Fantasie gegen Konventionen, das ist der Weg, den auch die erwachsene Franziska zu Reventlow gehen wird. Mit dieser Geschichte gelingt der Autorin Chromik der Spagat zwischen Fiktion und großer Nähe zur Person der Gräfin.

Der vorliegende Band ist gut geeignet, sich einen stimmungsgeladenen Überblick über das Leben der Franziska zu Reventlow zu verschaffen. Er eignet sich ebenfalls als vorbereitende Lektüre auf einen Besuch im Schloss vor Husum. (Tipp: Buch lesen und die Sonderausstellung besuchen: „Alles möchte ich immer“ Franziska Gräfin zu Reventlow, noch bis 05. Juni 2011.)
Für alle, die sich vertiefend mit Leben und Werk der Gräfin beschäftigen wollen, bietet das Buch zahlreiche bibliografische Hinweise. Ein kleiner Band für alle, die sich für Franziska zu Reventlow interessieren und ein wenig näher an das Lebensgefühl jener Zeit heranrücken wollen. Unbedingt lesenswert!

Therese Chromik: „Wenn ich nur lieben kann“ Franziska zu Reventlow. Verlag Schmidt & Klaunig, 2009, 6 €

Eis essen und dabei das Leben verändern…

um 00:28 Uhr

„Ohne (m)ein Eis sage ich nix!“ – Ein Roman von Sylvia Fitz und Sigrid Konopatzki
rezensiert von Sylvia Tornau

Während eines gemeinsamen Essen kamen die befreundeten Autorinnen Sylvia Fitz und Sigrid Konopatzki auf das Thema ‚Deutsche Waschmaschine frisst schwarze Wollsocken’. Das Frustlachen darüber wurde zur Initialzündung für den ersten gemeinsamen Roman (Quelle: NGZ), dem hoffentlich andere folgen werden.

Die Autorinnen Filz und Konopatzki beschreiben die Ver- und Entwicklungen der zwei Protagonistinnen, beide Anfang vierzig.
Die eine, Claudia, hadert mit ihrem Leben, vor allem mit ihrer Ehe. Zu viel Alltag hat sich eingeschlichen, zu viele Gewohnheiten und die Waschmaschine frisst zu viele Männersocken, von denen es in Claudias Hauhalt reichlich gibt. Sie und ihr Mann Harald arbeiten als Lehrer an verschiedenen Schulen und leben mit ihren fast erwachsenen Söhnen in einem kleinen Haus. Nachdem Claudia Harald eröffnet hat, dass sie sich von ihm trennen will, ist dieser mit den Söhnen ans Meer gefahren.
Die andere, Felicitas, Tochter aus reichem Elternhaus hat einen noch reicheren Mann geheiratet. Für ihn war sie viele Jahre die immer attraktive und intelligente Frau an seiner Seite. Sie begleitete ihn auf Dienstreisen, organisierte Arbeitstreffen mit wichtigen Geschäftspartnern im heimischen Palast. Eines Tages bemerkt sie, dass er sie mit einer fast zwanzig Jahre jüngeren Blumenverkäuferin betrügt. Felicitas ergreift die Flucht nach vorn und lädt ihre Freundin Claudia über das Wochenende in ein Wellness-Hotel ein.
Kennen gelernt haben sich die beiden während ihrer Studienzeit. Sie teilten sich eine WG mit Birgit, Stefan und Nele. Während des Wochenendes beschließen die Freundinnen nach fast zwanzig Jahren ein WG-Treffen zu organisieren. Ungeahnt von allen Beteiligten wird dieses Treffen die Leben aller verändern.

Spannung erhält dieser mitunter märchenhaft und dann doch wieder realistisch anmutende, 175 Seiten umfassende Roman vor allem durch die sehr lebendig geschilderten Rückblenden in das WG-Leben und durch das Treffen der Fünf in Felicitas Haus. Die Wahrheiten die hier einander erzählt und teilweise zum ersten Mal sich selbst eingestanden und die Irrtümer die aufgeklärt werden, sind lebendiges Beispiel für die möglichen Wirren von Menschen in den Vierzigern. Hier geht es um Rückschau, um eine erste Bewertung dessen, was erreicht wurde, aber auch um das Eingeständnis, welche Werte man aus den Augen verloren, vielleicht gar verraten hat. Es geht um das, was nicht mehr möglich ist, aber auch um das Entdecken von Optionen, die das Leben jenseits der Vierzig bereithält.

Etwas bedauerlich finde ich, dass die Schilderung des Wellnes-Wochenendes so viel Raum einnimmt und das die Autorinnen mitunter wenig Vertrauen in die Fähigkeiten ihrer LeserInnen haben. Da werden eindeutige Zusammenhänge erklärt und wiederholt, werden Stimmungen mit Adjektiven untermauert. Auch verfallen die Autorinnen aus meiner Sicht zu häufig in Alltagssprache, was den Roman nicht leicht, sondern streckenweise unglaubwürdig und langatmig macht.
Trotz dieser Mängel ist das Buch aufgrund der Realitätsnähe zu Lebensthemen von Menschen rund um die Vierzig und ob der Lebendigkeit der Rückblenden sowie der, dem Treffen der ehemaligen WG-BewohnerInnen innewohnenden, Wahrhaftigkeit lesenswert. Vor allem an warmen Sommertagen macht es angesichts der Genussfähigkeit von Felicitas und ihren MitstreiterInnen – jenseits vom grassierenden Diätwahn – Appetit auf ein großes Eis.

Sylvia Filz, Sigrid Konopatzki: „Ohne (m)ein Eis sage ich nix!“. BOD-Verlag 2010, 12,90 €