Epilog

29. Mai 2013 um 18:48 Uhr

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Zwei Wanderer

Wir trafen uns an einer Kreuzung im Wald.
Wir sahen einander an und verstanden uns.
„Gehen wir ein Stück des Weges miteinander“ sagtest du, und ich war froh, nicht mehr allein gehen zu müssen.
Du lehrtest mich jagen und das Wild über dem Feuer zu braten.
Du lehrtest mich eine schützende Höhle zu bauen und auf die Gezeiten des nahen Meeres zu achten.
Du erklärtest mir den Himmel und die Sterne und ich lernte nach dem Stand der Sonne die Himmelsrichtung zu bestimmen.
Ich sang dir Lieder am Feuer und erzählte dir längst vergessene Geschichten.
Wir querten viele Wälder und Dörfer. Anfangs mieden wir die Städte, denn die Menschen dort ängstigten mich. Du lehrtest mich Vertrauen und ich schenkte dir meine Seele dafür.

Eines Tages trafen wir auf eine Kreuzung im Wald. Wir sahen einander an und verstanden uns.
„Hier trennen sich unsere Wege“ sagtest du. Als mir die Trauer aus den Augen floss gabst du mir meine Seele zurück. Du schenktest mir zum Abschied eine Umarmung, einen Kuss und deinen Segen.
Ich schenkte dir einen Talisman, geformt aus dem Wasser meiner Tränen und einem Stück meines Herzens. Ich wob darin das Lied der Sonne, des Windes, des Wassers der Erde und alles Lebendigen.

Lange noch stand ich an der Kreuzung, die Hand erhoben zu einem letzten Gruß. Ich sah dich im welkenden Tageslicht deines Weges gehen. Nur einmal noch drehtest du dich zu mir um. Wir sahen einander lange an und verstanden.

Jetzt gehe ich meinen Weg wieder allein, aber dank dessen, was ich von dir lernte, muss ich nun nicht mehr hungern, nicht mehr frieren und ich fürchte mich auch nicht mehr vor den Menschen der Stadt. Auch verlaufe ich mich nicht mehr, es sei denn, dass ich es so will.
Nachts, am Feuer, unter dem sternenden Himmel, singe ich meine Lieder und fühle mich dem Leben verbunden.

Sonnensonntag

21. April 2013 um 17:24 Uhr

Der erste warme Wind des Jahres treibt mich raus. Ich will weg hier, wohin ist egal. Einfach ins Auto steigen. Losfahren. Die Fensterscheiben weit auf, Sonne und Wind im Gesicht. Im Radio läuft Mozart, ich drehe laut. Lauter. Auf der B2 ist wenig Verkehr, nur ab und an überholt mich ein Motorrad. Ortschaften fliegen an mir vorbei, Menschen in Gärten an Kaffeetafeln, Hinter einer Hecke fliegt ein rotweiß gepunkteter Ball in den Himmel. Ich fahre. Überhole Wanderer und Jogger. Lasse mich von Mozart berühren, von der Sonne, von meinen Erinnerungen.

So ähnlich saß ich schon einmal in einem Auto. Mit geöffnetem Fenster, den linken Arm abgelegt im Fensterrahmen, in der Hand eine Zigarette. Die Rechte hielt lässig das Lenkrad. Aus dem CD-Player schallten die Einstürzenden Neubauten. Ich hatte mit Ende 27 endlich meinen Führerschein und genoss. „Frei“ jubelte ich, denn mit individueller Freiheit verband ich zu diesem Zeitpunkt genau dies: Im Auto sitzen, die Scheiben herabgelassen, eine Zigarette rauchend ins Blaue zu fahren. Einfach so, einfach weil ich es konnte. Ich fühlte mich in meinem Auto so verdammt unabhängig und erwachsen. Ich fuhr vorbei an zerfallenden Bauernkaten, ostgrauen Häusern, in deren Auffahrt ab und an jemand sein Auto putzte, ein Lagerfeuer, hier und da der sich in den blauen Himmel schlängelnde Rauch eines Grills, grasende Schafe und dunkle Wälder, die den Horizont säumten.

Die Strecke, die ich heute fahre, ist die Gleiche  und doch ist sie eine andere. Es gibt so viel mehr Einkaufstempel entlang der Straße, so viel mehr Kreisverkehr. Kaum noch ostgrau an den Häusern, kein Grill sendet seine Rauchzeichen, Autos werden nicht mehr in der Auffahrt geputzt.
Ich lasse mich mit der Musik in die Ferne treiben, vorbei an widerkäuenden Kühen, am Horizont die dunklen Wälder. Ich genieße, aber ich weiß auch:  in ein paar Stunden bin ich zurück in der Stadt und reihe mich ein in die lange Schlange der Parkplatzsucher.

 

 

Kommunikation

27. Januar 2013 um 09:22 Uhr

Eine Tatsache wird nicht weniger schmerzlich, wenn sie verschwiegen oder geleugnet wird. Auch dann nicht, wenn der Belogene weiß, dass der Lügner lügt, um dem Belogenen Schmerz zu ersparen.

Gebrauchte Worte

31. Dezember 2012 um 00:04 Uhr

Ich ließ den Blick schweifen. Überall in seinem Zimmer liegen merkwürdige Tüten herum. Papiertüten, beschriftet. Solche Tüten gibt es in Amerika, meist ist dann Alkohol drin.
Er sitzt mir gegenüber, der Unbekannte. Redet. Was er sagt, klingt gut, authentisch, sehr nah. In seinen Tüten ist kein Alkohol. Ich nehme eine Tüte, öffne sie. In der Tüte sind Texte. Alles was er mir erzählt steht auf den Blättern in meiner Hand.
Ein gemeinsamer Freund betritt den Raum. Er hat ebensolche Tüten in der Hand. Der Unbekannte nimmt sie ihm aus der Hand, setzt sich in den Sessel und lernt die neuen Texte auswendig. Zwischendrin lächelt er mich an.
Ich frage den gemeinsamen Freund, warum der Unbekannte die Texte auswendig lernt. Er antwortet: „Er ist stumm. Nicht dass er nicht sprechen kann, aber er findet keine eigenen Worte. Ich such ihm die Sätze aus, aber ich weiß nicht, ob er ihre Bedeutung versteht. Über die Sätze kann er Anteil haben und ist vielleicht nicht so einsam.“

Verlust

18. Januar 2010 um 23:54 Uhr

Die Puppe. Wo konnte sie sein? Warum kam sie ihr nur plötzlich in den Sinn? Die Puppe. Handarbeit. Von ihrer Mutter genäht, zu ihrem ersten Geburtstag. Weil die Mutter kein Geld hatte, aber noch Stoff übrig vom Hochzeitskleid. Die Hochzeit der Mutter mit dem Vater. Die Mutter in Pink, der Vater in Schwarz, das weiß sie, von dem Foto. Da tragen beide die Hochzeitstafel. 20 Stück rohes Fleisch vor den pinkschwarzen Körpern, Fleisch für den Grill. Hochzeitsgäste haben eben auch Hunger. Als die Mutter die Puppe nähte, da war die Hochzeit schon ein Jahr vorbei, die Scheidung zwei Monate. Schwarze Puppe mit pinkfarbenem Hosenanzug, gelben Tredlocks. Das waren bestimmt Wollreste aus der Fadenkiste. Der schlapprige Puppenbauch mit Watte gefüllt. Watte hält die Form nicht viele Jahre.
Ganz platt war die Puppe, vom Knuddeln und Küssen und Kindertränen. Hat sie oft getröstet, wenn sie mal wieder nicht durfte, was sie wollte. Da konnte die Mutter auch stur sein.
Sah nicht mehr schön aus, die Puppe, erinnerte peinlich an die vergangene Armut. Lag lange in der Ecke hinterm Bett. Jetzt ist sie weg. Weg, wie die Mutter.

© Sylvia Tornau, 2009

Auf die Welt kommen

1. Mai 2007 um 19:29 Uhr

Sprung-1
Mein Fuß auf der Trittstufe des Flugzeuges, die Tür geöffnet. Der Motorenlärm schneidet in den Ohren, die kalte Luft ihre Minusgrade in mein Gesicht. „Auf jeden Fall den Mund zulassen, durch die Nase atmen“ brüllt mir Tandempartner ins Ohr. „Ist zu kalt, Lunge platzt!“
Die Landschaft sieht fremd aus, von so weit oben. Obwohl ich weiß, dass ich jetzt in Luftlinie 5000 Meter über dem Meeresspiegel, bin fühle ich mich im Flugzeuglärm in Sicherheit. Ich spüre etwas unter meinen Füßen, Boden. Hingegen scheint die Welt dort unten so  schwankend und wogend wie ein fremdes Meer. Ich soll springen in dieses Meer, springen auf die Welt. Der Mann an meinem Rücken, an dessen Bauch ich mich fühle wie ein in den Eukalyptusbaum gekralltes Koalakind, fragt nicht noch einmal. Sagt nichts, springt.
Ohne Vorwarnung falle ich. Spüre den kalten Wind im Mund, presse die Lippen aufeinander. Nicht durch den Mund atmen. Fallen, fallen, der Erde, dem Boden entgegendrehen. Da ist keine Angst mehr, kein Staunen, nichts. Nur ich und der Wind, der in meine Ohren drückt. Die Kälte, die an meinen Füßen zwickt. Der Boden der mir entgegenrast.
Ich bin. Keine Frage mehr. Sein. Rausch. Fall.
Plötzlich ein Ruck. Das Rasen ausgebremst, der Fallschirm offen.
Die Lunge brennt mir, ich nehme einen tiefen Atemzug, merke, dass ich während des Falls die Luft angehalten habe. Jubel steigt auf in mir und ich breite die Arme zum Flug. Lache fliegend, im Chor mit dem Mann auf meinem Rücken. Einem Boden entgegen, dessen Perspektive sich ändert, wenn ich meine verändere.

Als meine Füße stolpernd den Boden berühren, fühle ich mich zum ersten Mal wirklich willkommen.

© Sylvia Tornau, 2007