Moderne Lyrik die berührt

1. August 2011 um 22:31 Uhr

„Ich will glauben es sei Sommer“ Gedichte von Therese Chromik
rezensiert von Sylvia Tornau

Schon im Titel gesteht die Autorin einen gnadenlosen Optimismus. Durch einen wohlwollenden Glauben, bei aller Realitätsnähe der Texte, erschließt sich die Melancholie und Härte des Lebens in Lebensmut und Neugier. Und genau dies macht die Gedichte von Therese Chromik so lebensmild und berührend wie eine sternenklare Sommernacht.
Dabei sind es vordergründig nicht die großen Themen die die Autorin in ihren Texten verarbeitet, sondern es sind die kleinen Alltäglichkeiten, die ausgelotet, abgewogen und betrachtet werden. Ganz nebenbei eingebettet in den Kosmos von Literatur, Philosophie und Moderne. Sprachlich virtuos und jedes Wort mit Bedacht gesetzt und dabei nie abrutschend ins Sprachlose oder Übermächtige. Jeder Text eine kleine Entdeckung. Manchmal absurd, manchmal ins Schwarze treffend und dabei immer präzise in ihren Bildern nimmt die Autorin ihre LeserInnen mit auf eine Reise ins Bekannte und ebnet mit ihren Sprache den Weg für einen neuen Blick darauf.

In mehreren Gedichten geht es um das Thema Schreiben. Um die Suche nach Worten, nach dem einen, dem richtigen Wort und es geht um das von den Worten gefunden werden. So z.B. in „Herzklappentext“, „Ermunterung“ oder in „Ermittlungen“ – hier fordert die Autorin gar ein Wort auf, sein Alibi zu überprüfen. Die Autorin gibt eine eindringliche Beschreibung der Textarbeit, der Wortklauberei und setzt sich dabei ironisch mit dem modernen Management der Sprache auseinander, z.B. in „Normierung“ und gipfelt angesichts all der modernen lyrischen Verbote im Gedicht „Werkstattgespräch“.
„… Der Mond darf nicht mehr aufgehen
in deinem Gedicht.
Kauf eine Halogenlampe
für deinen Vers.“ (S.63)

Neben den in Naturbetrachtungen eingebundenen, archaisch anmutenden Überlegungen zu männlichen und weiblichen Lebensquellen, fast vergessen wie z.B. in den Gedichten „Schilfrohr“, „Kornmuhme“ und „Garten der Erde“, neben den Landschaftsbetrachtungen und Ortsbeschreibungen bildet das Thema Herkunft (Kindheit und Vertreibung) einen weiteren Schwerpunkt in diesem Gedichtband. Da geht es um die Spurensuche im Text „Kindheit“ und um das Besinnen auf das Eigentliche des Lebens, das Sein und Vergehen und das immer wieder Innehalten, wie z.B. im Gedicht „Entsagungstag“. Hier feiert das Poetische Ich einen beneidenswerten Geburtstag mit seinen verschiedenen Anteilen.
„…der Tag, an dem
mich keiner stört
und wir miteinander
endlich reden können,
ich und ich.“ (S.79)

Ein erster Schritt zur Annäherung an das eigene Innehalten, zum Hinhören zur Lebensstimme könnte das Lesen dieser Gedichte sein.
Dieser Gedichtband ist ein Kleinod moderner Lyrik. Unbedingt empfehlenswert, nicht nur an verregneten Sommertagen.

Therese Chromik: Ich will glauben es sei Sommer. Gedichte. Verlag Ralf Liebe, 2010, 112 Seiten, 20 €

Mord in 86 Bildern

3. Juni 2011 um 23:58 Uhr

Renate Härtl „Bei Liebe Tod“
rezensiert von Sylvia Tornau

Ein ungewöhnliches Buch hat Renate Härtl hier vorgelegt. Der Umschlagtext verspricht einen “hochspannenden Thriller – so lebendig wie ein Drehbuch“, die Aufteilung in 86 Bilder erinnert an die Akte eines Theaterstückes.
Inhaltlich geht es um nichts Geringeres, als um das Überleben in den Städten des reichen Westens. Es geht um Beziehungen, Vertrauen, Liebe oder eben um die Unfähigkeiten zu lieben, zu vertrauen, sich zu binden. Es geht um Drogen, Geld und Machtmissbrauch und es geht, wie sollte es bei einem Thriller anders sein, um Mord und andere Todesfälle.
Die Figuren stehen gleichwertig nebeneinander. Einzig Lily ist als Hauptfigur erkennbar, vor allem dadurch, dass sie in mindestens 53 der 86 Bilder direkt oder indirekt eine Rolle spielt.
Die Figuren in diesem Buch verstören. Keine ist wirklich ein Sympathieträger, keine ein wirklich böser Schurke. Alle sind wie sie sind, was sie sind. Wobei letzteres nicht immer klar ist. Renate Härtl psychologisiert nicht, sie zeigt. Der Text gleicht den Bildbeschreibungen von Fotografien, auf denen immer die gleichen Menschen in verschiedenen Posen, Zusammenhängen zu sehen sind. Das lässt den Text ein wenig unterkühlt wirken und erzeugt gleichzeitig eine fast unerträgliche Spannung.
Betrachtete man ein Fotoalbum, so wäre die Wirkung eine ähnliche. Mit wem steht X da? Was für eine Rolle spielt der verschwommene Mann im Hintergrund? Lächelt er? Warum?
So sehr wie ein Fotoalbum die Beantwortung dieser Fragen der Phantasie der Betrachterin überlässt, so sehr überlässt Renate Härtl die Beantwortung auftretender Fragen der Phantasie der Leserin. Das macht dieses Buch so ungewöhnlich und spannend.
Sicher ist „Bei Liebe Tod“ keine leichte Kost für geübte Leserinnen der heute marktüblichen, psychologisierenden Thriller, aber es ist eine Entdeckung für alle, die literarischen Experimenten gegenüber offen sind und sich gern überraschen lassen.

Renate Härtl: Bei Liebe Tod. Athene Media Verlag, 2011, 12,95 €

Kurzbiografie über Franziska Gräfin zu Reventlow

28. April 2011 um 00:31 Uhr

„Wenn ich nur lieben kann.“ Franziska zu Reventlow – Eine Kurzbiografie von Therese Chromik
rezensiert von Sylvia Tornau

Ein eigenwilliges kleines Buch mit gerade einmal 71 Seiten hat die Autorin Therese Chormik über die durchaus eigene, sprich unabhängige und emanzipierte, Persönlichkeit der Franziska Gräfin zu Reventlow hier vorgelegt. Eigenwillig ist der Band ob seiner Mischung aus Kurzbiografie, also Sachbuch und fiktiver Literatur in Form von Gedichten und einer Kurzgeschichte über das Leben der Gräfin.
Beim ersten Durchblättern des Buches fragte ich mich‚ noch ein Buch über die Gräfin Reventlow?’. Doch beim Lesen wurde ich schnell reingezogen in das Leben der Gräfin, dieser an Familie und Konventionen gebundenen Frau, die in ihrem autobiografischen Roman „Ellen Olestjerne“ über ihr Alter Ego Ellen sagt „Kleine Mädchen dürfen nicht so wild sein – kleine Mädchen  klettern nicht auf Bäume – kleine Mädchen müssen ihre Kleider schonen. (Chromik, S. 16)
Doch aus dem Mädchen, das sich schon früh fremd und eingezwängt fühlt in eine Welt voller Korsagen und Konventionen wird eine Frau, die ihren Weg geht. Einen Weg ohne Vorbilder, dafür unter großen Verlusten und mit vielen Ärgernissen. Aufgrund ihrer Lebensweise wird sie von ihrer Familie verstoßen und ausgegrenzt und hat lebenslang materielle Probleme. Trotzdem lebt sie mutig das selbstbestimmte Leben einer emanzipierten Frau, Mutter und Künstlerin, frei von Konventionen und ihrem Sohn in Liebe zugewandt.

Therese Chromik gelingt es nicht zuletzt mithilfe vieler Zitate – u. a. bisher unveröffentlichten Erinnerungen der Bildhauerin Anna Peterson, einer gleichaltrigen Freundin von Franziska aus Kindertagen – der Leserin nicht nur die Fakten sondern ein Lebensgefühl jener Zeit zu vermitteln. So finden sich Schilderungen des Reventlowschen Kinderalltages, die uns Heutigen – in der Dysbalance zwischen autoritärer und antiautoritärer Erziehung Aufgewachsenen – sehr befremdlich sind. Gleichzeitig verdeutlichen sie das Ausmaß an Kraft, Mut und Entschlossenheit, welche die Gräfin zu Reventlow aufbringen musste, um sich aus dem vorherbestimmten Schicksal als Tochter und Frau lösen zu können.

Mit ihren sprachlich versonnenen Gedichten folgt Therese Chromik der Biografie der Franziska zu Reventlow. Ausgehend von dem Gedicht „Mit Franziska im Schloss“ – Verlust der kindlichen Unschuld und Kreativität durch Konventionen – über „Du wildes Kind“ – ein Gedicht zum Tod des Vaters, den die Verstoßene erst nach dessen Ableben wieder sah – bis zu „Tanz mit Achill“. Dieses Gedicht beschreibt einen Traum, in dem Franziskas Sehnsucht nach dem Schloss, der Kindheit und der unerreichbaren Familie deutlich wird. Dieser Traum versinnbildlicht das Ungleichgewicht zwischen den Konventionen und der gesellschaftlichen Rolle der Frau und Franziskas Selbst. Die Atmosphäre der Gedichte fängt sowohl das für uns Nachgeborene so romantisch anmutende Leben in altehrwürdigen Gemäuern ein, als auch die schmerzliche Trennschärfe des Verlustes, den Franziska als Preis für ihre Unabhängigkeit zahlen musste. So hätte auch Franziska über ihr Leben schreiben können, wäre sie nicht schon vor mehr als 100 Jahren gestorben.

Mit der Kurzgeschichte „Die Braune Frau“ erzählt Therese Chromik einerseits die mögliche Überlieferung einer Gespenstergeschichte – was wäre ein Schloss ohne seine Gespenster? Andererseits beschreibt sie ein kleines Mädchen, dass vom Vater mit eben dieser Überlieferung eingeschüchtert werden soll. Dieses Mädchen allerdings macht sich qua seiner Fantasie den Geist der Braunen Frau zur Verbündeten. Sie bricht den sie selbst fesselnden Bann mit einer kleinen Geste und fühlt sich fortan frei und jenen, die den alten Glauben weiter in sich tragen, überlegen. Mit Fantasie gegen Konventionen, das ist der Weg, den auch die erwachsene Franziska zu Reventlow gehen wird. Mit dieser Geschichte gelingt der Autorin Chromik der Spagat zwischen Fiktion und großer Nähe zur Person der Gräfin.

Der vorliegende Band ist gut geeignet, sich einen stimmungsgeladenen Überblick über das Leben der Franziska zu Reventlow zu verschaffen. Er eignet sich ebenfalls als vorbereitende Lektüre auf einen Besuch im Schloss vor Husum. (Tipp: Buch lesen und die Sonderausstellung besuchen: „Alles möchte ich immer“ Franziska Gräfin zu Reventlow, noch bis 05. Juni 2011.)
Für alle, die sich vertiefend mit Leben und Werk der Gräfin beschäftigen wollen, bietet das Buch zahlreiche bibliografische Hinweise. Ein kleiner Band für alle, die sich für Franziska zu Reventlow interessieren und ein wenig näher an das Lebensgefühl jener Zeit heranrücken wollen. Unbedingt lesenswert!

Therese Chromik: „Wenn ich nur lieben kann“ Franziska zu Reventlow. Verlag Schmidt & Klaunig, 2009, 6 €

Eis essen und dabei das Leben verändern…

um 00:28 Uhr

„Ohne (m)ein Eis sage ich nix!“ – Ein Roman von Sylvia Fitz und Sigrid Konopatzki
rezensiert von Sylvia Tornau

Während eines gemeinsamen Essen kamen die befreundeten Autorinnen Sylvia Fitz und Sigrid Konopatzki auf das Thema ‚Deutsche Waschmaschine frisst schwarze Wollsocken’. Das Frustlachen darüber wurde zur Initialzündung für den ersten gemeinsamen Roman (Quelle: NGZ), dem hoffentlich andere folgen werden.

Die Autorinnen Filz und Konopatzki beschreiben die Ver- und Entwicklungen der zwei Protagonistinnen, beide Anfang vierzig.
Die eine, Claudia, hadert mit ihrem Leben, vor allem mit ihrer Ehe. Zu viel Alltag hat sich eingeschlichen, zu viele Gewohnheiten und die Waschmaschine frisst zu viele Männersocken, von denen es in Claudias Hauhalt reichlich gibt. Sie und ihr Mann Harald arbeiten als Lehrer an verschiedenen Schulen und leben mit ihren fast erwachsenen Söhnen in einem kleinen Haus. Nachdem Claudia Harald eröffnet hat, dass sie sich von ihm trennen will, ist dieser mit den Söhnen ans Meer gefahren.
Die andere, Felicitas, Tochter aus reichem Elternhaus hat einen noch reicheren Mann geheiratet. Für ihn war sie viele Jahre die immer attraktive und intelligente Frau an seiner Seite. Sie begleitete ihn auf Dienstreisen, organisierte Arbeitstreffen mit wichtigen Geschäftspartnern im heimischen Palast. Eines Tages bemerkt sie, dass er sie mit einer fast zwanzig Jahre jüngeren Blumenverkäuferin betrügt. Felicitas ergreift die Flucht nach vorn und lädt ihre Freundin Claudia über das Wochenende in ein Wellness-Hotel ein.
Kennen gelernt haben sich die beiden während ihrer Studienzeit. Sie teilten sich eine WG mit Birgit, Stefan und Nele. Während des Wochenendes beschließen die Freundinnen nach fast zwanzig Jahren ein WG-Treffen zu organisieren. Ungeahnt von allen Beteiligten wird dieses Treffen die Leben aller verändern.

Spannung erhält dieser mitunter märchenhaft und dann doch wieder realistisch anmutende, 175 Seiten umfassende Roman vor allem durch die sehr lebendig geschilderten Rückblenden in das WG-Leben und durch das Treffen der Fünf in Felicitas Haus. Die Wahrheiten die hier einander erzählt und teilweise zum ersten Mal sich selbst eingestanden und die Irrtümer die aufgeklärt werden, sind lebendiges Beispiel für die möglichen Wirren von Menschen in den Vierzigern. Hier geht es um Rückschau, um eine erste Bewertung dessen, was erreicht wurde, aber auch um das Eingeständnis, welche Werte man aus den Augen verloren, vielleicht gar verraten hat. Es geht um das, was nicht mehr möglich ist, aber auch um das Entdecken von Optionen, die das Leben jenseits der Vierzig bereithält.

Etwas bedauerlich finde ich, dass die Schilderung des Wellnes-Wochenendes so viel Raum einnimmt und das die Autorinnen mitunter wenig Vertrauen in die Fähigkeiten ihrer LeserInnen haben. Da werden eindeutige Zusammenhänge erklärt und wiederholt, werden Stimmungen mit Adjektiven untermauert. Auch verfallen die Autorinnen aus meiner Sicht zu häufig in Alltagssprache, was den Roman nicht leicht, sondern streckenweise unglaubwürdig und langatmig macht.
Trotz dieser Mängel ist das Buch aufgrund der Realitätsnähe zu Lebensthemen von Menschen rund um die Vierzig und ob der Lebendigkeit der Rückblenden sowie der, dem Treffen der ehemaligen WG-BewohnerInnen innewohnenden, Wahrhaftigkeit lesenswert. Vor allem an warmen Sommertagen macht es angesichts der Genussfähigkeit von Felicitas und ihren MitstreiterInnen – jenseits vom grassierenden Diätwahn – Appetit auf ein großes Eis.

Sylvia Filz, Sigrid Konopatzki: „Ohne (m)ein Eis sage ich nix!“. BOD-Verlag 2010, 12,90 €

Thea Dorn feministisch – Ein Krimi ist es trotzdem.

6. Dezember 2010 um 15:40 Uhr

Die neue F-Klasse. Wie die Zukunft von Frauen gemacht wird – Eine Empfehlung von Sylvia Tornau

Dieses schon 2006 vom Piper Verlag veröffentlichte Interviewbuch entdeckte ich zufällig beim Durchschlendern der Bibliothek der Bundeszentrale für politische Bildung. Prinzipiell ein Ort, an dem ich nicht mit einem Titel der Krimiautorin Thea Dorn gerechnet habe.
In 11 Interviews geht Thea Dorn der Frage nach, ob die heutigen jungen Frauen den Kampf um die Gleichberechtigung verloren haben, weil sie zu sehr damit beschäftigt waren, sich vom Feminismus zu distanzieren und sie fragt nach dem Wie weiter?
Aufgeben. Abfinden. Hinnehmen, das ist eindeutig keine Lösung. Frau Dorn bezieht im Vor- und Nachwort eindeutig Stellung dazu, dass es in Deutschland noch immer nicht weit her ist, mit der Gleichberechtigung. Die Basics sind geschaffen, aber wie weiter? Den Rückzug ins Private lehnt sie vehement ab, vielmehr setzt sie auf die Vorbildwirkung von Avantgarde-Frauen, zu denen sie ihre Interviewpartnerinnen zählt. Egal ob Anwältin, Politikerin, Moderatorin, Köchin, Psychiaterin, Ingenieurin oder Weltmeisterin im Eisklettern, diese Frauen legen vor. Sie sind gebildet, mit und ohne Kinder, mit oder ohne Partner und sie verbindet eines: sie machen Karriere in Berufen, in denen Frauen in Leitungspositionen bis heute die Ausnahme sind.
Ein an sich ‚trockenes’ Thema, das bei der einen oder anderen Leserin schon mal ein Augenrollen hervorruft. Aber trocken ist dieses Buch nicht. Die Interviews sind authentisch und spannend und einige, wie z.B. das Gespräch mit der Berufsberaterin Uta Glaubitz, sprühen vor Witz.
Unbedingt Lesenswert. Ein Mutbuch für Frauen, ihren ganz eigenen Weg mit ganz eigenen, weiblichen Netzwerken zu gehen.

Zum bestellen:
Bundeszentrale für politische Bildung

Mehr Davon!

29. August 2010 um 17:38 Uhr

„Weit Gehen“ Gedichte von Eva Förster
rezensiert von Sylvia Tornau

Mit ihrem Debüt als Lyrikerin wagt sich Eva Förster, Publizistin und Theaterkritikerin mitten hinein ins Menschliche. Sehnsüchtig, wartend, trauernd und gierend, die Texte lesen sich wie situationsabhängige Zusammenfassungen menschlichen Lebens, gesprochen von der Stimme aus dem Off. Gerade das scheinbar Unbeteiligtsein dieser Stimme, die den Beobachtungen zugrunde liegende Lakonie ermöglicht der Leserin ein Beteiligtsein, ein Hineingezogenwerden in den Text, die Situation. Dieses seziermesserscharfe Hindeuten auf das ‚Hier, Jetzt und So ist es’ kann sich einen Augenblick, eine Zeile später allein durch ein Augenzwinkern, eine leichte Bewegung der Luft oder das Eindringen eines Gedankens in den Kopf der Leserin in das genaue Gegenteil des eben klar Empfundenen wandeln. So z.B. in dem Gedicht „Der Kriecher“: Da saß er./ Sein Schließmuskel/ entließ/ Wirbel/ für Wirbel./ Als alles heraus war,/ fiel er vornüber./ Die Menschen staunten/ und sagten:/ Seht an, er hatte ein Rückgrat!

Die Gedichte in diesem Band wecken tief in uns schlummerndes Wissen und offene Seins-Fragen. Beim Lesen wird klar, da ist sich eine ganz nah und stellt sich dem Leben maskenlos, erwartet Befriedung der eigenen Seele im Inneren, in der Akzeptanz der eigenen Vielheit. So gelesen in „Erkenntnis“: In mir hockt ein Kind/ mit Matrosenkragen/ und wenn SIE die Braue hebt,/ bekomm ich’s mit der Angst.

Eva Förster gelingt in ihrem Gedichtband der Spagat zwischen den kleinen Details des alltäglichen Lebens und den dahinter liegenden großen Gedanken. Die Mechanismen der Verunsicherung, das Wechselspiel von anziehen und abstoßen, von Stillstand und Bewegung werden ebenso schonungslos aufgezeigt wie die Gier in Liebesbegegnungen und der Schmerz von Abschieden. Die Gedichte beschönigen nichts, aber sie verdammen auch nicht. Sie sind dem Leben zugewandt. Ein wenig atemlos vielleicht, angesichts der allgegenwärtigen Vergänglichkeit, aber immer Ja-Sagend zum Sein, zum Leben.

Mit dem vorliegenden Gedichtband lädt die Autorin ein zum Lebens-Ja, in jeder Sekunde, in jedem Innehalten und Vorwärtsstürmen. Symbolisch für diese Einladung scheinen die letzten drei Seiten des Bandes: drei leere, linierte Seiten, auf denen die Leserin ihre eigene Fortsetzung schreiben kann.
Unbedingt selber lesen und verschenken!

Eva Förster „Weit Gehen“, Verlag Hans Schiller, Berlin, 74 S., 16 €

Nur 12 Gramm machen den Unterschied

3. Juni 2010 um 18:34 Uhr

Das Gewicht der Seele von J. Monika Walther
rezensiert von Sylvia Tornau

Irgendwas ist immer: zu erkennen, zu durchdringen, zu bewältigen. Dieses Axiom zieht sich durch den 400 Seiten starken Erzählband von J. Monika Walter. Verstörend und skurril-real sind die gezeichneten Personen. In den Zwischenraum von Fiktion und Realität gestellt, wirken sie sowohl real, als auch immer einen Schritt neben dem Möglichen. So zum Beispiel Jean, Antagonist aus der Titelgebenden Erzählung “Das Gewicht der Seele”. “Jean war keiner, der ums Leben zweifelte, und keiner, der nur einen einzigen Menschen besitzen wollte. Er verlangte nach mehr und gab sich nicht zu erkennen. Das Verbergen war seine Lust.” Jean ist ein Seelensucher. Seine Geliebte, die Tönesammlerin Alice, “die ihn nicht liebte, weil sie Angst hatte, ihn zu verlieren” ließ er nackt auf eine Waage steigen. Er notiert das Gewicht, erwürgt sie dann und wiegt sie erneut. Am Ende der Erzählung notiert er: “Ein lebender Mensch abzüglich zwölf Gramm Seele ergibt einen toten Menschen.”

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Wenn das Leben kräht ist es der Tod oder die Veränderung

2. Februar 2010 um 18:53 Uhr

“Goldbroiler oder die Beschreibung einer Schlacht” – Eine KriminalGeschichte
von J. Monica Walther – rezensiert von Sylvia Tornau

Vorab gesagt, wer – angelockt vom schmackhaften Titel – das letzte große Broilerfressen vor dem Ausverkauf der DDR-Goldbroilerstuben erwartet, der wird enttäuscht sein und vielleicht dann, wenn er lange genug in der Geschichte bleibt, doch auch nicht.
Das goldige Vögelchen ist in diesem Buch nicht viel mehr als ein Synonym.

Nur wenig an der DDR war so schmackhaft wie dies und vielleicht gerade deswegen musste es Anfang der 90er erst einmal verschwinden. Und ums Verschwinden des Alten, Abgewirtschafteten geht es in diesem Buch (unter anderem!). Das teilt uns die Autorin J. M. Walther schon auf der ersten Seite ihrer KriminaGgeschichte mit:
“Die Schonzeit im Ex-Land DDR ist vorbei.”

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Es adventelt jedes Jahr!

um 18:42 Uhr

“Adventsgeschichte von A bis Z – Hörspiel für Ü-Zehner“ von Regina Schleheck gehört und besprochen von Sylvia Tornau

Der dreizehjährige Julius verunglückt am 01.12. und bevor darüber entschieden wird, wie es mit ihm weitergeht muss er 24 Tage an der Pforte warten, die sich im Kopf der Hörenden schnell in die Himmelspforte wandelt. Damit ihm die Zeit nicht so langweilig wird – schließlich gibt es an diesem Ort im Nirgendwo weder Fernsehen noch Playstation “ besucht ihn täglich sein ganz persönlicher Schutzengel “Jungel” und verwickelt Julias in einen 24 Tage währenden Dialog. Jedes dieser Gespräche ist einem Buchstaben gewidmet. Das Erste dem A, das Dritte dem C, das 19. dem S, wie Stall.
Mit diesem Hörspiel werden Heranwachsende an Themen wie z.B. Was ist Chaos?, Woraus besteht Dunkelheit, wer spricht denn von Liebe, jedes Jetzt ist ein Moment, ist dort, wo nichts ist Nichts? oder wonach riecht der Tod?.

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Kurzgeschichten für alle die nichts langes mehr lesen wollen, können, mögen

um 18:39 Uhr

“Klappe zu – Balg tot, Bitterböse Geschichten“ von Regina Schleheck – rezensiert von Sylvia Tornau

“Die alte Zieten hatte in weiser Voraussicht vor dem Tisch eine kleine Wanne aufgestellt, in die Fruchtwasser, Blut und die übrigen Ausscheidungen, die bei einer Geburt dazugehören, abfließen konnten, während mein Körper durch den engen Ausgang gequetscht wurde. Als ich meinem Vater schließlich in die Hände glitt, zitterte er vor Angst und Aufregung dermaßen am ganzen Leibe, dass es ihm nicht gelang, meinen kleinen mit Käseschmier überzogenen Körper festzuhalten. Ich flutschte ihm durch die Finger und landete mit einem gro?en Platsch in dem Kübel.
Als die Hebamme mich daraus barg und hochhielt, war das Erste, was meine Mutter ausrief: “Himmel, ist der hä?lich!” Mein halber Kopf war von einem Fruchtblasenrest bedeckt, der sich über Augen und Nase gelegt hatte und mir das Aussehen eines Mutanten verlieh. Die Rückstände aus der Wanne taten ihr Übriges. “Papperlapapp, Frau Gebker” sagte die Hebamme, “das ist eine Glückshaube! Dieses Kind ist gesegnet!”

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