Laut Klappentext schreiben in dieser Anthologie über das weibliche Altern Autorinnen aus Ost und West über ihre persönlichen Erfahrungen mit dem Älterwerden.
So unterschiedlich die Texte auch sind, sie alle eint die Suche nach dem „Wie“. Wie wird es sein oder wie werde ich sein und welche Möglichkeiten und Wege stehen mir offen? Zu oft nur wissen wir, wie wir nicht sein wollen, eher seltener wie wir sein wollen.
27 Autorinnen lassen uns mit erfrischend geschriebenen Kurzgeschichten teilhaben an ihren Ängsten, Hoffnungen oder einfach nur Überlegungen zum Thema.
In ihrem Erstling “Montagsnächte” erzählt Kathrin Wildenberger vom Erwachsenwerden in Zeiten des Umbruchs. Erwachsenwerden ist auch ohne Umbrüche schwierig genug. Für die Generation der heute 35-45 jährigen, geboren in der DDR, war die politische Situation im Land eine weitere Herausforderung. Neben den Unsicherheiten des Erwachsenwerdens, Begegnungen mit der ersten Liebe stellte sich auch die viel diskutierte Frage ‘Gehen oder Bleiben?’. Die Beantwortung dieser Frage erforderte spätestens ab Mitte der achtziger Jahre auch Antworten auf Fragen wie ‘Bleiben und aktiv verändern, dabei Repressalien bis hin zur Verhaftung in Kauf nehmen?’ oder ‘am Rand aktiv werden?’. Das die Antworten auf diese Fragen in der genannten Altersgruppe nicht immer eine persönliche Entscheidung war, sondern häufig eine zufällige Verquickung von eigenen Interessen, Liebe, der Offenheit mit welcher man dem Leben begegnet, stellt Kathrin Wildenberger sehr anschaulich, lebendig und nachvollziehbar dar.
Dieser Bildband durchbricht mit brachialer Schönheit die Schamgrenzen der Betrachterin. In ganzseitigen Farbaufnahmen, in Collagen eingebettet oder einfach ganz nackt präsentiert uns die Verlegerin und Autorin Grit Scholz das weibliche Geschlecht. Nicht die Frau als solche steht im Mittelpunkt, sondern das Organ, mit dessen bloßer Existenz eine lange Geschichte des Schweigens verbunden ist: die Vulva, die Möse, die Scheide oder auch die Yoni. Letzteres ist das Wort, für welches sich die Autorin entschieden hat.
Der Titel -Der zugang ist gelegt- von Bärbel Klässner ließe sich auch übersetzen als ein Willkommen im Leben. Das hier beschriebene Leben ist mal bunt, mal grau, mal blau, violett, türkis, blutrot. Mal ist es neblig, mal macht es Pickel. Vor allem macht es nicht halt. Vor keinem Thema scheut diese wortzersetzende, fabulierwütige Autorin zurück. Mal mit Humor und mal mit Wehmut, aber immer mit der lustvollen Wortgewalt einer Vollblutlyrikerin zwingt Bärbel Klässner die LeserInnen ihr zu folgen. Augenzwinkernd und mit Worten prügelnd, lockt sie uns ins fette Leben.
-Der Briefträger kommt noch mal. Ich sehe ihn schon von weitem. Da kriege ich Angst. Und laufe schnell zu meiner Mutter. Sie macht den Brief auf. Und wird ganz weiß. Sie schreit laut zu dem Briefträger. Doch der rennt schnell den Berg runter. Dieser Verbrecher hat ihn auf dem Gewissen, schreit meine Mutter. Immer wieder. Dieser Verbrecher!-
Anthos bedeutet im Griechischen -Blüte-. Eine Anthologie ist nach Meyers Lexikon die Blütenlese, eine Sammlung thematisch ausgewählter Gedichte, Sprüche und kurzer Prosastücke. Die Blüten dieser Anthologie sind allesamt blau. Ich stelle mir beim Lesen eine Kette vor, eine Kette mit blauen Blüten aus unterschiedlichen Materialien. Da finden sich Plastikblüten, neben Holzblumen, Schaumkorallen und Türkise neben Achat und Sodalith. Eine Kette, nicht nach jedermanns Geschmack in der Aneinanderreihung von Formen und Materialien unterschiedlicher Bearbeitungsstände.
In Ina Dentlers Roman -Im Schatten der Schwester- scheint sich auf den ersten Blick alles um Berti, die Schwester der Protagonistin Ellen, zu drehen. Berti, die sich aus dem Leben schlich, geliebt als Kind von Schwester und Eltern, sich dem Leben verweigerte, dem sie sich durch Magersucht entzog. Eine Sucht, die unerkannt und verschwiegen unweigerlich mit dem Tod endete. Berti, die im Leben der Schwester immer wieder als Schatten auftaucht. Ein Vergissmeinnicht.
In Bille Haags Erstling -Der Abfahrer und wie ihm das Leben entgegenkam- dreht sich alles um den Protagonisten Alfred Zarteck. Ein Fünfzigjähriger der das Image des Steppenwolfs, des Easy Rider pflegt, einer der verstanden, entdeckt werden will. Der keine Freunde hat, weil er die Menschen in seinem Umfeld benutzt für seine Stimmungen, seine Ideen, zum Auffüllen seiner Leerläufe. So wie Uta und Klaus, die ihm immer zur Verfügung stehen, ihm Obdach gewähren, wenn er sich wieder einmal verlaufen hat im eigenen Leben, im Schmollen, im sich Ungerecht-Behandelt-Fühlen. Denen es nur unter größter Kraftanstrengung gelingt, ihm ein kleines Nein entgegenzusetzen.
Der Roman -Die Mittagsfrau- von Julia Franck beginnt und endet mit der Geschichte von Peter. Einem Jungen, der allein mit seiner Mutter lebt und von der Existenz seines Vaters nur aus einem heimlich gelesenen Brief weiß. Einem Jungen, der in den Wochen nach Kriegsende seine geliebte Mutter von Soldaten vergewaltigt in der Wohnung antrifft. Einem Jungen, der sich die Schuld für das Geschehen gibt, weil er nach einem ähnlichen Vorfall vergessen hatte, ein neues Schloss für die Wohnungstür zu besorgen. Die Mutter packt Koffer und geht mit Peter zum Bahnhof. Sie fahren mit dem Zug nach Pasewalk. Dort endet die gemeinsame Reise. Die Mutter verlässt Sohn und Koffer auf diesem Bahnsteig.
Andrew Gage ist das Oberhaupt im Haus mit den vielen Zimmern. Das Haus befindet sich im Kopf des Körpers und ist die Persönlichkeitskonstruktion einer multiplen Persönlichkeit. Soll heißen: Neben Andrew leben noch viele andere Seelen im Körper, teils ausgefeilte Persönlichkeiten, teils Persönlichkeitssplitter. Nicht alle wollen Macht über den Körper, wollen Körperzeit. Einige sind froh, wenn sie sich im Inneren dieses Körpers verstecken können. Alle gemeinsam sind sie Ich-Abspaltungen, resultierend aus einer traumatischen Kindheit und den Versuchen der Traumabewältigung. Der mutige Entschluss von Andrews -Vater-, die verschiedenen Splitterpersönlichkeiten mit Hilfe einer Psychologin so im Körper zu integrieren, dass eine Integration in die menschliche Gesellschaft einigermaßen gelingt, hat diesen nachhaltig erschöpft. Er erschuf Andrew und übergab diesem seine Führungsrolle im Haus.