Cornelia Becker „Eintritt Frei“ Erzählungen

30. März 2012 um 18:43 Uhr

Rezensiert von Sylvia Tornau

Ein merkwürdiges Buch ist dies, mit der Betonung auf ‚merken’. Lauter kleine, intime Kostbarkeiten entfalten sich auf den 213 Seiten dieses Buches.
Beckers Erzählungen sind Momentaufnahmen aus dem Leben ihrer Protagonisten. Wie geschriebene Fotoerzählungen ohne Fotos. Bildgeschichten die atmen.
An ganz persönlichen Momenten der Protagonisten dieser Erzählungen können wir LeserInnen teilhaben. All das, was das Leben an schönen Momenten zu bieten hat, ist eingewoben in die Geschichten von Cornelia Becker. Egal, ob Momente am Strand, in der Sommerhitze Berlins oder beim genussvollen Essen – immer gelingt es der Autorin in ihre Geschichten hineinzuziehen. Lebensfreude pulsiert in diesen Erzählungen ebenso wie die kleinen und großen Identitätskrisen, die das Leben für jeden bereithält.
Das untergründige Thema, der rote Faden der alle Erzählungen zusammenhält, ist das Anderssein. Die Konfrontation mit dem eigenen Anderen ebenso wie mit dem Anderssein der Anderen. Da gibt es eine junge Frau, die sich alles Weichsein hart abtrainiert hat um sich gegen Verletzlichkeit zu schützen (Haut der Gedanken). Einer anderen jungen Frau wachsen plötzlich Flügel (Im Jahr der Wunder). Und Mo, Sohn einer Deutschen und eines Tunesiers, wird durch den Drohbrief eins Reindeutschen mit dem Islam konfrontiert, der für ihn bisher keine Rolle spielte. Mitten ins gelingende, sozial und wirtschaftlich erfolgreiche Leben des jungen Mannes schlägt die Fremdenfeindlichkeit ein wie eine Splitterbombe.

Mitunter macht sich beim Lesen Beklemmung breit. Eine von der Sorte, wie sie einen mitunter beschleicht, wenn Zeit und Ruhe sich ausbreiten. Wenn sich die Frage nach der Identität stellt. Jenseits der Identität, die sich die meisten von uns durch die Verankerungen in Arbeitswelt und/oder Familie geschaffen haben. Wenn in der Stille des für Augenblicke nicht-funktionieren-müssens sich die Fragen auftun. Die Fragen nach dem Woher und Wohin und dem Warum-So-geworden sein. Fragen nach dem roten Faden im eigenen Dasein.
Hautnah lässt die Autorin die LeserInnen die Augenblicke der Verunsicherung ihrer Protagonisten miterleben, so wie in den Geschichten von Jutta (Mañana) und Curbelo (Worauf warten wir?) Ohne moralisierenden Zeigefinger und doch zutiefst moralisch stellt sich Cornelia Becker den dringlichen Fragen unserer Zeit. Wie begegnen wir anderen, wie uns selbst? Was macht es einem Menschen aus, wenn er plötzlich aufgefordert wird sein Heimatland zu verlassen? Was macht es aus, wenn Europa die Grenzen verschließt und tausende Afrikaner auf dem waghalsigen Weg übers Wasser ertrinken, verhungern und wie Treibholzstücke an Land gespült werden?
Cornelia Becker beantwortet diese Fragen für uns nicht. Sie beobachtet ihre Protagonisten sehr genau und lässt uns teilhaben an deren Leben, mit einem intensiven Blick auf Gegebenheiten, Wünsche, Sehnsüchte und Ängste. Der Autorin gelingt es, die einzelnen Geschichten miteinander zu verweben, wie ein Quilt. Plötzlich tauchen die Protagonisten der einen Geschichte in einer anderen wieder auf oder die Randfiguren einer Geschichte werden in der nächsten zur Hauptfigur. Cornelia Becker gelingt es, die LeserInnen im Bann ihrer Erzählungen zu fesseln. Das ist Magie. Feine und unaufdringliche Erzählmagie.

Cornelia Becker „Eintritt Frei“ Erzählungen. Achter Verlag. Acht und Weinheim 2011. 213 Seiten. 19.80 €

Jutta Dornheim „Katzenmann – Roland – Faule Grete. Eine Bremen-Roman in Geschichten“

um 18:41 Uhr

Rezensiert von Sylvia Tornau

Wie der Untertitel es schon sagt, erzählt dieses Buch in kurzen, in sich geschlossenen und trotzdem im Zusammenhang lesbaren Geschichten von einer Entdeckungsreise durch Bremen, Bremerhaven und Umland.
Hannah, philosophisch interessierte und schreibende Alltagsforscherin, betrachtet die erlebten Orte und die erfahrenen, erlesenen Geschichten unter dem Blickwinkel einer Frau, die überlegt ihre Zelte dauerhaft in Bremen aufzuschlagen. Begleitet wird sie dabei von ihrer Freundin Iris, einer Gymnasiallehrerin. Iris wiederum entdeckt die Stadt in der sie lebt durch die Auseinandersetzung mit der Freundin teilweise neu.

Jutta Dornheim nimmt ihre LeserInnen mit auf eine unterhaltsame Reise in die Hansestadt. Dabei erfahren die Reisenden nicht nur reale Orte, sondern auch etwas über die Stadtgeschichte und das kulturelle Leben Bremens. Sie begegnen mutigen Frauen wie Anna Lühring, deren Geschichte fast vergessen und überregional unbedeutend ist, die aber als Sinnbild vergangener Frauenleben durchaus erzählenswert ist (Heimliche Soldatin aus der Braustraße). Und sie begegnen eigenwilligen, aber großartigen Menschen, wie dem seinem verstorbenen Tier noch immer treuen Katzenmann (Das Paradies ist hier) oder der Städtereisenden mit schmalen Budget, die trotz ihrer Armut ihre Neugier und das kulturelle Interesse noch lange nicht verloren hat (Zwischen Reisenden und Räubern).
Der Autorin gelingt es in ihrem Buch, den Spannungsbogen von der Bremer Historie (VIPs auf dem Freimarkt) bis hin zu aktuellen politischen und kulturellen Ereignissen zu ziehen (Magnetfelder). Historische Orte wie ‚Der Elefant’ oder Persönlichkeiten mit kurzer oder langer Bremenberührung (Engels, Heine, Marcks, Modersohn-Becker) – viele der kurzen Begegnungen machen neugierig auf mehr: Mehr Geschichten. Mehr Wissen. Mehr Bremen.
Das Buch lässt sich auch lesen als eine Einladung zu einem Kurztrip nach Bremen.

Nicht unbeachtet lassen möchte ich die Zeichnungen von Norbert Schneider, mit denen die individuellen Betrachtungen Bremens in den Geschichten nicht nur umrahmt und illustriert, sondern aromatisiert werden. Jede der Geschichten erhält durch die Zeichnungen noch einmal einen ganz eigenen Geschmack, eine Erweiterung der an sich schon sehr bekömmlichen Kost. Ein vom Verlag kostenfrei mitgeliefertes Sahnetüpfelchen.

Unbedingt für die nächste Bremenreise einpacken. So gelingt auch den Ortsfremden eine ganz eigene Annäherung an die Stadt und die Menschen, die in ihr wohnen.

Jutta Dornheim „Katzenmann – Roland – Faule Grete. Eine Bremen-Roman in Geschichten“
Kellner Verlag. Bremen 2011. 168 Seiten. 9,90 €

Empfehlung 2

26. Februar 2012 um 21:05 Uhr

Sigrid Lenz: Kimberleys Weihnacht. …und dieses Jahr wird’s richtig schlimm

Kimberleys Familie erwartet ein rauschendes Weihnachtsfest. Bei Kimberley. Das steht fest. Schon lange. Doch Kim wäre nicht Kim, wenn sie es nicht bis wenige Wochen vor dem Fest verdrängen würde.  Die Katastrophen nahen, nicht nur weil Kims Haus ein wenig verwachsen ist, andere würden es vielleicht ungepflegt nennen, sondern auch, weil Kim eine Einzelgängerin ist, die dazu nicht gern kocht. Um das Dilemma abzuwenden, lädt Kim ihre Freundin und Nachbarin Tessa und deren halbwüchsige Tochter mit ein. Diese aber kann auch nicht kochen. Die Frage Gans oder Fischstäbchen ist hier nur die harmlose Frage. Und ob  Werwölfe zur Familie gehören oder nicht, finden Sie am besten selbst heraus. Bei einem Glas Glühwein, vor dem Kamin, während andere den Braten zubereiten, den Sie an Weihnachten essen.

AAVAA Verlag, 397 Seiten, Mini-Buch, Preis 9,95 €

Empfehlung 1

um 21:04 Uhr

Ulrike Bail: wundklee streut aus. 47 gedichte über theodora

Ein kraftvoller und doch auch hauchzarter Gedichtband, über die Ent- und Verwicklungen gelebten Lebens. Die Gedichte sind einzeln verstehbar, aber auch als Geschichte der Wandlungen und Begegnungen einer Frau zu lesen, die Widrigkeiten trotzt und aus allem sie Umgebenden Kraft zieht. Ob Naturbetrachtung oder Kommentare aus dem Innenleben, ihre Lebensschwingungen sind mal ironisch, mal ausufernd aber immer warm und über die Sprache ins Zentrum des Daseins treffend. Leichtfüßig und manchmal mit unachtsam übergeworfenen Kleidern begegnet uns in diesem Gedichtband das alltägliche Leben in einer Poesie namens Theodora.

Conte Poesie 12, 100 Seiten, Paperback, Preis 9,90 €

Moderne Lyrik die berührt

1. August 2011 um 22:31 Uhr

„Ich will glauben es sei Sommer“ Gedichte von Therese Chromik
rezensiert von Sylvia Tornau

Schon im Titel gesteht die Autorin einen gnadenlosen Optimismus. Durch einen wohlwollenden Glauben, bei aller Realitätsnähe der Texte, erschließt sich die Melancholie und Härte des Lebens in Lebensmut und Neugier. Und genau dies macht die Gedichte von Therese Chromik so lebensmild und berührend wie eine sternenklare Sommernacht.
Dabei sind es vordergründig nicht die großen Themen die die Autorin in ihren Texten verarbeitet, sondern es sind die kleinen Alltäglichkeiten, die ausgelotet, abgewogen und betrachtet werden. Ganz nebenbei eingebettet in den Kosmos von Literatur, Philosophie und Moderne. Sprachlich virtuos und jedes Wort mit Bedacht gesetzt und dabei nie abrutschend ins Sprachlose oder Übermächtige. Jeder Text eine kleine Entdeckung. Manchmal absurd, manchmal ins Schwarze treffend und dabei immer präzise in ihren Bildern nimmt die Autorin ihre LeserInnen mit auf eine Reise ins Bekannte und ebnet mit ihren Sprache den Weg für einen neuen Blick darauf.

In mehreren Gedichten geht es um das Thema Schreiben. Um die Suche nach Worten, nach dem einen, dem richtigen Wort und es geht um das von den Worten gefunden werden. So z.B. in „Herzklappentext“, „Ermunterung“ oder in „Ermittlungen“ – hier fordert die Autorin gar ein Wort auf, sein Alibi zu überprüfen. Die Autorin gibt eine eindringliche Beschreibung der Textarbeit, der Wortklauberei und setzt sich dabei ironisch mit dem modernen Management der Sprache auseinander, z.B. in „Normierung“ und gipfelt angesichts all der modernen lyrischen Verbote im Gedicht „Werkstattgespräch“.
„… Der Mond darf nicht mehr aufgehen
in deinem Gedicht.
Kauf eine Halogenlampe
für deinen Vers.“ (S.63)

Neben den in Naturbetrachtungen eingebundenen, archaisch anmutenden Überlegungen zu männlichen und weiblichen Lebensquellen, fast vergessen wie z.B. in den Gedichten „Schilfrohr“, „Kornmuhme“ und „Garten der Erde“, neben den Landschaftsbetrachtungen und Ortsbeschreibungen bildet das Thema Herkunft (Kindheit und Vertreibung) einen weiteren Schwerpunkt in diesem Gedichtband. Da geht es um die Spurensuche im Text „Kindheit“ und um das Besinnen auf das Eigentliche des Lebens, das Sein und Vergehen und das immer wieder Innehalten, wie z.B. im Gedicht „Entsagungstag“. Hier feiert das Poetische Ich einen beneidenswerten Geburtstag mit seinen verschiedenen Anteilen.
„…der Tag, an dem
mich keiner stört
und wir miteinander
endlich reden können,
ich und ich.“ (S.79)

Ein erster Schritt zur Annäherung an das eigene Innehalten, zum Hinhören zur Lebensstimme könnte das Lesen dieser Gedichte sein.
Dieser Gedichtband ist ein Kleinod moderner Lyrik. Unbedingt empfehlenswert, nicht nur an verregneten Sommertagen.

Therese Chromik: Ich will glauben es sei Sommer. Gedichte. Verlag Ralf Liebe, 2010, 112 Seiten, 20 €

Mord in 86 Bildern

3. Juni 2011 um 23:58 Uhr

Renate Härtl „Bei Liebe Tod“
rezensiert von Sylvia Tornau

Ein ungewöhnliches Buch hat Renate Härtl hier vorgelegt. Der Umschlagtext verspricht einen “hochspannenden Thriller – so lebendig wie ein Drehbuch“, die Aufteilung in 86 Bilder erinnert an die Akte eines Theaterstückes.
Inhaltlich geht es um nichts Geringeres, als um das Überleben in den Städten des reichen Westens. Es geht um Beziehungen, Vertrauen, Liebe oder eben um die Unfähigkeiten zu lieben, zu vertrauen, sich zu binden. Es geht um Drogen, Geld und Machtmissbrauch und es geht, wie sollte es bei einem Thriller anders sein, um Mord und andere Todesfälle.
Die Figuren stehen gleichwertig nebeneinander. Einzig Lily ist als Hauptfigur erkennbar, vor allem dadurch, dass sie in mindestens 53 der 86 Bilder direkt oder indirekt eine Rolle spielt.
Die Figuren in diesem Buch verstören. Keine ist wirklich ein Sympathieträger, keine ein wirklich böser Schurke. Alle sind wie sie sind, was sie sind. Wobei letzteres nicht immer klar ist. Renate Härtl psychologisiert nicht, sie zeigt. Der Text gleicht den Bildbeschreibungen von Fotografien, auf denen immer die gleichen Menschen in verschiedenen Posen, Zusammenhängen zu sehen sind. Das lässt den Text ein wenig unterkühlt wirken und erzeugt gleichzeitig eine fast unerträgliche Spannung.
Betrachtete man ein Fotoalbum, so wäre die Wirkung eine ähnliche. Mit wem steht X da? Was für eine Rolle spielt der verschwommene Mann im Hintergrund? Lächelt er? Warum?
So sehr wie ein Fotoalbum die Beantwortung dieser Fragen der Phantasie der Betrachterin überlässt, so sehr überlässt Renate Härtl die Beantwortung auftretender Fragen der Phantasie der Leserin. Das macht dieses Buch so ungewöhnlich und spannend.
Sicher ist „Bei Liebe Tod“ keine leichte Kost für geübte Leserinnen der heute marktüblichen, psychologisierenden Thriller, aber es ist eine Entdeckung für alle, die literarischen Experimenten gegenüber offen sind und sich gern überraschen lassen.

Renate Härtl: Bei Liebe Tod. Athene Media Verlag, 2011, 12,95 €

Kurzbiografie über Franziska Gräfin zu Reventlow

28. April 2011 um 00:31 Uhr

„Wenn ich nur lieben kann.“ Franziska zu Reventlow – Eine Kurzbiografie von Therese Chromik
rezensiert von Sylvia Tornau

Ein eigenwilliges kleines Buch mit gerade einmal 71 Seiten hat die Autorin Therese Chormik über die durchaus eigene, sprich unabhängige und emanzipierte, Persönlichkeit der Franziska Gräfin zu Reventlow hier vorgelegt. Eigenwillig ist der Band ob seiner Mischung aus Kurzbiografie, also Sachbuch und fiktiver Literatur in Form von Gedichten und einer Kurzgeschichte über das Leben der Gräfin.
Beim ersten Durchblättern des Buches fragte ich mich‚ noch ein Buch über die Gräfin Reventlow?’. Doch beim Lesen wurde ich schnell reingezogen in das Leben der Gräfin, dieser an Familie und Konventionen gebundenen Frau, die in ihrem autobiografischen Roman „Ellen Olestjerne“ über ihr Alter Ego Ellen sagt „Kleine Mädchen dürfen nicht so wild sein – kleine Mädchen  klettern nicht auf Bäume – kleine Mädchen müssen ihre Kleider schonen. (Chromik, S. 16)
Doch aus dem Mädchen, das sich schon früh fremd und eingezwängt fühlt in eine Welt voller Korsagen und Konventionen wird eine Frau, die ihren Weg geht. Einen Weg ohne Vorbilder, dafür unter großen Verlusten und mit vielen Ärgernissen. Aufgrund ihrer Lebensweise wird sie von ihrer Familie verstoßen und ausgegrenzt und hat lebenslang materielle Probleme. Trotzdem lebt sie mutig das selbstbestimmte Leben einer emanzipierten Frau, Mutter und Künstlerin, frei von Konventionen und ihrem Sohn in Liebe zugewandt.

Therese Chromik gelingt es nicht zuletzt mithilfe vieler Zitate – u. a. bisher unveröffentlichten Erinnerungen der Bildhauerin Anna Peterson, einer gleichaltrigen Freundin von Franziska aus Kindertagen – der Leserin nicht nur die Fakten sondern ein Lebensgefühl jener Zeit zu vermitteln. So finden sich Schilderungen des Reventlowschen Kinderalltages, die uns Heutigen – in der Dysbalance zwischen autoritärer und antiautoritärer Erziehung Aufgewachsenen – sehr befremdlich sind. Gleichzeitig verdeutlichen sie das Ausmaß an Kraft, Mut und Entschlossenheit, welche die Gräfin zu Reventlow aufbringen musste, um sich aus dem vorherbestimmten Schicksal als Tochter und Frau lösen zu können.

Mit ihren sprachlich versonnenen Gedichten folgt Therese Chromik der Biografie der Franziska zu Reventlow. Ausgehend von dem Gedicht „Mit Franziska im Schloss“ – Verlust der kindlichen Unschuld und Kreativität durch Konventionen – über „Du wildes Kind“ – ein Gedicht zum Tod des Vaters, den die Verstoßene erst nach dessen Ableben wieder sah – bis zu „Tanz mit Achill“. Dieses Gedicht beschreibt einen Traum, in dem Franziskas Sehnsucht nach dem Schloss, der Kindheit und der unerreichbaren Familie deutlich wird. Dieser Traum versinnbildlicht das Ungleichgewicht zwischen den Konventionen und der gesellschaftlichen Rolle der Frau und Franziskas Selbst. Die Atmosphäre der Gedichte fängt sowohl das für uns Nachgeborene so romantisch anmutende Leben in altehrwürdigen Gemäuern ein, als auch die schmerzliche Trennschärfe des Verlustes, den Franziska als Preis für ihre Unabhängigkeit zahlen musste. So hätte auch Franziska über ihr Leben schreiben können, wäre sie nicht schon vor mehr als 100 Jahren gestorben.

Mit der Kurzgeschichte „Die Braune Frau“ erzählt Therese Chromik einerseits die mögliche Überlieferung einer Gespenstergeschichte – was wäre ein Schloss ohne seine Gespenster? Andererseits beschreibt sie ein kleines Mädchen, dass vom Vater mit eben dieser Überlieferung eingeschüchtert werden soll. Dieses Mädchen allerdings macht sich qua seiner Fantasie den Geist der Braunen Frau zur Verbündeten. Sie bricht den sie selbst fesselnden Bann mit einer kleinen Geste und fühlt sich fortan frei und jenen, die den alten Glauben weiter in sich tragen, überlegen. Mit Fantasie gegen Konventionen, das ist der Weg, den auch die erwachsene Franziska zu Reventlow gehen wird. Mit dieser Geschichte gelingt der Autorin Chromik der Spagat zwischen Fiktion und großer Nähe zur Person der Gräfin.

Der vorliegende Band ist gut geeignet, sich einen stimmungsgeladenen Überblick über das Leben der Franziska zu Reventlow zu verschaffen. Er eignet sich ebenfalls als vorbereitende Lektüre auf einen Besuch im Schloss vor Husum. (Tipp: Buch lesen und die Sonderausstellung besuchen: „Alles möchte ich immer“ Franziska Gräfin zu Reventlow, noch bis 05. Juni 2011.)
Für alle, die sich vertiefend mit Leben und Werk der Gräfin beschäftigen wollen, bietet das Buch zahlreiche bibliografische Hinweise. Ein kleiner Band für alle, die sich für Franziska zu Reventlow interessieren und ein wenig näher an das Lebensgefühl jener Zeit heranrücken wollen. Unbedingt lesenswert!

Therese Chromik: „Wenn ich nur lieben kann“ Franziska zu Reventlow. Verlag Schmidt & Klaunig, 2009, 6 €

Eis essen und dabei das Leben verändern…

um 00:28 Uhr

„Ohne (m)ein Eis sage ich nix!“ – Ein Roman von Sylvia Fitz und Sigrid Konopatzki
rezensiert von Sylvia Tornau

Während eines gemeinsamen Essen kamen die befreundeten Autorinnen Sylvia Fitz und Sigrid Konopatzki auf das Thema ‚Deutsche Waschmaschine frisst schwarze Wollsocken’. Das Frustlachen darüber wurde zur Initialzündung für den ersten gemeinsamen Roman (Quelle: NGZ), dem hoffentlich andere folgen werden.

Die Autorinnen Filz und Konopatzki beschreiben die Ver- und Entwicklungen der zwei Protagonistinnen, beide Anfang vierzig.
Die eine, Claudia, hadert mit ihrem Leben, vor allem mit ihrer Ehe. Zu viel Alltag hat sich eingeschlichen, zu viele Gewohnheiten und die Waschmaschine frisst zu viele Männersocken, von denen es in Claudias Hauhalt reichlich gibt. Sie und ihr Mann Harald arbeiten als Lehrer an verschiedenen Schulen und leben mit ihren fast erwachsenen Söhnen in einem kleinen Haus. Nachdem Claudia Harald eröffnet hat, dass sie sich von ihm trennen will, ist dieser mit den Söhnen ans Meer gefahren.
Die andere, Felicitas, Tochter aus reichem Elternhaus hat einen noch reicheren Mann geheiratet. Für ihn war sie viele Jahre die immer attraktive und intelligente Frau an seiner Seite. Sie begleitete ihn auf Dienstreisen, organisierte Arbeitstreffen mit wichtigen Geschäftspartnern im heimischen Palast. Eines Tages bemerkt sie, dass er sie mit einer fast zwanzig Jahre jüngeren Blumenverkäuferin betrügt. Felicitas ergreift die Flucht nach vorn und lädt ihre Freundin Claudia über das Wochenende in ein Wellness-Hotel ein.
Kennen gelernt haben sich die beiden während ihrer Studienzeit. Sie teilten sich eine WG mit Birgit, Stefan und Nele. Während des Wochenendes beschließen die Freundinnen nach fast zwanzig Jahren ein WG-Treffen zu organisieren. Ungeahnt von allen Beteiligten wird dieses Treffen die Leben aller verändern.

Spannung erhält dieser mitunter märchenhaft und dann doch wieder realistisch anmutende, 175 Seiten umfassende Roman vor allem durch die sehr lebendig geschilderten Rückblenden in das WG-Leben und durch das Treffen der Fünf in Felicitas Haus. Die Wahrheiten die hier einander erzählt und teilweise zum ersten Mal sich selbst eingestanden und die Irrtümer die aufgeklärt werden, sind lebendiges Beispiel für die möglichen Wirren von Menschen in den Vierzigern. Hier geht es um Rückschau, um eine erste Bewertung dessen, was erreicht wurde, aber auch um das Eingeständnis, welche Werte man aus den Augen verloren, vielleicht gar verraten hat. Es geht um das, was nicht mehr möglich ist, aber auch um das Entdecken von Optionen, die das Leben jenseits der Vierzig bereithält.

Etwas bedauerlich finde ich, dass die Schilderung des Wellnes-Wochenendes so viel Raum einnimmt und das die Autorinnen mitunter wenig Vertrauen in die Fähigkeiten ihrer LeserInnen haben. Da werden eindeutige Zusammenhänge erklärt und wiederholt, werden Stimmungen mit Adjektiven untermauert. Auch verfallen die Autorinnen aus meiner Sicht zu häufig in Alltagssprache, was den Roman nicht leicht, sondern streckenweise unglaubwürdig und langatmig macht.
Trotz dieser Mängel ist das Buch aufgrund der Realitätsnähe zu Lebensthemen von Menschen rund um die Vierzig und ob der Lebendigkeit der Rückblenden sowie der, dem Treffen der ehemaligen WG-BewohnerInnen innewohnenden, Wahrhaftigkeit lesenswert. Vor allem an warmen Sommertagen macht es angesichts der Genussfähigkeit von Felicitas und ihren MitstreiterInnen – jenseits vom grassierenden Diätwahn – Appetit auf ein großes Eis.

Sylvia Filz, Sigrid Konopatzki: „Ohne (m)ein Eis sage ich nix!“. BOD-Verlag 2010, 12,90 €

Thea Dorn feministisch – Ein Krimi ist es trotzdem.

6. Dezember 2010 um 15:40 Uhr

Die neue F-Klasse. Wie die Zukunft von Frauen gemacht wird – Eine Empfehlung von Sylvia Tornau

Dieses schon 2006 vom Piper Verlag veröffentlichte Interviewbuch entdeckte ich zufällig beim Durchschlendern der Bibliothek der Bundeszentrale für politische Bildung. Prinzipiell ein Ort, an dem ich nicht mit einem Titel der Krimiautorin Thea Dorn gerechnet habe.
In 11 Interviews geht Thea Dorn der Frage nach, ob die heutigen jungen Frauen den Kampf um die Gleichberechtigung verloren haben, weil sie zu sehr damit beschäftigt waren, sich vom Feminismus zu distanzieren und sie fragt nach dem Wie weiter?
Aufgeben. Abfinden. Hinnehmen, das ist eindeutig keine Lösung. Frau Dorn bezieht im Vor- und Nachwort eindeutig Stellung dazu, dass es in Deutschland noch immer nicht weit her ist, mit der Gleichberechtigung. Die Basics sind geschaffen, aber wie weiter? Den Rückzug ins Private lehnt sie vehement ab, vielmehr setzt sie auf die Vorbildwirkung von Avantgarde-Frauen, zu denen sie ihre Interviewpartnerinnen zählt. Egal ob Anwältin, Politikerin, Moderatorin, Köchin, Psychiaterin, Ingenieurin oder Weltmeisterin im Eisklettern, diese Frauen legen vor. Sie sind gebildet, mit und ohne Kinder, mit oder ohne Partner und sie verbindet eines: sie machen Karriere in Berufen, in denen Frauen in Leitungspositionen bis heute die Ausnahme sind.
Ein an sich ‚trockenes’ Thema, das bei der einen oder anderen Leserin schon mal ein Augenrollen hervorruft. Aber trocken ist dieses Buch nicht. Die Interviews sind authentisch und spannend und einige, wie z.B. das Gespräch mit der Berufsberaterin Uta Glaubitz, sprühen vor Witz.
Unbedingt Lesenswert. Ein Mutbuch für Frauen, ihren ganz eigenen Weg mit ganz eigenen, weiblichen Netzwerken zu gehen.

Zum bestellen:
Bundeszentrale für politische Bildung

Mehr Davon!

29. August 2010 um 17:38 Uhr

„Weit Gehen“ Gedichte von Eva Förster
rezensiert von Sylvia Tornau

Mit ihrem Debüt als Lyrikerin wagt sich Eva Förster, Publizistin und Theaterkritikerin mitten hinein ins Menschliche. Sehnsüchtig, wartend, trauernd und gierend, die Texte lesen sich wie situationsabhängige Zusammenfassungen menschlichen Lebens, gesprochen von der Stimme aus dem Off. Gerade das scheinbar Unbeteiligtsein dieser Stimme, die den Beobachtungen zugrunde liegende Lakonie ermöglicht der Leserin ein Beteiligtsein, ein Hineingezogenwerden in den Text, die Situation. Dieses seziermesserscharfe Hindeuten auf das ‚Hier, Jetzt und So ist es’ kann sich einen Augenblick, eine Zeile später allein durch ein Augenzwinkern, eine leichte Bewegung der Luft oder das Eindringen eines Gedankens in den Kopf der Leserin in das genaue Gegenteil des eben klar Empfundenen wandeln. So z.B. in dem Gedicht „Der Kriecher“: Da saß er./ Sein Schließmuskel/ entließ/ Wirbel/ für Wirbel./ Als alles heraus war,/ fiel er vornüber./ Die Menschen staunten/ und sagten:/ Seht an, er hatte ein Rückgrat!

Die Gedichte in diesem Band wecken tief in uns schlummerndes Wissen und offene Seins-Fragen. Beim Lesen wird klar, da ist sich eine ganz nah und stellt sich dem Leben maskenlos, erwartet Befriedung der eigenen Seele im Inneren, in der Akzeptanz der eigenen Vielheit. So gelesen in „Erkenntnis“: In mir hockt ein Kind/ mit Matrosenkragen/ und wenn SIE die Braue hebt,/ bekomm ich’s mit der Angst.

Eva Förster gelingt in ihrem Gedichtband der Spagat zwischen den kleinen Details des alltäglichen Lebens und den dahinter liegenden großen Gedanken. Die Mechanismen der Verunsicherung, das Wechselspiel von anziehen und abstoßen, von Stillstand und Bewegung werden ebenso schonungslos aufgezeigt wie die Gier in Liebesbegegnungen und der Schmerz von Abschieden. Die Gedichte beschönigen nichts, aber sie verdammen auch nicht. Sie sind dem Leben zugewandt. Ein wenig atemlos vielleicht, angesichts der allgegenwärtigen Vergänglichkeit, aber immer Ja-Sagend zum Sein, zum Leben.

Mit dem vorliegenden Gedichtband lädt die Autorin ein zum Lebens-Ja, in jeder Sekunde, in jedem Innehalten und Vorwärtsstürmen. Symbolisch für diese Einladung scheinen die letzten drei Seiten des Bandes: drei leere, linierte Seiten, auf denen die Leserin ihre eigene Fortsetzung schreiben kann.
Unbedingt selber lesen und verschenken!

Eva Förster „Weit Gehen“, Verlag Hans Schiller, Berlin, 74 S., 16 €