Resümee: Pilgern auf der Via Baltica

6. Juni 2013 um 20:27 Uhr

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Nach drei Tagen Erholung sitzen wir in Kühlungsborn im Sonnenschein auf der Terrasse und sprechen darüber, wie wir die Pilgerreise im Nachgang bewerten. Über eines sind wir uns einig: erlebt haben wir beide so etwas noch nicht und es gab sowohl großartige als auch schreckliche Momente. Großartig waren die erlebte Verlangsamung der Zeit, das in der Natur sein, manche Begegnungen mit Tier und Mensch, das Konzert in Greifswald, das Miteinander und vieles mehr. Schrecklich waren das Gepäck auf dem Rücken, der 20 km Marsch, die Wanderungen im Regen und einige der Unterkünfte.
Trotzdem, im Nachgang überwiegt bei uns beiden die Freude: wir haben es geschafft und haben viel erlebt und erfahren.
Wir sind ca. 214 km gelaufen, dass heißt wir haben fast eine halbe Million Schritte gemacht. Wir sind durch 2 Städte, 5 Kleinstädte und 41 Dörfer gelaufen. Was wir nicht gezählt haben: an wie vielen Rapsfeldern wir vorbeigekommen sind. Es waren viele und im Verlauf der Wanderung konnten wir zusehen, wie der Raps verblüht.
In Bezug auf die vor der Wanderung gesteckten Ziele können wir, im Rückblick betrachtet, sagen:
(Ina) Ich bin auf der Reise ruhiger und ausgeglichener geworden. Es tat mir gut. Ich habe das Wandern, obwohl ich es nicht mag, sehr genossen. Es gab durchaus Momente, wo ich aufhören wollte, z.B. während der 20 km Tour. Aber ich habe auch gemerkt, wie sich eigene Grenzen verschieben lassen und ich immer noch Kräfte aktivieren konnte, von denen ich vorher nicht wusste, dass es sie gibt. Manchmal hat eine Pause oder ein Stück Erdbeertorte Wunder bewirkt. (Sylvia) Mein Ziel, dem Schmerz und der Traurigkeit davon zu laufen, sie loszuwerden, habe ich nicht erreicht. Es war eher so, dass ich mitten in sie hineingelaufen bin. Trotzdem ist da viel passiert. Es sortiert sich etwas in mir, z.B. hat sich die Frage geklärt, was ist Trennungsschmerz und was gehört zu einem ganz alten Schmerz. Worin unterscheiden die sich. Ganz nebenbei habe ich gelernt, dass es nicht schlimm ist traurig zu sein. Dass dies ein Teil ist, der zu mir gehört, ebenso wie Lebensfreude und Neugier und vieles andere. Heißt, ich muss mich weder darüber definieren, noch mich deswegen verdammen. Gefühle kommen und gehen, ich bleibe. Dies zu spüren, hat auch mich ruhiger und gelassener werden lassen. Mir selbst gegenüber, gegenüber dem was ist, aber auch gegenüber dem, was ich mir für die Zukunft vorstelle.
Sollten wir wieder einmal miteinander pilgern, dann wissen wir, dass die Tagesstrecke nicht länger als 16 km sein sollte. Das ist aushaltbare Anstrengung. Alles andere ist Quälerei für ungeübte Pilgerer und faule Stadtmenschen.
Wir können uns vorstellen, noch einmal miteinander zu pilgern. Dann allerdings in anderer Landschaft und ohne Zeitdruck. Auf dieser Reise mussten wir ja immer die jeweilige Unterkunft erreichen, es gibt in der Region einfach zu wenige Pilgerherbergen.
Momentan denken wir gerade über den St. Olovs Weg in Norwegen nach. Allerdings dürfte es dort noch einsamer sein und wir müssten sicher ein Zelt mitnehmen. Aber die Landschaften dort…

Wir danken allen, die uns hier und in anderen Medien auf unserer Reise begleitet und uns mental unterstützt haben.

Zwischenzeit

5. Juni 2013 um 15:03 Uhr

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Am Horizont das Segel
Weiß leuchtet Erinnerung
Als die Tage noch Zukunft
Die Abende warm
Der Herzschlag schnell.

Meerblau färbt der Blick
Die ruhige See
Am Ufer ein Fischskelett
Zwischen Tang und Steinen
Sand rieselt Zeit.

Am Horizont das Boot
Holt die Segel ein
Eine Möwe kackt Träume
Über den Türmen der Strandburg
Weht die Fahne des Abschieds.

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Station 16: Kühlungsborn West – Finale

3. Juni 2013 um 23:09 Uhr

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Von Bad Doberan nach Kühlungsborn West – Streckenlänge 15 km

Heute morgen saßen wir sowohl wehmütig als auch voller Vorfreude beim Kaffee auf dem Balkon der Pension. Wehmütig weil wir zum letzten Mal unsere Rücksäcke packen durften. Irgendwie haben wir uns an das spartanische Leben mit 2 Hosen, 2 Jacken und 2 T-Shirts und Zahnbürste gewöhnt. Wehmütig aber auch, weil das Erreichen des Zieles, das Ende der Wanderung bedeutet. Gleichzeitig waren wir voller Vorfreude. Endlich das Meer sehen, endlich zivile Kleidung tragen und einfach nur faul sein, am Strand liegen, lesen.
Die erste Stunde ging es durch den Wald, immer an den Schienen der Mollibahn entlang. Ina nutzte die Tour heute noch einmal ausgiebig zum Fotografieren. Sogar ein Fuchs lief ihr vor die Kamera.
Ich hingegen musste mich noch einmal austoben und lief im Eiltempo durch den Wald. Dabei kam mir immer nur das Offensichtliche in den Blick. Ich habe noch nie so viele unterschiedlich gemusterte Nacktschnecken gesehen wie in dem Waldstück zwischen Bad Doberan und Heiligendamm. In Heiligendamm gab es Kaffee und die ersten Mollifotos. Und dann war es so weit. Durch wunderbar alte Buchenwälder laufend, begrüßten wir das Meer, aber das Meer interessierte sich nicht für uns. Es war einfach nur da und wir freuten uns darüber.
An der Grenze zwischen Heiligendamm und Kühlungsborn lockte uns ein Imbisswagen an. Sekt für 2 €, da konnten wir nicht anders. Wir mussten erst einmal auf uns anstoßen.
Getrübt wurde die Freude allerdings durch die Hochwassermeldungen unserer Freunde aus Leipzig. In Gedanken waren wir bei allen, die gerade zu retten versuchten, was irgendwie zu retten ist. Egal ob Knauthain, Grimma, Döbeln, Dessau oder eine der anderen vom Hochwasser betroffenen Regionen, die Nachrichten, die wir erhielten (und erhalten) machten uns betroffen und scheinen angesichts der Wetterlage hier unwirklich. Wir hoffen mit Euch, dass die Maßnahmen, die ihr getroffen habt, ausreichen.
In unserer Unterkunft in KBW angekommen haben wir uns erst einmal umgezogen und ein Nudelfest veranstaltet. Die kommenden 3 Tage werden wir es ruhig angehen, obwohl, auf die 20 km (Hin- und Rückweg) nach Rerik, hätte ich schon Lust :-) .
Fazit des Tages: (Ina) Es war eine wunderschöne letzte Etappe. Der Duft von Heiderosen, Jasmin und Meer umschmeichelte uns und der erste Blick auf das Meer war umwerfend. Ich war traurig, dass die Wanderschaft vorbei geht und weil ich mit meinen Gedanken in Sachsen war. (Sylvia) Die Unruhe hatte mich heute wieder fest umklammert, aber ich bin so schnell wie möglich gegen sie angelaufen. Jetzt, in der Leuchtturmstraße im Sessel lümmelnd fühle ich mich ganz ruhig, so als hätte mich jemand ausgeknipst.

Strömungen

um 19:14 Uhr

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Vertraute Wege neu entdecken
Sonne beißt in Grün
Die Wipfel wiegen
Im Takt des Frühlings
Wolken ziehen weiter

Vertraute Wege neu beschreiten
Wind peitscht Wellen
Der Strand liegt bloß
Im Rausch des Blütenduftes
Vögel ziehen Kreise

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Station 15: Bad Doberan

2. Juni 2013 um 19:43 Uhr

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Von Rostock nach Bad Doberan – Streckenlänge 22,5 km, davon 14,5 mit der Regionalbahn und 8 km gelaufen

Das war eine gute Nacht im Pentahotel. Mitternacht gab es an der Bar noch einen Latte Macchiato und dann endlich einmal entspannter Schlaf in großen und bequemen Betten! Aufstehen gegen 10 Uhr, auschecken gegen 11 Uhr und dann Frühstück in der Bäckerei Junge. Während wir uns Kaffee und Brötchen schmecken ließen, plätscherte nebenan der Brunnen der Lebensfreude. Die schönen Brunnenmenschen taten mir schon ein wenig leid, wie unberührt sie dem Sturm in ihrer Nacktheit trotzten, bei gefühlten 5 Grad.
Eigentlich war der Plan heute 8 km mit dem Bus zu fahren und dann nach Bad Doberan zu laufen. Aber Rostock ist nicht Leipzig und der Rostocker Nahverkehr mag ja in der Woche gut funktionieren, am Wochenende aber fahren die Busse nicht. Jedenfalls die nicht, die wir rausgesucht hatten. Nach einer Stunde frieren an einer zugigen Haltestelle kam ein alter Mann auf seinem Fahrrad daher und meinte im vorbei radeln: “Der 27er fährt heut nicht.” Das Internet sagte zwar etwas anderes, aber wir glaubten dem Mann, denn er sah so aus, als würde er sich auskennen. Also etwas demoralisiert zum Bahnhof laufen, Zug raussuchen, losfahren. Deprimierend für uns: für 14 km brauchte der Zug nicht einmal 15 Minuten.
Mir war so kalt, dass ich ganz heiß aufs Laufen war. Ina hingegen hatte heute keine richtige Lust, insofern war die kurze Strecke gut.
Im Bad Doberaner Münster holten wir uns den letzten Stempel für unsere Pilgerhefte. Der Münster ist gut erhalten und gehörte zu einem Zisterzienserkloster aus dem 13. Jh. – ein ziemlich beeindruckender Bau mit einer schönen Orgel. Ich würde gern mal ein Konzert dort hören, bestimmt ist die Akustik großartig.
Unsere Pilgertour nähert sich dem Ende und in mir macht sich so etwas wie Abschiedsmelancholie breit. Obwohl ich total erschöpft bin und mich auf drei Strandtage in Kühlungsborn freue, habe ich das Gefühl von noch-weiter-wollen, vielleicht auch müssen. So ganz bin ich noch nicht “ausgelaufen”. Liegt wohl auch daran, dass ich es auf dieser Reise sehr schätzen gelernt habe, dass die körperliche Anstrengung ein gutes Pendant zu meinem immer laufenden Kopfkino ist. Die Bewegung mit der Last auf dem Rücken knipst den Film zwar nicht aus, aber der Film läuft in slow motion. Das macht ihn weniger anstrengend und ich kann mir auch mal die Details ansehen. Das fährt meinen Adrenalinspiegel angenehm runter. Naja, morgen kann ich mich ja noch einmal austoben.
Auf Ina hat das Laufen wohl eine ähnliche Wirkung, zumindest was die Sache mit den Details betrifft. Jedenfalls stellt sie immer mal wieder merkwürdige Fragen. So auch vorhin, beim Kaffee auf dem Balkon unseres Pensionszimmers: “Gibt es eigentlich auch Hummelhonig?” Die kleine dicke Hummel die uns gerade umschwirrte, mochte uns die Antwort nicht geben. Aber es gibt ja Internet und auf Yahoo wurde ich fündig: es gibt ihn, aber nicht so häufig, weil Hummelvölker viel kleiner sind als Bienenvölker. Hummelhonig ist sehr viel dünnflüssiger, weil Hummeln nicht wie Bienen die Arbeit teilen. Mal sehen, ob wir in Kühlungsborn in einem Bioladen welchen bekommen.
Fazit des Tages: (Ina) Ich freue mich auf morgen, nicht weil es der letzte Weg ist, sondern weil wir noch einen Tag zum Laufen haben und hier die Landschaft wieder schön ist. Morgen laufen wir am Meer.
(Sylvia) Jetzt, wo sich die Reise dem Ende nähert, möchte ich immer so weiter laufen, nicht aufhören müssen. Aber so ist es wohl mit mir, wenn mir etwas gut tut, dann möchte ich mehr davon: Schokolade, Bücher, Meer und Strand, Sonne, Liebe, Alkohol, Musik, Wege unter den Füßen, Landschaft vor den Augen, Menschen die ich mag um mich, Gespräche und natürlich ganz viel freie Zeit.

Station 14: Rostock

1. Juni 2013 um 19:25 Uhr

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Von Sanitz nach Rostock – Streckenlänge 23 km, davon zu Fuß 16 km und 7 km mit dem Bus

Heute waren wir wieder einmal ziemlich kraftlos, so wie jedes Mal, wenn wir wenig und schlecht geschlafen haben. Auf dünnen Matratzen zu schlafen, kaum spürbar, dass eine Matratze zwischen Fußboden und Körper lag, ist hart. Noch härter und schlafraubender war allerdings die nicht ausstellbare Notausgangsbeleuchtung, und davon hatten wir zwei im Zimmer.
Eigentlich wollten wir heute stumpfsinnig vor uns hin schlurfen. Ging aber nicht, der Pilgerweg war ein Hindernisparcour. Riesige Schlaglöcher und Pfützen zwangen uns zum Ausweichen, Füße heben, Umwege nehmen.
So langsam tritt das ein, was wir uns für diese Tour gewünscht haben: der Kopf ist leer. Um uns, um was auch immer, Gedanken zu machen, dazu waren wir viel zu erschöpft. Alle Energie aus dem Kopf floss in Rücken, Beine und Füße. Wir sind uns noch nicht ganz sicher, ob wir diese Art des Funktionierens wirklich mögen. Aber egal, weiter gehts!
So kurz vor Rostock wird die Landschaft öde. Nur Stoppelfelder und Windräder. Irgendwie der Tiefpunkt unserer Wanderschaft. Die Ortschaften werden austauschbar: lauter neugebaute Eigenheime, die nur noch so tun, als wären sie Klinkerbauten. Alles Imitate.
Die Sonne meinte es heute auch besonders gut mit uns. Sie brannte einfach nur von oben nach unten. Warum nur tun wir uns das an? Diese Frage konnte heute keine von uns beantworten. Klar ist: ohne Musik “The Frames” (Ina) und “Rastaknast” (Sylvia) hätten wir uns in die Wüste gesetzt und wären verdurstet. Aber Rastaknast machte mir Hoffnung auf heute Abend “Einmal noch hoch das Glas, auf das was kommt, auf das was war…”.
Jedenfalls haben wir uns bis zur Bushaltestelle in Pastow an der Feuerwehr geschleppt und sind die restlichen 7 km mit dem Bus gefahren. Dort kreiste ein Storch über uns – was für eine Freude für die trüben Augen.
Im Bus Schlafstimmung, aber kaum waren wir ausgestiegen, war Ina hellwach. Menschen!!!
Am Rosengarten, welch Wunder, saßen junge Menschen in Grüppchen, was für ein Motiv für unsere Bilddokumentarin.
Ina, heiß auf Szenekneipen, Sylvia grad in der falschen Stadt, aber Aperol Sprizz hat uns wieder versöhnt. Wir gehen ins Hotel Fernsehen glotzen.
Fazit des Tages: (Ina) Mein Akku war leer, ich kam mir vor wie ein Kriegsheimkehrer, in sengender Sonne schlurfend und fast am Boden kriechend, rettete mich nur meine Lieblingsmusik. (Sylvia) Was soll ich sagen, andere Mütter haben auch schöne Söhne und morgen ist ein neuer Tag.

Kurze Momente zwischendrin

um 16:22 Uhr

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Das Bild ist ein Suchbilld. Wer als erstes im Bild findet, was nicht auf den Müll gehört, der/dem geben wir einen Kaffee oder ein Bier aus :-)

Es raschelte am Wegesrand, es piepste aufgeregt und dann entdeckten wir ihn, einen Grünfink, der sich bei seinen ersten Flugversuchen im Gras verheddert hatte. Ina schaffte es, ihn zu fotografieren, bevor er weiterzog.

Wir laufen durch Ortschaften, in denen die Hecken wie mit einem Lineal gerade rasiert sind, die Gartenbepflanzung an Friedhöfe erinnert und in denen die Menschen uns hinter ihren Gardinen beobachten. Wenn wir sie grüßen, ziehen sie schnell die Köpfe ein.

Beim Durchwandern dieser Ortschaften, denke ich dadurch viel über meine Ursprungsfamilie nach. Ich sehe das freche Grinsen meines mittleren Bruders vor mir, wie es da sitzt, in seinem schmalen Gesicht mit den abstehenden Ohren. Oder ich denke an meine Omas, die eine unterkühlt und manipulierend, die andere, etwas wärmer, aber mit sich selbst beschäftigt und dem Alkohol verfallen. Ich sehe sie deutlich vor mir, wie ich ihr einmal im Dorf begegnete.mit ihrem Runden, etwas eingefallenem Gesicht, ihrem grauen Haarschopf und in einer blaurot getupften Dederonschürze führte sie ihren Hund an der Leine. Sie sprach etwas undeutlich, also fragte ich, ob sie ihr Gebiss vergessen hätte. Sie lachte, griff in die Schürzentasche und baute das Gebiss in ihren Mund.

Ich glaube, die Mücken im Wald hatten heute Feiertag und ich war ihr Festmahl.

Station 13: Sanitz

31. Mai 2013 um 20:55 Uhr

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Von Schloss Kölzow nach Sanitz – Streckenlänge 16 km

Nach dem Frühstück wollten wir die Übernachtung bezahlen und uns die Pilgerhefte abstempeln lassen. Sagt die Schlossherrin: “Ach, Sie wollen zahlen, oder lieber nichts zahlen und Stempel, Datum und Unterschrift wollen Sie auch noch gratis dazu!”
Prinzipiell hätte das ja ein Scherz sein können, aber die Frau meinte das sehr ernst. Und, das war nicht die einzige Spitze, die sie in Bezug auf unsere – zugegebenermaßen eingeschränkten – Finanzen losgelassen hat. Schade eigentlich, denn das Schloss ist schön gelegen, der Park ist eine kleine Idylle, der Schlosshund ist ein verfressener alter Trottel und die Zimmer, in die wir heimlich reingesehen haben, sind auch ganz nett. Nach der Nummer von der Schlossherrin würde ich allerdings sagen: nur hinfahren, wer entweder ein dickes Fell in den Ohren oder ein dickes Konto hat.
Aber egal, entspannt, wie wir von der ganzen Lauferei sind, haben wir freundlich einen guten Tag gewünscht, unsere Rucksäcke aufgesetzt und losmarschiert.
Sonnig war es heute und windig. Wir haben festgestellt, dass Pappeln im Wind wie die aufgewühlte See klingen, während der Wind die Tannen eher wie eine ruhige Brandung rauschen lässt.
Rapsfelder waren heute nur wenige zu sehen, dafür unendlich viele und große Roggenfelder. Der Wind strich in sanften Wellen über das Getreide. Unter seiner Berührung sah das ganz sanft und weich aus. Streicht man aber mit der Hand darüber, fühlt es sich einfach nur stachelig und kratzig an. Also erzeugen Wind und Feld eine optische Täuschung.
Ina hatte heute wieder ihren Makrofototag. An alles musste sie mit ihren Augen und mit der Kamera ganz nah ran. Ergebnis, die großen Dinge, wie eben ein Loch am Feldrand, werden übersehen. Plötzlich lag sie wie ein Käfer auf dem Rücken und strampelte mit den Beinen :-) .
Unterwegs begegnet sind uns Strauße, Grünfinken, Mehlschwalben und Ina war ganz fasziniert von zwei Raupen: einer nackten und einer mit Fell. Naja, beim miteinander wandern entwickelt jede so ihre Eigenheiten. Meine sind nicht ganz so blumig duftende Bleifüße und ein sehr nach innen gerichteter Blick. Auch in Bezug darauf sind wir sehr unterschiedlich: zu Beginn der Wanderung lag meine Aufmerksamkeit mehr im Außen, während Ina mehr mit sich beschäftigt war. Jetzt ist es umgekehrt. Gleich ist bei uns beiden aber dies: wir sind in uns ruhiger und ausgeglichener geworden.
Heute übernachten wir im Gruppenraum der evangelischen Gemeinde. Aber alles ist schick, das Gebäude ist neu, Dusche und Toilette sauber, der Pfarrer freundlich. Als er vorhin den Raum für die heutige Männergruppe vorbereitete, trällerte er ein Lied. Die Gruppe tagt übrigens immer noch, aber jetzt wird nicht gesungen, dafür meldet sich unser Wegbegleiter, der Kuckuck, wieder.
Fazit des Tages: (Ina) Natur, Ruhe und Einsamkeit sind sehr schön, trotzdem freue ich mich wahnsinnig auf morgen – das lebendige Großstadtgewimmel von Rostock. (Sylvia) Den ganzen Tag mit heftigen Seitenwind und in der Sonne unterwegs, dass macht mir gute Laune und einen leichten Sonnenkasper.

Station 12: Schloss Kölzow

30. Mai 2013 um 19:51 Uhr

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Von Bad Sülze nach Kölzow – Streckenlänge 9 km
Der Pilgerweg den wir heute begingen, trägt den erwartungsfrohen Namen “Tour der Steine”. Wir haben vieles gesehen, sogar einen auf Waldwegen motorcrossenden, etwas verpickelten Jüngling. Der hat vermutlich nicht oft Publikum, denn gleich mehrfach, nachdem er an uns vorbei war, ließ er seine Maschine aufjaulen. Aber was soll er auch sonst machen, wenn er schon mal an zwei Tanten vorbei düst, wo doch sonst immer nur Kühe und Pferde ihn bewundern. Was wir unterwegs nicht gesehen haben, jedenfalls nicht mehr als sonst, waren Steine.
Es ist so deprimierend. 20 km von der Ostsee (Ribnitz- Damgarten) entfernt wirken die Ortschaften leblos und arm. Die wenigen Kneipen die es gibt sind so gähnend leer und verlassen wie die gar nicht so seltenen Spielplätze.
Menschen begegnen uns nur selten, Menschen in unserem Alter und jünger fast gar nicht. Was es dafür umso häufiger gibt – obwohl uns auch von denen noch keiner leibhaftig erschienen ist – sind Finanz- und Versicherungsberater. Wen die hier beraten ist mir schleierhaft, vielleicht all die armen Ostrentner mit ihrem Grundbesitz.
Eigentlich wollten wir heute in unserer Unterkunft Schloss Kölzow als Königin Inasa und König Sylvio “einreiten”. Der Schlosspark ist eine schöne Anlage mit vielen Sitzgelegenheiten und Ententeich. Auf den Wiesen grasen Schafe und zwei Ziegen. Die Rezeption ist besetzt und für 50 € dürfen wir im Dienstbotenzimmer schlafen. Nix König und Königin.
Heute habe ich ganz stark das “ich-will-hier-weg-Bedürfnis”. Obwohl wir in richtigen Betten schlafen und uns sogar eine Badewanne zur Verfügung steht. Aber will ich die wirklich benutzen? Mit abgenutztem Plastikduschvorhang?
Irgendwie weiß ich jetzt, warum in ländlichen Regionen der Alkoholkonsum so viel höher ist, als der in der Stadt. Ich erlebe es am eigenen Körper, der allabendlich sagt “wenn ich hier nicht wegdarf, dann WILL ich jetzt sofort Alkohol”. Wehrlos gegen seine Argumente, bekommt mein Körper, wonach er so lautstark verlangt.
Fazit des Tages: (Ina) Ich habe mich heute wieder sehr entspannt und frei gefühlt. Das wurde allerdings dadurch getrübt, dass ich den langsam schleichenden Verfall sehe. Es ist egal, ob ich in einer Kneipe ein opulentes Mahl zu mir nehme, dass rettet die Wirtsleute nicht. Ich kann den Verfall nur wahrnehmen und es tut mir unendlich leid um die Region und die Menschen, aber ich stehe dem auch nur ohnmächtig gegenüber.
(Sylvia) Gäbe es nicht die trotz allem schöne Landschaft, mit ihren Weihern, den unendlichen Feldern, den Blumen und Bäumen und deren warmen Gerüchen, gäbe es nicht all die Pferde, Schafe, Kühe, die Vögel, Käfer und anderes Flatter- und Kriechgetier (außer Zecken und Mücken, die gehören verboten), ich wünschte, wir wären längst in Kühlungsborn, auch wenn dies bedeutete, dass mein Urlaub bald vorbei wäre.

Nachtrag: Auf dem Rückweg von der Kneipe zum Schloss haben wir sechs Jugendliche getroffen, aber vielleicht waren es auch nur drei und wir haben schon doppelt gesehen :-)

I. W.

um 15:26 Uhr

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Wenn der Hahn kräht
Lässt du dich fallen
In einen letzten Traum
Am Morgen bist du dem Mond nah
Und dein Lächeln
Geht heimwärts

In deinen Augen voller Fragen
Leuchten die Sterne
Deren Flugweg du erkundest
Am Mittag sind Lösungen noch fern
Und dein Lächeln
Hängt windschief

Die Schritte verlangsamt
Dem Ruf des Kuckucks folgend
Zählst du Grashalme und Steine
Am Nachmittag ist Erntezeit
Und dein Lächeln
Leuchtet den Raps an

Das Tagwerk vollendet
Arme und Beine ermattet
Deckst du vergnügt den Tisch
Am Abend wird dein Tag lang
Und dein Lächeln
Macht mich froh

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