Ein Tag im Herbst

31. Oktober 2012 um 12:27 Uhr

Ein Freund sagte einmal zu mir: „Es gibt keine Sicherheit, außer der, dass es keine Sicherheit gibt.“ Dagegen habe ich mich gewehrt. Ich habe gestritten und geweint, eine Tasse heißen Kaffee an die Wand geworfen.
Ein paar Tage später habe ich die Wand neu gestrichen. Ich wollte nicht glauben, nicht wahrhaben, fand diesen Satz bedrohlich.

Dem folgte eine Zeit, in der ich in die Sicherheit kennenlernte, mich ihr hingab mit allen Sinnen. Mit ihr lebte, lachte, liebte, über den Wellen des Lebens ritt. Eine Zeit, in der ich meine Träume mit einer Schokoglasur überzog. In dieser Zeit habe ich voller Hochmut auf diesen Satz herabgesehen. Habe ihn belächelt und mich der schützenden Wärme der mich umgebenden Sicherheit ergeben. Habe Verstand und Gefühl ihrem Gesang als Geschenk dargeboten und bemerkte nicht, wie sich mein Blick auf das Leben durch die Weichzeichner der Verlockung verfremdete. Ich lebte in meiner eigenen Welt und verstand nicht, warum ich so atemlos bin, so gehetzt. Ich klammerte mich mit allen Sinnen an die Sicherheit und vergaß dabei ihr allzu genau in die Seele zu sehen.

Eines Tages, an einem Sonnentag, lächelte sie mich an und sprach: „Komm, lass mich dir etwas zeigen.“ Wir stiegen Hand in Hand auf den höchsten Berg in der Umgebung. Der kalte Wind strich mir durchs Haar, aber die Sonne im Gesicht und die Sicherheit an meiner Hand boten ausreichend Wärme. Auf dem Gipfel angekommen stellte sich die Sicherheit hinter mich, umschlang mich mit ihren starken Armen. Sie flüsterte „Du bist so schön. Aber Du hast noch so viel zu lernen.“ Wohlig ließ ich mich in ihre Arme sinken, schloss die Augen und vertraute.

Ein lautes „Verzeih mir“ und ein Stoß in den Rücken rissen mich heraus aus dem Moment, rissen mich aus der langwährenden Geborgenheit. Unter mir kein Boden, keine Sicherheit mehr an meiner Seite. Ich war allein. Ich fiel und je weiter ich mich von ihr entfernte, desto klarer wurde mein Blick. Ich sah den sich nahenden Abgrund und die Angst vor dem Aufprall nahm mir die Luft. Ich sehnte das Ende des Schmerzes, der Angst herbei und der Preis dafür war mir egal. Je leerer ich mich fühlte, nichts mehr wollte, mich dem Nichts ergab, desto mehr Details des nahenden Abgrundes konnte ich erkennen. Ich sah ohne wahrzunehmen, und mein Fall verlor an Geschwindigkeit.

Jetzt schwebe ich wie ein Herbstblatt, lasse mich treiben vom Wind und seinen Tänzen. Ich weiß nicht, was mich erwartet, wenn ich auf dem Boden ankomme. Aber ich weiß, sollte sich eines Tages die Sicherheit wieder zu mir gesellen, so werde ich sie willkommen heißen wie einen alten Freund, aber ich werde ihre Umarmung scheuen und meine Ohren vor ihrem Gesang verschließen.

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Die Tagung

22. März 2011 um 22:20 Uhr

Guten Abend!
Mein Name ist Maria Storer. Als Diplom Kriminolgin habe ich den Auftrag, Ihnen, den praktizierenden  Kriminalisten, heute etwas über das Phänomen Rache zu erzählen. Die Definition von Rache folgt auch in unserer modernen, westlichen Gesellschaft den alten Prämissen von Zerstörung und Primitivität. Sie erlauben, dass ich meine geschätzten Psychologen-Kollegen Böhm und Kaplan zitiere, deren erst kürzlich erschienener Band „Rache – Zur Psychodynamik einer unheimlichen Lust und ihrer Zähmung“ im Ankündigungstext Rache „als primitive, destruktive Kraft“ beschreiben, „die allen Individuen, Gruppen und Gesellschaften innewohnt – ein zerstörerisches Potenzial, das sich unter bestimmten Umständen mit Macht den Weg an die Oberfläche bahnt.“ Böhm und Kaplan identifizieren die dem Phänomen innewohnenden Motive als psychologische „Verknüpfung von Vorurteilen, Verfolgung, Rassismus und Gewalt.“ So weit, so gut.

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Die gute Stube

um 22:16 Uhr

Das Haus in einer dunklen Seitengasse alt und verwittert, gänzlich unsaniert. Die Eingangstür aus dem Baumarkt, Sprelacart. Mit Kunstharz bezogene Schichtstoffplatten, Kiefer furniert, Made in GDR. Ein Schritt durch diese Tür und ich bin in einer Zeit vor 30 Jahren. Ein Schankraum. Die Holztäfelung an den Wänden, Naturholz und die vergilbte Raufasertapete sind das einzig Helle. Die dunkelbraune Decke mit dem einen halben Meter in den Raum gezogenen Rand macht aus dem mindestens fünf Meter hohen Raum eine Hutzenstube. Vor 30 Jahren war das modern und gleichzeitig Inbegriff der Gemütlichkeit eines Arbeiter- und Bauernstaates. Die gute Stube des Ostens, rauchgeschwängert und leer.

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Das Haus

um 22:14 Uhr

Sie griff nach ihren Zigaretten und streifte dabei mit dem Arm ihr Portemonnaie vom Tisch. Wie aus weiter Entfernung, als würde es sie nichts angehen, folgte ihr Blick dem Flug der sich öffnenden Börse. Noch bevor Franka realisiert hatte, was geschah, schob sich eine Hand in ihr Blickfeld und sammelte das am Boden Liegende zusammen.
„Ihr Mann?“ Die Hand hielt ihr ein Foto entgegen, während die andere Hand den restlichen Inhalt des Portemonnaies auf den Tisch legte.

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Der Kelch

20. November 2007 um 23:00 Uhr

In Gedanken war sie noch bei der mit Siebtklässlern geführten Diskussion über die Existenz oder Nichtexistenz des heiligen Grals. Die Artusritter waren derzeit in Mode, ein neues Computerspiel um die Abenteuer des Helden Parzival beschäftigte ihre Schüler. Später konnte sie sich nicht erinnern, was sie zuerst wahrnahm, diesen einladenden Blick, seinen Zedernholzduft oder seine langgliedrigen Hände, die sich in flüchtiger Bewegung nach ihr auszustrecken schienen. Sie stand da, im Schulflur, errötend und atemlos, sich selbst fremd. Sie, die Unberührbare, Ausgeglichene spürte plötzlich, wie ihre Knie dem Bedürfnis sich setzen zu wollen nachgaben Innerhalb von Sekunden geschah dieser Wechsel in ihr und in ihr war plötzlich eine Wachheit, als wäre sie aus einem langen, traumlos-schweren Schlaf erwacht. Das Leben griff nach ihr in Form dieser fremden Hände und diesmal hatte sie keine Chance, ihm zu entweichen. Zu nah. Sie hatte einen Moment nicht aufgepasst und schon war es da.

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