Online-Stipendium für moderne Lyrik

30. März 2012 um 18:48 Uhr

Unternehmen Lyrik vergibt zum sechsten Mal ein Jahresstipendium in Form frei zugänglicher online-Kurse sowie individueller Betreuung. Die Perfektionierung des poetischen Handwerks und Festigung des eigenen lyrischen Ausdrucks stehen im Mittelpunkt. Zielgruppe sind Dichter/innen, die bereits über mehrere Jahre mit zeitgemäß literarischem Anspruch schreiben und zielstrebig in den Literaturbetrieb einsteigen wollen.
Bewerbungen bis 20. April 2012.
Weitere Infos unter www.unternehmen-lyrik.de

Kolumne der Autorinnenvereinigung

19. Februar 2011 um 16:08 Uhr

Ausgabe 1/Januar 2011
ameliaavblog
von Manja Präkels

Was is’ nur mit uns Weibern los?
Eine fällt uniformiert aus der Takelage. Wollte als Soldatin zur See, sicherer Beruf, also im Sinne von Rentenbezügen, Aufstiegschancen … Na, so sicher das eben ist, einer Armee anzugehören, die regelmäßig in „kriegsähnliche Zustände“ gerät. Es heißt, sie sei noch mal angeschrien worden, kurz bevor es geschah. Von einem Vorgesetzten. Irgend so ein Klischee-Gebrüll: „Zusammenreißen!“ oder „Hier wird nicht geflennt!“. Angst hatten alle, heißt es. Zu Recht.

Die Andere stirbt an den Folgen einer Brustoperation. Fiel unterm Messer ins Koma. Wie fühlt es sich an, in den Spiegel zu schauen und nur noch ein Ding wahrzunehmen, eine Ware, die es an die Nachfrage anzupassen gilt? Sie wird die Antwort schuldig bleiben. Sich selbst mit den Augen der Käufer betrachten. Und längst ist die Frage nach der optischen Performance in den Mittelpunkt zahlreicher Lebensentwürfe gerückt, beschäftigt Teenager wie Rentnerinnen. Komm ich gut rüber? Paß ich zur Farbe meiner Augen? Wie hoch ist mein Marktwert?

Dann die mit dem Hunger, die sie – angeblich zur Abschreckung – auf Fotos inszenierten, tatsächlich aber unserer Schaulust zum Fraße vorwarfen: Seht, ist DAS nicht schrecklich schön? Alle fünf Sekunden verhungert ein Kind. Das ist so real wie unsere Anbetung von Haut und Knochen des magersüchtigen Modells. Geiz macht geil, und wußten sie schon, daß Winterzeit Tatoozeit ist? Artgerechte Motive in Berlins erstem Tatooshop für Kinder – natürlich unter Berücksichtigung der Elterntypen.

Manchmal ist es wirklich nicht leicht, an das Schöne und Wahre zu glauben, wenn das Schöne die Ware ist und Schönheit Design meint, die Angleichung der Oberfläche an ein Computermodell, des Originals an seine schematisierte Kopie. Wenn die verzweifelten Versuche der Anpassung in Form von Schlagzeilen durch meinen Kopf laufen: „Guten Tag, ich benötige ein Update. Sonst komm ich nicht mehr hinterher.“
Ersetze Körperlichkeit mit Körperdesign und Du bist unverdächtig. Ein Kind träumt laut: „In der Zukunft wird es natürlich keine echten Hunde mehr geben. Jeden Morgen weckt mich mein Roboterhund. Ich muß nicht rausgehen, denn ich lerne zu Hause, wähle meine Fächer am Touchscreen aus und schon werden die Informationen in mein Gehirn geleitet …“
Warum an das Schöne, Wahre, Gute glauben? Na weil ich unverbesserlich bin. Und an irgendwas glauben muß. Jetzt wißt Ihr’s.

Es ist schon ein paar Jahre her, da lief ich, einer alten Gewohnheit folgend, des Nachts durch die Häuserschluchten. Ließ mich ziellos treiben und suchte den Himmel vergeblich nach einem Stern ab, denn diese Stadt strahlt – je nach Wetterlage und Gemütsverfassung der Betrachtenden, mal in Rosa, mal Giftgrün – von selbst. Lichtverschmutzung heißt das und fällt den meisten gar nicht auf, weil sie nicht nach oben schauen, sondern auf den Verkehr achten, was vernünftig ist. Wozu braucht es auch Sterne, wo doch alles hell erleuchtet ist, von den Schaufenstern der Einkaufs-Kathedralen?
Es fiel ein leichter, schwärmerischer Schnee vom Himmel und für einen kurzen Moment schien Berlin den Atem anzuhalten. Da bemerkte ich, auf dem Bebel-Platz gelandet zu sein, direkt gegenüber des Hauptgebäudes der Humboldt-Universität. Ein diffuses Licht verbreitete sich von der Platzmitte her und bestrahlte den Flockentanz von unten, ein bezaubernd außerirdischer Anblick. Ich folgte dem schönen Schein quer über den Platz und erkannte unter einer gläsernen Bodenplatte zu meinen Füßen einen weiß getünchten Raum mit Regalen – für Bücher. Da stand ich nun, schwebend über einer leeren Bibliothek, einem Denkmal. Hier brannten im Mai ’33 die Bücher, bergeweise. Auch in jener Nacht gab es keine Sterne am Himmel zu sehen, der meterhohen Flammen wegen.

Was befremdet mich mehr, an diesem 22. Januar 2011, der Anblick des Bebel-Platzes, das verschwundene Denkmal, das den Roten Teppichen der „Berlin-Fashion-Week“ gewichen ist oder die Tatsache, daß es mich noch befremdet? Irgendein Event ist immer wichtiger – als ein Vogel zum Beispiel oder eine Butterblume.
Die Kannibalen-Messe ist eröffnet, Gunther von Hagens und Karl Lagerfeld haben keine Zeit. Aber wäre das nicht ein Paar? „Geile Leichen-Performance! Die Fashion-Week auf Weltniveau! Mit ECHTEN Stars!“ Oder wäre es umgekehrt? Echte Leichen – die Welt auf Berlin-Niveau . .?

Ich bin eine Spurensucherin. Geschichte und Geschichten finden sich überall um uns herum, in dieser Stadt, in unseren Gesichtern, den Zeilen der Lebenden und der Toten, auf Fotografien, in der Musik, in jeder Kleinigkeit. An der Art, wie eine geht, läßt sich mitunter mehr erkennen als in allen Worten, die sie, so über Stunden verteilt, in den Tag hinein verliert. Und ich rede nicht von der Inszenierung, sondern eben jenem Moment, in dem sie vergißt, wo und wer sie ist, etwas so Nebensächliches tut, wie Brötchen holen. Oder Zigaretten. An der Bushaltestelle unterhalten sich Zwei. Ihre schrillen Stimmen übertönen das Rauschen der Straße:

„Ej, die Alte sah voll häßlich aus!“
„Echt? Erzähl!“
„Na so … so … so voll behindert …“
„Wie jetz’? Die war behindert?“
„Nee, die hatte so Brille. So … INTELLEKTUELL!“
„Boah ihhh. Wie eklig is’ das denn!“

Ja. Gegenüber der Universität. Dort gibt es eigentlich ein Denkmal.

Was ich erwartet hatte?
Na Sterne. Am Himmel. Wo sie hingehören.
Und Schwesterlichkeit.
Ich träume einfach gern.