Mach mal Pause – Café Hannah lädt ein

27. März 2017 um 19:25 Uhr

Ann E. Hacker: Café Hannah Teil 1 und 2

Wie ließe sich vom Leben und den großen und kleinen Problemen Einzelner und ihrer Verwobenheit miteinander in einer modernen Großstadt besser erzählen, als in einem Episodenroman? Um es vorweg zu nehmen, der Autorin Ann E. Hacker gelingt mit dieser Form des episodischen Erzählens ein Spiegelbild des Großstadtlebens. Eine einzelne Ameise macht keinen Ameisenberg. Aber gäbe es nicht die Anstrengungen der vielen einzelnen Ameisen und das Zusammenspiel ihrer Anstrengungen, gäbe es den Berg nicht. So ist es auch mit dem Leben in unseren Städten. Die einzelne Person mit ihren ureigenen Bemühungen und Verwicklungen charakterisiert das Leben in dieser bestimmten Stadt, in diesem bestimmten Stadtteil erst durch die Interaktionen mit anderen Einzelnen. Erst diese Verwobenheit der Handlungen miteinander lässt aus der Entfernung Rückschlüsse zu über das Leben in der Gemeinschaft. Denn auch in der Gemeinschaft bleibt der Einzelne ein Einzelner, wenn auch ein mit anderen Einzelnen durch Interessen, Gefühle, Handlungen verbundener Einzelner. Ann E. Hacker lässt uns in ihren Romanen teilhaben am Leben ausgewählter Einzelner, in dem sie wie mit der Lupe in den einzelnen Episoden von deren Alltag und Leben erzählt. Ausgangspunkt der Verbindung der Einzelnen ist dabei das in der fiktiven Blumengasse in München gelegene Café Hannah und dessen Namensgeberin Hannah Jensen. Jede der in den beiden Romanen auftauchenden Personen steht in irgendeiner Weise in Verbindung mit Hannah und ihrem Café.

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Abschied 

22. Oktober 2016 um 22:30 Uhr

Manchmal verlieren wir Menschen die wir lieben, weil sie uns oder wir sie oder wir uns gegenseitig Ent-Täuschen. Beispielsweise, wenn wir uns bewusst werden, dass wir durch Liebe zwar stärker, aber nicht anders werden, nicht besser. Im Grunde sind wir wer wir sind, daran ändert auch die Liebe nichts. Sie ist nur der Motor uns zu verbessern, für den anderen und damit für uns selbst. Manchmal gehen wir, weil wir merken, dass Liebe uns verbindet, aber wir deswegen nicht weniger allein sind. Und manchmal geht einer für immer.

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Heute zum Kindertag

1. Juni 2016 um 22:13 Uhr

Die Wut und die Trauer eines Kindes ist schwer auszuhalten, vor allem dann, wenn klar ist, dass wir Erwachsenen Ursache dieses kindlichen Schmerzes sind. Manchmal bin ich ’nur‘ die Überbringerin der schlechten Nachrichten, aber die Wucht der Verzweiflung des Kindes ist dann das sprichwörtliche Schafott.
Wieder eine Schneiße in eine Kinderseele geschlagen.
Da sind dann auch Kakao und Trickfilm nicht mehr als ein Pseudopflaster auf einer tiefen Wunde. Das Kind schläft ein, für den Augenblick getröstet. Ich straffe die Schultern und denke mir das nächste Pflaster aus. Fürs Kind und für mich.

Text gelesen beim Buchmesse-Lesebrunch in der FraKu am 20.03.2016

17. Mai 2016 um 23:48 Uhr

Begegnungen
Jeden Tag stehe ich in der Mittagsschlange der Cafeteria und treffe dort Kollegen aus anderen Abteilungen. Manche davon habe ich schon eine Weile nicht gesehen. Obwohl ich sie bei solchen Begegnungen erwarten könnte, trifft mich die Frage „Wie geht es Dir?“ jedes Mal unerwartet.
Trifft diese Frage auf mein Ohr, schaltet sich sofort alles Denken und Fühlen in mir ab. Ich stehe wortlos vor dem Fragenden und wenn ich einen guten Tag habe, schaffe ich es, mit den Schultern zu zucken.
Häufiger aber befällt mich eine Agonie.
Ich bin unfähig mich zu bewegen, unfähig auch nur ein Krächzen hervorzubringen.
Meist folgt meinem Schweigen nach wenigen Sekunden ein unverbindliches Schulterklopfen und ein wohlmeinendes „Na wir sehen uns später“ oder eine Überleitung auf das zu erwartende Mittagessen, das schöne oder deprimierende Wetter. Oft huschen die Blicke des Fragenden durch die lange Reihe der Wartenden, auf der Suche nach einem anderen potentiellen Gesprächspartner.

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100 Prozent selbst verfasst…

28. April 2016 um 23:21 Uhr

…Lyrik, Prosa, Rezensionen, Termine, Veröffentlichungen…

Eine Frage…

um 23:13 Uhr

…zu folgendem Vorfall würde mich interessieren, wie Ihr reagieren würdet:
Stell Dir vor, Du stehst in einer langen Reihe Wartender neben anderen langen Reihen Wartender im Jobcenter. Du bist gleich dran und beobachtest, wie am Schalter nebenan ein Mann, der offensichtlich kaum deutsch spricht, verzweifelt versucht, sich der Schalterdame verständlich zu machen. Du hörst, wie er sie bittet langsam zu sprechen. Die Frau reagiert sehr ungehalten und blafft den Mann in gelangweilten Ton an „Deutsch“ bitte. Er nimmt mehrere Anläufe und versucht es dann noch einmal auf Englisch. Die Frau beachtet die Papiere nicht, die er ihr entgegenhält, sondern wiederholt mehrfach, inzwischen offensichtlich genervt „Deutsch“…

Alles ändert sich in der Ideenkammer

7. Februar 2016 um 23:06 Uhr

Nikola Huppertz: Die unglaubliche Geschichte von Wenzel, dem Räuber Kaminsik, Strupp und dem Suseldrusel

Gleich vorab, dieses Kinderbuch hat alles, was von einem guten Kinderbuch zu erwarten ist. Spannung, hohen Unterhaltungswert, Witz, Liebe und ein sehr eigenwilliges Fantasieleben. Die Warnung der Autorin auf der ersten Seite ist sehr sehr ernst zu nehmen: „Achtung! In diesem Buch geht es manchmal ziemlich verrückt zu. Das liegt nun mal in der Natur der Dinge, wenn ein Schriftsteller und ein Kind unter einer Decke stecken.“

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Von den anderen Seiten des Lebens

um 23:00 Uhr

Monika Walther: Abrisse im Viertel. Gedichte 2010-2015
Fotografien: Henning Berkefeld

„Die Seelen im Ganzen geteilt
fallen die Sonnenflecken schwarz
auf Gesichter Wände es geht
um Welt und die Wirklichkeit.“ (Drei Seiten der Medaille, S.31)

Ich verstehe nicht alles, was die Autorin mir mit ihren Texten sagt, aber immer, wenn ich mich einlasse auf ihre Worte, ihre Sprachbilder, öffne ich mich dem Schmerz von Sehnsucht und Trauer. Ich werde berührt in meiner Seele und es strömt eine Lebendigkeit jenseits von Funktionieren und Abarbeiten in mich ein. Brachial bahnt sich da mittels Waltherscher Worte Lebenszartheit mit schneidender Kälte den Weg in nicht wahrgenommene, vom Alltag überlagerte Regionen meines Seins. Lasse ich mich ein, lasse ich die Berührung zu, dann durchdringen diese wortgewebten Geschichtensplitter dieser Gedichte und sie wärmen. In all der entstehenden Einsamkeit schafft es die Autorin Verbindung herzustellen, von Seele zu Seele. Sie konfrontiert die Leserin mit kleinsten gemeinsamen Nenner des Seins: Wir alle sind im Grunde einsam und das verbindet uns.

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Vom Leben an anderen Orten

um 00:01 Uhr

Jutta Weber-Bock: Electronic Harem. Erzählungen

Manche der Erzählungen von Jutta Weber-Bock lesen sich wie die Beschreibungen der Suche nach einem authentischen und guten Lebensgefühl durch Neu- und Wiederentdecken mittels Landschafts- und Lebensmittelgenuss (Feigenküsse). Andere wirken wie Splitter aus dem Gesamtbild Leben, das heute geprägt vom Gestern, angenommen ohne Schuld und Scham (Italienische Verhältnisse, Schwedische Socken). Das bedeutet, wirklich etwas vom Vergangenen gelernt zu haben. Grob gefasst geht es in diesen Erzählungen um das Reisen, das Lieben, das Laufen, es geht um Lebendigkeit, darum dem Leben mehr oder etwas anderes als das Bisherige abzugewinnen, das Leben herausfordern. Das Lesen dieses Buches verführt zum Abtauchen in das (Liebes-)Leben anderer Seelen und jede dieser Geschichte hallt in der eigenen Seele nach.

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Mobbing auf dem Schulhof

6. Februar 2016 um 23:56 Uhr

Helga Gutowski: Graukatze. Kinderbuch
mit Illustrationen von Kerstin Meyer

Helga Gutowskis zweites Kinderbuch „Graukatze“ spielt in einer Plattenbausiedlung. Die Hauptfiguren: die zehnjährige Helen, ihre Oma, ihre neue Freundin Antonia, der fünfzehnjährige Ben und seine Totenkopf-Bande, ein Kanarienvogel namens Paule und, wie der Titel des Buches schon verrät, eine Katze.

Eigentlich ist Helen mit ihrem Leben ganz zufrieden. Sie lebt in einem großen Haus, mag ihre Nachbarn, vor allem den alten Herrn Petrus und dessen Kanarienvogel Paule, das Baby Kuddel, den Hausmeister Herrn Specht und dessen Hund Hasso. Vor allem aber mag Helen ihre Oma. Bei dieser lebt sie seit dem Tod ihrer Mutter, an die sie sich kaum noch erinnern kann. Bei Oma fühlt sie sich aufgehoben und behütet, auch wenn sie sich manchmal heimlich eine Mutter wünscht, auch obwohl sie weiß, dass Oma von vielen Dingen die Helen bewegen keine Ahnung hat und davon mitunter auch gar nichts wissen will. Die Oma singt sich manchmal das Leben schön, so schön wie es eben geht, wenn das einzige Lied welches ihr in den Sinn kommt Brechts Haifischsong ist. Den mag Helen nicht sonderlich, auch wenn er zum Leben in der Plattenbausiedlung durchaus passt.

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